Eine Abrechnung mit der katholischen Sexualmoral und ihren Verfechtern

„Von Bauchschmerzen bis hin zur Emesis“

„Das ist ja alles unglaublich“ – so könnte sich die spontane Reaktion nach der Lektüre des Buchs „Missbrauchte Kirche“ anhören. Schließlich bewegen die Erzählungen des katholischen Theologen Wolfgang F. Rothe. Für den einen ist es eine Bestätigung der (Vor-)Urteile über die römische Kirche, für die andere ist es ein Anstoß zu Nachdenken über das eigene Verhältnis zu der Institution, die einen selbst entscheidend geprägt hat.

Rothe hat als katholischer Theologe offenbar die Möglichkeit gehabt, eine erfolgreiche Karriere zu machen. Mit dem Eintauchen in die konservativen Strukturen haben sich viele Türen geöffnet, die vielen Glaubensschwestern und Glaubensbrüdern verschlossen bleiben. Dabei hat ihn offenbar immer auch eine gewisse Skepsis begleitet. Diesen Eindruck gewinnt man zumindest.

Einmal mehr stürzt sich die Journaille nach Veröffentlichung des Buchs darauf, dass ein Insider die katholische Sexualmoral kritisiert. Es gibt aus Sicht der zeitgenössischen Gesellschaft sicher vieles zu verändern bezüglich der Sexualmoral. In den Knochen der Leser*innen bleibt aus meiner Sicht, wie tiefgreifend durch eine Institution und führende Vertreter eine ganz alltägliche Manipulation von (Mit-)Menschen gelebt wird. Da scheinen keine intellektuellen Kompetenzen, da scheinen eine gesunde Distanz und vor allem die Bereitschaft zur Reflexion im Alltag einen kleinen Schutzwall zu ermöglichen.

Rothe selbst bekennt schon früh, dass es für ihn eine Qual gewesen sei, das Buch zu schreiben, „denn es setzte die schmerzliche Erkenntnis voraus, dass die heile katholische Welt, in der und für die ich früher zu leben glaubte, eine Illusion war“ (S. 7). Das Schreiben sei aber auch eine Befreiung vom Trugschluss gewesen, „dass man, um richtig katholisch zu sein, die kirchliche Machtlust und Menschenverachtung … zumindest stillschweigend befürworten muss“ (S. 9).

Viele Erzählungen Rothes, viele Gedanken Rothes sind schon schwere Kost, deren Konsum mehr als schwerfällt. Die Lektüre des Buchs bereitet Bauchschmerzen bis zum Rande der Unerträglichkeit, sorgt bei dem einen oder der anderen vielleicht auch zu Diarrhoe oder zur Emesis. Ungenießbaren Schimmel setzt die römische Kirche wohl zunehmend an. Dies bewegt die Zeitgenoss*innen vor allem an dem Punkt, an dem sie möglicherweise einen Ort suchen, um den eigenen Glauben an Gott zu leben.

Rothe unterstreicht, dass das Buch autobiografische Züge habe, jedoch keine Autobiografie sei. Diese Bemerkung ist entscheidend. Schließlich stellt er seine persönliche Geschichte als pars pro toto dar. Es geht ihm nicht darum, ein eigenes Martyrium darzustellen. Viele Menschen werden Motive aus der eigenen Biographie wiederfinden, aber an vielen Stellen auch denken: „Gut, dass ich so etwas nicht erlebt habe“.

Im Halse stecken bleibt vor allem die Doppelzüngigkeit, die führende Vertreter der römischen Kirche zu leben scheinen. Eine hohe Moralität nach außen, einen ungezügelten Hedonismus nach innen – dies ist wohl das Alltagsmotto vieler führender Kirchenvertreter. So sind es auch die Ideen Rothes zur Unauflöslichkeit der Ehe, die Hoffnung machen. Rothe schreibt: „Kaum jemand dürfte schließlich eine Ehe eingehen, wenn ihm nicht an Verbindlichkeit, Beständigkeit und Treue gelegen wäre. Wäre die Unauflöslichkeit ein Gesetz, gäbe es nur ein Entweder-Oder, ein Durchhalten oder ein Scheitern. Betrachtet man sie hingegen als Orientierung und Ideal, vermögen selbst Unzulänglichkeit und Versagen die Hoffnung nicht zu zerstören“ (S. 116), dass die Freiheit mächtig genug sei der Liebe eine Zukunft zu geben.

Wolfgang F. Rothe: Missbrauchte Kirche – Eine Abrechnung mit der katholischen Sexualmoral und ihren Verfechtern, Verlag Droemer Knaur, München 2021, ISBN 978-3-426-27869-7, 269 Seiten, 20 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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