„Eine gute Fremdsorge ist immer auch mit einer guten Selbstsorge verbunden“

(C) bonkphoto

„Jeder Mensch hat ein Recht und einen Anspruch auf einen sicheren Arbeitsplatz“ – dies ist ein Satz, der so selbstverständlich klingt. Wer in Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen schaut, in denen sich Tag für Tag Übergriffe gegenüber Pflegenden ereignen, erscheint dies offenbar nicht als Selbstverständlichkeit. Nicht umsonst haben die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ und die Politik-Sendung „Report München“ Aggressionen auf die Tagesordnung gerufen, die Pflegende in sämtlichen Versorgungssettings erleiden müssen.

Die eine Seite der Medaille sind die Klagen, die berechtigterweise Pflegefachleute erleiden müssen. Die Bewältigung dieser Erfahrungen ist die andere Seite der Medaille. Pflegende werden durch Übergriffe traumatisiert. Erlebnisse bleiben oft mehr in den Knochen stecken, als sich die Betroffenen dies selbst zugestehen. Schließlich sind Pflegende keine Maschinen, die einen Defekt an der eigenen Seele oder am eigenen Körper einfach mal reparieren lassen können.

Dieses Einsehen müssen nicht nur die Pflegenden selbst haben, die unmittelbar nach traumatischen Ereignissen weiterarbeiten. Sie gönnen sich oft kein Verschnaufen, kein Innehalten, um darüber nachzudenken, was da eigentlich geschehen ist. Sie haben meist keine Führungskräfte vor sich, die sie daran erinnern, dass eine gute Fremdsorge immer auch mit einer guten Selbstsorge verbunden sein muss.

Betroffene wundern sich nicht selten, dass das Vermeiden einer Strafanzeige seitens des Arbeitgebers irgendwie Spuren in der eigenen Seele hinterlässt. Hinzu kommt im Zusammenhang mit der Tabuisierung der Gewalt gegenüber Pflegenden die Möglichkeit verschwiegen wird, dass die Betroffenen selbst eine Strafanzeige stellen können. Angst macht sich bei Einzelnen breit, weil sie der Überzeugung sind, sie müssten ihre Privatadresse angeben.

Pflegende erleben sich, wenn sie Aggressionen durch Gepflegte erfahren müssen, als gebeutelt. Sie sehen sich selbst in einer Sackgasse. Die Schulungen zur Deeskalation, die in der psychiatrischen Versorgung inzwischen lege artis sind, aber in anderen Versorgungsbereichen nur punktuell angeboten werden, sind nur eine Form der Unterstützung. Dabei ist (auch wissenschaftlich) bekannt, dass die Genese der Aggressionen vielschichtig ist.

Ein Blick auf die architektonischen Voraussetzungen einer Klinikstation oder eines Pflegeheimes offenbart, dass beispielsweise seelisch erkrankte Menschen mit herausforderndem Verhalten antworten müssen. Wie soll ein manisch auftretender Mensch auf einer geschützten psychiatrischen Station zur Ruhe finden, auf der er ständig neue Situationen erlebt, die auf seine Reaktion warten? Wie kann ein dementiell veränderter Mensch Orientierung finden, wenn die räumliche Gestaltung des Wohnbereichs funktional statt individuell gestaltet ist?

In der pflegerischen Versorgung fallen so viele Stichworte, die Besserung versprechen: Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg, Psychobiographischer Ansatz nach Böhm, … Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen nicht nur Methoden lernen. Sie müssen sie gleichfalls als Haltungen verinnerlichen. Dies geschieht dadurch, dass sie Jahr für Jahr in diesen Ideen geschult werden. Nur die ständige Auseinandersetzung führt dazu, dass die Ideen in Fleisch und Blut übergehen.

Dies hat zur Folge, dass Ressourcen in der Aus-, Fort-und Weiterbildung bereitgehalten werden. Es kann nicht nur darum gehen, dass der Laden läuft. Es braucht eine Kultur des Miteinanders und der professionellen Haltungen. Dann nähert man sich auch der Vorstellung, die der Fernsehbeitrag von „Report München“ dokumentiert: „Jeder Mensch hat ein Recht und einen Anspruch auf einen sicheren Arbeitsplatz“.

Wer mehr erfahren will:

Treten, schlagen, spucken – So attackieren Patienten Pflegekräfte in Kliniken: Gewalt gegen Pflegende | Startseite | REPORT MAINZ | SWR.de

Über Christoph Mueller 341 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen