„Dominanzsystem verhindert Selbstbestimmung und Selbstverantwortung“

Gerhard Schoßmaier veröffentlicht Buch zur „Psychosozialen Pflege“

Mit dem Buch „Psychosoziale Pflege“ will Gerhard Schoßmaier ein Zeichen in der psychiatrischen Pflege-Szene in Österreich setzen. Die österreichische Psychiatrie ist vielerorts noch traditionell geprägt. Mit dem Buch setzt Schoßmaier Impulse hin zu einem neuen Verständnis psychiatrischer Pflege.

Markus Golla: Der Titel Deines Buchs ist „Psychosoziale Pflege“. Was willst Du mit diesem Titel erreichen?

Gerhard Schoßmaier: Mir ist der Titel deshalb wichtig, da es endlich an der Zeit ist, die pflegerische Arbeit an den Menschen und ihren Lebenssituationen zu orientieren und nicht an Diagnosen. Ich sehe die Bezeichnung „psychiatrische Pflege“ als eine der Ursachen, dass in der Praxis die Defizitorientierung überwiegt. Mir ist wichtig, dass die Profession Pflege die psychosozialen Aspekte des Menschseins denselben Stellenwert einräumt als den somatischen Gegebenheiten. Ein Buch mit diesem Titel zu schreiben ist vielleicht ein Baustein dafür.

Markus Golla: Im Beziehungsaufbau siehst Du einen Schwerpunkt pflegerischen Arbeitens mit psychisch erkrankten Menschen. Orientierung gibt nach Deinem Verständnis die Peplau´sche Pflegetheorie. Wie sieht es in Deinen Augen mit dem gemeinsamen Tun aus, das Hilde Schädle-Deininger betont?

Gerhard Schoßmaier: Das „gemeinsame Tun“ sehe ich als einen der wichtigsten Aspekte der Beziehungsgestaltung. Das ist auch im Sinne von Peplau ein möglicher pflegerischer Zugangsweg. Gemeinsames Tun gestaltet den Alltag und ist meiner Erfahrung nach für die betroffenen Menschen eine sehr wichtige und angenehm empfundene Erfahrung abseits der Krankheit oder Behinderung.

Markus Golla: Das Buch arbeitet viele Phänomene pragmatisch ab. Ist dies eine Konsequenz aus Deiner Tätigkeit als Lehrkraft in der Aus-, Fort-und Weiterbildung von psychiatrisch Pflegenden?

Gerhard Schoßmaier: Es war mir ein Anliegen, die Phänomene so aufzubereiten, dass Bilder bei den Leserinnen und Lesern entstehen können. Aus meiner eigenen Ausbildung ist mir noch in Erinnerung, dass viele Dinge sehr abstrakt vermittelt wurden und ich erst in der Praxis beginnen konnte mir ein Bild zu machen, wie es Menschen geht, die beispielsweise die Realität anders wahrnehmen als ich. Ich hoffe, dass dies einigermaßen gelungen ist.

„Ständig mit Menschen in Ausnahmesituationen“

Markus Golla: Du betonst, dass die Selbstwahrnehmung ein zentrales Thema in der Ausbildung, aber auch begleitend zur alltäglichen pflegerischen Arbeit sein muss. Warum ist dies so? Wie konkretisiert sich dies?

Gerhard Schoßmaier: Martin Buber hat „vom Ich zum Du“ geschrieben. Wie es Pflegenden gelingt, mit sich selbst umzugehen, so werden wahrscheinlich über kurz oder lang auch mit den pflegebedürftigen Menschen umgehen. Die eigenen Bedürfnisse und Gefühle bewusst wahrzunehmen, seine (Vor)-Urteile und gedanklichen Schubladen zu kennen und diese als einen Teil von sich selbst anzunehmen, ist ein Kompetenz, die im Alltag nur sehr wenig Stellenwert hat.

Pflegende sind ständig mit Menschen in Ausnahmesituationen konfrontiert. Zusätzlich gibt es in der psychiatrischen Versorgung Menschen, die auf Grund ihrer Persönlichkeitsentwicklung wenig Empathie für die Betreuungspersonen aufbringen können. Ein weiterer Faktor ist, dass ganz besonders im Gesundheitssystem die hierarchischen Strukturen partnerschaftliches Handeln nur schwer möglich machen. Um das Ganze mit einem sinngemäßen Zitat von Marshall Rosenberg zu unterlegen: „Nur wenn Menschen mit sich selbst einfühlend umgehen lernen sind sie in der Lage mit anderen einfühlen umzugehen.“

Dies kann ich aus meinem Erleben nach bald 25 Jahren im Gesundheitswesen durchaus bestätigen. Konkret zeigt es sich darin, dass Aussagen wie „Ich bin genervt von diesem Patienten“ letztlich ein Vorwurf an den kranken Menschen ist. Sie werden für die Gefühle der Pflegeperson verantwortlich gemacht. Würde ich dieselbe Situation zum Beispiel nach den vier Schritten der Gewaltfreien Kommunikation reflektieren, so kann mir klar werden, „dass ich genervt bin, weil mir wichtig ist, dass meine guten Absichten gesehen werden“. Wenn mir dies bewusst wird, kann ich andere Strategien entwickeln, mit der Beziehungssituation umzugehen.

