Eine Maschine, die wirkt – Die Elektrokrampftherapie und ihr Apparat

Skepsis die angemessene Antwort

9783506787361 01Die Elektrokrampftherapie hat eine lange und wechselhafte Geschichte. Es hat Zeiten gegeben, in denen verpönt gewesen ist. Es gibt Zeiten, in denen die Elektrokrampftherapie als Elektrostimulationsmethode Konjunktur hat. Die Tatsache, dass die Elektrokrampftherapie in der Gegenwart eine große Bedeutung hat, hat sicher dafür gesorgt, dass Max Gawlich einen historischen Blick gewagt hat.

Es sind sachliche Töne, die Gawlich anklingen lässt: „Der Einbruch der Technik in die psychiatrische Therapie auf diesen drei Untersuchungsebenen, wurde immer von dem Problem der Wirksamkeit durchkreuzt, sowohl in Bezug auf die Auslösung des epileptischen Anfalls als auch therapeutisch bezogen auf das einzelne Symptom und drittens als theoretische Grundlage der Therapie“ (S. 314). Gleichzeitig blickt er kritisch auf die Anwendung der Elektrokrampftherapie als Stimulationsverfahren. Die Beherrschung des Verfahrens, das die regelmäßigen Effekte durch ausreichende Reize sicherstellte, habe sich gegen eine ätiologische Bestimmung von Krankheit in den Vordergrund geschoben (S. 316).

Diese kritischen Töne treffen sicher in einer gegenwärtig biologisch geprägten Psychiatrie immer noch zu. Gawlich betont, „dass sich Formen der Genesung herausbildeten, die nicht Heilung von Krankheit darstellten, sondern soziale Adaptibilität und Funktionalität betonten“ (S. 323). Gawlich liegt es nicht daran, der Elektrokrampftherapie eine klare Absage zu erteilen. Damit entgeht er der Gefahr, sich ideologisch mit derselben zu beschäftigen.

Einerseits arbeitet sich Gawlich technik-historisch an der Elektrokrampftherapie ab. Andererseits stellt er sie in den gesamtzusammenhang therapeutischer Entwicklungen zum Ende der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Buch ist ein Blick auf die therapeutische Erprobung und Entwicklung im Wechselspiel von Ingenieuren, Ärzten, Patienten und Pflegern. Gawlich blickt exemplarisch in große Kliniken in verschiedenen Nationen, die eine spezifische Anwendung der Elektrokrampftherapie praktizierten.

In den näheren Blick kommen die „Aufschreibesysteme der Krampftherapie“, „Morphologien des Apparates“ und die „Behandlungspraktik“. Es ist natürlich ein spannendes Unterfangen gewesen, sich diesen Themenpaketen zu nähern. Denn sie sind, wie Gawlich es letztendlich nachweist, von ihrer Zeit geprägt gewesen. So stellt Gawlich fest: „Die Abwesenheit einer schlüssigen psychiatrischen Ätiologie verhinderte ein Wissen von der Krankheit und ihrer Behandlung, wie es von der klinischen Pathologie der chirurgischen und infektiösen Erkrankungen her gewohnt war“ (S. 227).

Viele historische Feststellungen von Gawlich machen deutlich, dass der Ausgangspunkt der Anwendung der Elektrokrampftherapie auf einem sandigen Boden ist. Nichtsdestotrotz wird die Elektrokrampftherapie bis heute gerne genutzt. Die wacklige Unterlage ist bis in die Gegenwart geblieben. Deshalb bleibt Skepsis die angemessene Antwort.

Max Gawlich: Eine Maschine, die wirkt – Die Elektrokrampftherapie und ihr Apparat, 1938-1950, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017, ISBN 978-3-506-78736-1, 378 Seiten, 59 Euro.

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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