„Die Stärkung der psychischen Widerstandskraft sollte ganz oben stehen“

Christoph Müller im Gespräch mit der Filmemacherin Andrea Rothenburg

In der Zeit vom 8. bis 18. Oktober 2021 findet in Deutschland die „Woche der Seelischen Gesundheit“ statt. „Gemeinsam über den Berg – Seelische Gesundheit in der Familie“ steht als Leitwort über den Aktionstagen. Während der „Woche der Seelischen Gesundheit“ werden wieder viele Menschen die „Grüne Schleife“ als Zeichen der Entstigmatisierung und Enttabuisierung seelischer Erkrankungen tragen. Erstmals gibt es einen Song und ein Musikvideo, das die Aktion begleitet. Die Filmemacherin Andrea Rothenburg hat das Video mit dem Musiker David Floyd produziert. Christoph Müller hat Andrea Rothenburg bei den Dreharbeiten besucht.

Christoph Müller Sie haben das Musikvideo zur Kampagne für die „Grüne Schleife“ gemacht. Wie kam es dazu?

Andrea Rothenburg Als Vorsitzende des Vereins Psychiatrie in Bewegung e.V. engagiere ich mich in der Arbeitsgemeinschaft „Grüne Schleife“ vom Aktionsbündnis für Seelische Gesundheit und hatte schon länger überlegt, wie man das Thema noch besser in die Öffentlichkeit transportieren könnte. Da kam mir die Idee, einen Song dafür ins Leben zu rufen, der bestimmte Aspekte im Umgang mit psychischen Erkrankungen enthalten sollte. Ich habe dann den von mir sehr geschätzten Musiker David Floyd ins Boot geholt und dann hat er mit finanzieller Unterstützung unseres Vereins den kraftvollen Song komponiert. Und zu so einem Song braucht es dann ja auch ein Musikvideo, damit er viral gehen kann. Ich habe mich als Filmemacherin sehr auf die Umsetzung gefreut. Die Produktion hat größtenteils die Deutsche Gesellschaft für bipolare Störungen (DGBS) mit Unterstützung der Barmer Ersatzkasse finanziert.

Christoph Müller Die diesjährige Woche der seelischen Gesundheit steht unter dem Motto „Gemeinsam über den Berg – Seelische Gesundheit in der Familie“. Welche Bedeutung hat das Motto für Sie ganz persönlich?

Andrea Rothenburg Für mich hat es eine besondere Bedeutung, da ich mich schon lange mit Familienthemen auseinandersetze. Auf das Leid psychisch erkrankter Eltern und ihrer Kinder aufmerksam zu machen, ist mir als Initiatorin der Kampagne für Kinder psychisch erfahrener Eltern (KKPE) und als Projektbeauftragte für Kinder psychisch erkrankter Eltern im Psychiatrischen Krankenhaus Rickling ein besonderes Anliegen. Gerade im Moment erlebe ich leider bei sehr vielen Familien, dass sie es nicht schaffen, gemeinsam über den Berg zu kommen. Corona bringt viel Leid, nicht wenige Menschen zerbrechen daran. Ich kenne Familien, in denen ein Elternteil so schwer erkrankt ist, dass es sich das Leben genommen hat. Besonders betroffen macht es mich auch, wenn Kinder in schwere psychische Krisen geraten, lebensmüde werden und nicht schnell genug behandelt oder aufgefangen werden. Innerhalb der Gesellschaft fehlt es meiner Meinung nach, neben Behandlungsangeboten, an Empathie für die Kinder, die die Krise besonders prägt.

Christoph Müller Mit dem Musiker David Floyd haben Sie das Musikvideo gemacht. Was haben Sie gemeinsam bei den Dreharbeiten erlebt? Wie groß waren die Schnittmengen, für die seelisch Erkrankten und die Menschen um sie herum etwas zu tun?

Andrea Rothenburg Bei den Dreharbeiten haben wir schon sehr viel positives Feedback zum Song bekommen. Wenn Menschen mitbekommen, worum es in dem Song geht, werden Geschichten erzählt und ihnen wird eine Stimme gegeben. Jeder kennt jemanden, der psychisch erkrankt war oder ist oder ist selbst betroffen. Bei der Zusammenarbeit verbindet uns besonders das Anliegen, Positives in die Welt zu senden. Viele Menschen scheuen Themen rund um psychische Erkrankungen und es ist unser Wunsch, dass die Gesellschaft noch offener damit umgeht. Es uns ist zum Beispiel sehr wichtig, dass das Thema endlich auch mehr Raum im Schulunterricht bekommt.

Christoph Müller Lassen Sie uns noch etwas an den Dreharbeiten für das Musikvideo mit David Floyd teilhaben. Wie ist es gewesen?

Andrea Rothenburg Wir haben in der LVR-Klinik in Düren gedreht, an einem geschichtsträchtigen Ort, dann ging es an den schönen Rhein und schließlich machten wir noch Aufnahmen auf einem Parkdeck, über den Dächern von Köln. David ist als Sänger natürlich im Fokus des Musikvideos, doch Szenen von vielen anderen Menschen, die an ganz unterschiedlichen Orten sind und verschiedene Bezüge zum Thema haben, ergänzen es. Uns ist es wichtig zu zeigen, dass es ein Thema ist, das uns alle angeht.

Christoph Müller Mit der Kampagne und dem Musikvideo ist sicher die Hoffnung verbunden, die grüne Schleife zu einem Erkennungszeichen für die Solidarität mit seelisch erkrankten Menschen zu machen. Welche Vision tragen Sie derzeit mit sich herum?