Markus Golla: In Deinen Augen muss das Recovery-Verständnis Alltagswerkzeug für psychiatrisch Pflegende sein. Wie kann dies aussehen?

Gerhard Schoßmaier: Vorweg, der Recovery-Gedanke ist mir deshalb so wichtig, weil eines der wichtigsten Bedürfnisse des Menschen, nämlich Selbstbestimmung, berücksichtigt wird. Offensichtlich sind wir im Gesundheitswesen daran gewöhnt, dass Anordnungen wie beim Militär einfach und widerspruchslos durchgeführt werden. Dieses Dominanzsystem verhindert Selbstbestimmung und letztlich auch Selbstverantwortung.

Ich merke, dass bei den Berufsgruppen in der psychiatrischen Versorgung auch zunehmend Angst vor möglichen rechtlichen Konsequenzen und vielmehr noch Angst vor medial aufgebauschter Skandalberichterstattung vorherrschen. Ein weiterer Faktor ist aus meiner Sicht, dass Einsparungen im Gesundheitswesen zuerst häufig die Bereiche treffen, wo die Beziehungsgestaltung im Vordergrund steht.

„Über Ziele der Betroffenen bewusst werden“

Die Ressourcen werden oft in Prestigeprojekte gesteckt und der Alltag bleibt auf der Strecke. Recovery lässt sich aus meiner Sicht nur dort leben, wo sich die Betreuungspersonen ihrer eigenen Anteile bewusst sind, um dann beispielsweise, wenn ein Betroffener keine Medikamente möchte, gemeinsam andere Wege sucht. Oder dass die betroffenen Menschen gefragt werden, wie sie mögliche Gefährdungen einschätzen. Wichtig dabei ist, dass sich die Berufsgruppen über ihre Ziele und die Ziele der Betroffenen klar werden und die Verantwortung gemeinsam tragen.

Markus Golla: Wenn Du die Adherence-Therapie und das Soziale Kompetenz-Training in den Vordergrund rückst, dann geht es letztlich auch um eine wachsende Verantwortlichkeit psychiatrisch Pflegender. Wie kann dies rechtfertigt werden?

Gerhard Schoßmaier: Wir sind als Berufsgruppe derzeit in einem Prozess, wo sich die Weichen für die Zukunft stellen. Als ich in den 1990er Jahren in diesem Beruf gelandet bin, war gerade der Pflegeprozess und die Pflegediagnostik im deutschsprachigen Raum in den Anfängen, da war es ähnlich. 1997 trat das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) in Kraft trat, in dem erstmals auch der eigenverantwortliche Tätigkeitsbereich definiert wurde, da begann der Beruf sich vom Assistenzberuf für Ärzte zu einer eigenständigen Profession zu entwickeln. Auch die Pflegewissenschaften wurden erstmals in diesem Gesetz genannt.

Wir laufen momentan Gefahr, dass sich Pflege wieder zurück entwickelt, Richtung warm-satt-sauber. Wir hatten 2016 eine Novelle des GuKG und dabei ist leider der Bereich der somatisch medizinischen Kompetenzen stark ausgeweitet worden. Leider wurden die Kernkompetenzen weniger genau definiert. Hier finden sich beispielsweise „Unterstützung und Förderung der Aktivitäten des täglichen Lebens“, „Förderung der Gesundheitskompetenz, Gesundheitsförderung und Prävention“ und ähnliche Formulierungen.

Wenn man sich mit diesen Begriffen auseinandersetzt, kommt man darauf, dass diese Kompetenzen genau durch beispielsweise soziales Kompetenztraining, Adherence-Therapie oder auch Psychoedukation und vielen Konzepten einen Rahmen bekommen. Ich würde mir wünschen, dass in Gesetzen diese Interventionsformen beispielhaft angeführt werden, dann würden wir uns vieles an Diskussionen sparen, ob es eine Intervention durch Pflegende oder Sozialpädagogen oder auch andere Berufsgruppen ist. Die würde möglicherweise auch den Professionalisierungsprozess positiv beeinflussen.

Gerhard Schoßmaier: Psychosoziale Pflege – Grundlagen, Modelle, Interventionen, Facultas Verlag, Wien 2019, ISBN 978-3-7089-1815-0, 144 Seiten, 24.90 Euro.

 

 

 

 

Markus Golla
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Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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