Die singuläre Frau

„Ernsthaftes Thema mit Unterhaltungswert“

Das Alleinsein und die Einsamkeit haben seit vier, fünf Jahren Konjunktur in der gesellschaftlichen Diskussion. Dabei mangelt es an Büchern, die sich heiter der Themen annehmen. Die Journalistin Katja Kullmann hat mit dem Buch „Die singuläre Frau“ einen gelungenen Weg beschritten. Sie hat die eigene Lebenssituation als Matrix genommen, sich viele Fragen gestellt, die bei Frauen im mittleren Alter auftauchen. Es wundert nicht, dass Leserinnen und Leser das Augenzwinkern sprichwörtlich sehen, wenn sie von Seite zu Seite blättern. Erfrischend ist es, dass Kullmann ein ernsthaftes Thema gut recherchiert mit einem gewissen Unterhaltungswert darstellt.

Kullmann schafft es, passende Fragen zur Lebenswirklichkeit einer alleinstehenden Frau um die 50 zu stellen. Dabei will sie sich nicht dafür rechtfertigen, dass sie nach Jahren scheinbarer Bürgerlichkeit das Alleinleben genießen kann. Selbstbewusst findet sie Begriffe, die die eigene Situation beschreiben. Unter anderem nennt sie eine alleinstehende Frau eine Solistin. Schlagen Leserinnen und Leser die Brücke zu Musikerinnen und Musikern, so sind Solistinnen selbstbewusst und liefern eigene Interpretationen mehr oder weniger bekannter Notenwerke.

Selbstbewusst ist Kullmann, die auch immer wieder betont, wie sehr sie einsame Wochenenden in der Wohnung genießt, wenn sie sich um nichts sorgen muss, keinen Verpflichtungen nachgeht, hier und da auch nachlässig mit der eigenen Körperpflege ist. „Zufallszwischenmenschlichkeit ist mein Hobby“, schreibt sie unter anderem (S. 51). In diesem Kontext formuliert sie, dass sie die Zuneigungskapazitäten nicht privatisiere, sondern sozialisiere. Wörtlich schreibt sie: „Inzwischen weiß ich, dass auch andere Solistinnen es als großen Gewinn betrachten, nicht (mehr) in den zänkischen Räumen der romantischen Liebe festzusitzen“ (S. 53).

Mit der Vorstellung einer alten und unzufriedenen Jungfer haben die Gedanken und Ideen Kullmanns nichts mehr zu tun. Sie beschreibt an vielen Alltagsszenen entlang, dass sie als alleinstehende Frau ein zufriedenes Leben führen kann und will. Gleichzeitig baut sie keine Front zu verheirateten Frauen auf, stellt das eigene Konzept als das bessere dar. Eher sucht sie nach den positiven Seiten, die sich durch die eigene Situation ergeben.

Sexualität ist auch immer wieder Thema. Kullmann fühlt sich davon nicht getrieben. Eher scheint sich eine Gelassenheit entwickelt zu haben, dass Sexualität und Körperlichkeit zum Alltag dazugehören, aber nicht zwanghaft gesucht werden muss. Sie berichtet: „So habe ich die paar One-Night-Stands, von denen ich die Hälfte abbrach, als miesen Abklatsch dessen erlebt, was mir einst so viel Vergnügen bereitet hatte“ (S. 231). Kullmann scheint sehr in sich zu ruhen, dies schimmert im Buch an vielen Stellen durch.

„Die singuläre Frau“ erklärt Kullmann nicht zum Programm. Sie zeigt mit dem Buch, dass es eine Lebensform sein kann, die Frauen (und auch Männer in der vergleichbaren Situation) zufrieden machen kann. Sie veranschaulicht, dass gesellschaftliche Schubladen sicher nicht zu einem persönlichen Glück führen.

Beim Betrachten alter Fotos gehen Kullmann sympathische Gedanken durch den Kopf: „Deshalb blieben Beautysorgen mir die längste Zeit meines Lebens erspart, das Rohmaterial war gut, das musste reichen, ich hatte anderes zu tun als mich um Pfirsisch Peelings und Silky Gloss zu kümmern. So wurde ich zu einer Frau, die zwar viele schlaue Bücher gelesen hat, aber bis heute nicht weiß, wie sie sich schminkt …“ (S. 292).

Ein wunderbarer Beitrag zu den Diskursen zum Alleinsein und zum Miteinander der Geschlechter.

 

Katja Kullmann: Die singuläre Frau, Hanser Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-446-26939-2, 334 Seiten, 24 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at