Andrea Rothenburg Ich habe die Vision, dass wir dazulernen und aufhören, Menschen mit psychischen Erkrankungen abzuwerten. Irgendwann werden wir alle es hoffentlich verinnerlicht haben, dass es sich niemand aussucht oder bequem macht, wenn er psychisch erkrankt. Wichtig wäre mir aber auch, dass wir unser System an einigen Stellen ändern. Wenn wir uns zum Beispiel das Schulsystem anschauen, trägt es auch dazu bei, dass die Seele etlicher junger Menschen belastet wird, da sie zu selten individuell gefördert und in schweren Zeiten unterstützt werden. Frustration trägt nicht zur Resilienz bei. Die Stärkung der psychischen Widerstandskraft sollte ganz oben stehen. Zum Beispiel könnten Wandertage in die Psychiatrie mit einem Aufklärungsprogramm auf dem Plan stehen, um dem Thema den Schrecken zu nehmen. Schon im Kindergarten sollten Kinder lernen und erleben, wie man gut auf sich achten kann, wie man Gefühle einordnen und mit ihnen umgehen kann. Außerdem würde ich mir wünschen, dass Diagnosen schneller gestellt werden. Häufig liegt ein jahrelanger Leidensweg hinter Betroffenen und Angehörigen, bevor sie wirksame Hilfe bekommen.

Mir ist aber auch der Blick über die Grenzen Deutschlands hinaus wichtig. Es gibt noch etliche Länder, in denen psychisch erkrankte Menschen nicht angemessen unterstützt und behandelt werden. In dem Bereich habe ich auch Visionen, die ich zu einem späteren Zeitpunkt gern ausführe.

Christoph Müller Als Filmemacherin machen Sie immer wieder auf die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen aufmerksam, deren Eltern unter psychischen Erkrankungen leiden. Welchen Berg müssen die Jüngsten in der Gesellschaft erklimmen, um derzeit drängende Probleme zu lösen?

Andrea Rothenburg Mir geht das Thema sehr nah, denn ich erlebe viele junge Menschen, die in großer Not sind. Die zum Teil sehr verängstigte Gesellschaft, die es nicht schafft, Kindern Sicherheiten zu bieten, bereitet mir Sorge. Erwachsenen fehlt zu oft der Blick für das Leid von Kindern. Besonders, wenn sie nicht auffällig werden, scheinbar „gut funktionieren“ und im Stillen leiden. Immer wieder höre ich zum Beispiel, wie toll die Kinder das mit den ganzen (Corona)-Maßnahmen in der Schule „mitmachen“. Mit wie viel Ängsten das teilweise verbunden ist, wird nicht deutlich. Gerade Kinder psychisch- und suchterkrankter Eltern haben es besonders schwer. Viele durften aufgrund der Pandemie ihre Eltern nicht in der Psychiatrie besuchen, sie litten zu Hause, konnten nicht in die Schule, wurden nicht aufgesucht, wurden nicht gesehen. Andere gehen aufgrund der Pandemie erst gar nicht in eine Psychiatrische Klinik. Ich bekomme Einblicke in Familien, die dringend Hilfe benötigen, die allein gelassen werden, mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen. Es kommen noch herausfordernde Zeiten auf uns zu, was die Auswirkungen dieser Krise auf junge Menschen betrifft.

Christoph Müller Haben Sie, Frau Rothenburg, noch Ideen, wie mit der grünen Schleife für Akzeptanz und gegen die Tabuisierung seelischer Erkrankungen gekämpft werden kann? Was wünschen Sie den Menschen um die Betroffenen herum? Was erhoffen Sie für die grüne Schleife?

Andrea Rothenburg Das Thema muss viel mehr Raum in unserem Alltag bekommen. Schon in Kindergärten und Schulen sollte das Thema „Psychische Gesundheit“ thematisiert werden, auch gerade bei Elternabenden. Lehrer*innen, Erzieher*innen, Ärzt*innen, Polizist*innen und Berufsgruppen, die mit Kindern tun haben, sollten im Hinblick hierauf umfassender ausgebildet werden. Ich bin immer wieder entsetzt, welche Wissenslücken es gibt.

Ich wundere mich auch, warum man sehr vieles in der Schule lernt, was sehr spezialisiert ist und zu wenig von dem, was dringend für das Leben notwendig ist. Wenn ich junge Menschen auf meinen Veranstaltungen frage, worum es im Leben geht, können schon Kinder die Frage ganz klar beantworten: Es geht darum, glücklich zu sein. Und wenn ich frage, was dazu gehört, sagen sie, dass man gesund sein muss, um glücklich zu sein. Sie bringen es auf den Punkt: Wenn die Psyche sehr erkrankt ist, kann ein Mensch schwer glücklich sein. Was kann man tun, um gesund zu bleiben oder gesund zu werden? Der Fokus müsste viel mehr auf präventive Arbeit gelegt werden und ich erlebe immer wieder, wie dankbar Kinder sind, wenn man solche Themen anspricht und sie ernst nimmt.

Für die grüne Schleife erhoffe ich mir, dass wir sie irgendwann nicht mehr als Zeichen für mehr Akzeptanz für Menschen mit psychischen Erkrankungen brauchen, sondern, dass es selbstverständlich ist, erkrankte Menschen nicht zu stigmatisieren, sondern sie zu unterstützen. Für den Song wünsche ich mir nun erst einmal, dass er ganz viele Menschen erreicht und ihnen gute Gefühle macht und Stärke gibt, denn das ist es, was wir alle brauchen. Gerade in diesen Zeiten…

Christoph Müller Ganz herzlichen Dank, Frau Rothenburg.


Wer mehr Informationen zur „Woche der seelischen Gesundheit“ will:

Woche der Seelischen Gesundheit – Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

Wer den Song zur Grünen Schleife hören will:

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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