Die polarisierende Pandemie

7. September 2022 | Rezensionen | 0 Kommentare

Mahnender Zwischenruf“

Der Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge zählt zu den mahnenden Stimmen in der bundesdeutschen Gesellschaft. Mit einem scharfen Blick und direkten Worten schafft es Butterwegge immer wieder, gesellschaftliche Entwicklungen auf den Punkt zu bringen. Das Buch „Die polarisierende Pandemie“ ist ein gelungenes Beispiel für die Fähigkeit. Auf gut 250 Seiten schaut er, wie sich die Corona-Pandemie entwickelt und vor allem welche gesellschaftlichen Folgen dies hat. So hat es das Buch auch verdient, ein mahnender Zwischenruf genannt zu werden.

Butterwegge ist der tiefen Überzeugung, dass gesellschaftlich nicht länger den neoliberalen Verlockungen gehuldigt und nicht prioritär auf den Markt gesetzt werden solle, wo es um die öffentliche Daseins-und Gesundheitsvorsorge gehe. Der Eine oder die Andere wird klagen, dass diese Gedanken sich wiederholende Gesänge des linksorientierten Sozialwissenschaftlers Butterwegge seien. Gleichwohl hat die Corona-Pandemie sicher gezeigt, dass einzelne Bürger_innen, aber auch gesellschaftliche Gruppen in Krisen nach der gesellschaftlichen Verantwortung rufen. In Krisen scheint es nicht zeitgemäß zu sein, Verantwortung individuell zu tragen. Insofern ist der Mahnruf Butterwegges sicher im Sinne vieler Menschen.

Das Buch schafft es, die Zeit mit Covid 19 nochmals detailliert nachzuzeichnen. Vieles kommt den Leser_innen wieder ins Gedächtnis. Butterwegge konkretisiert bei einzelnen Phänomenen der Zeit nach der individuellen und kollektiven Bedeutung. Aufmerksam begleitet Butterwegge die Zeit. Nachdem er den Ursprung und den Verlauf der Pandemie nachzeichnet, nimmt er die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verwerfungen der Covid 19-Pandemie unter die Lupe. Unter anderem stellt er fest: „Obwohl dem Virus durch ein geschlossenes und energischeres Vorgehen der ganzen Bevölkerung eventuell wirksamer zu begegnen gewesen wäre, bildeten sich auf der politischen Ebene im Verlauf der Pandemie sehr schnell zwei einander heftig befehdende Lager heraus“ (S. 131). In diesem Zusammenhang geht Butterwegge differenziert auf die Corona-Kritiker_innen und Corona-Leugner_innen ein.

Butterwegge zeigt sich als Zeitanalytiker, der großes Interesse an der gelebten Wirklichkeit hat. Ihm geht es darum, Beobachtungen zu machen, sie zu interpretieren und Schlüsse daraus zu ziehen. Es wundert nicht, dass er besondere Aufmerksamkeit den jungen Menschen in der Corona-Zeit schenkt. Nach seiner Meinung hat die Corona-Pandemie zu „einer Krise der Kindheit geführt und Kinder der Krise hinterlassen“ (S. 203). Alle gesundheits-, wirtschafts-und sozialpolitischen Maßnahmen, die Parlament und Regierung während der Pandemie getroffen hätten, seien „über die Köpfe von Kindern und Jugendlichen hinweg beschlossen“ (S. 204) worden. Was Leser_innen ein wenig vermissen, sind Prognosen in eine fernere Zukunft, welche Folgen heutige Kinder und Jugendliche in späteren Jahren aushalten und aushalten müssen.

Eine gesundheitspolitische Kehrtwende von der Gewinn-zur Gemeinwohlorientierung und einen Systemwechsel in der Krankenhausfinanzierung gehört für Butterwegge zum Lösungspaket für gegenwärtige Nöte. Folgen Leser_innen seinen Überlegungen, so ist dies sicher auch für andere gesellschaftliche Probleme und Bereiche im besten Sinne notwendig.

Das Buch „Polarisierende Pandemie“ zeigt sich als solide Beschreibung der Corona-Zeit, gewürzt mit pointierten Positionen und begleitet von vielen Hoffnungen, den individuellen und kollektiven Alltag zu verändern. Butterwegge lässt einmal mehr aufhorchen.

 

Christoph Butterwegge: Die polarisierende Pandemie – Deutschland nach Corona, Beltz-Verlag, Weinheim 2022, ISBN 978-3-7799-6780-4, 250 Seiten, 20 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at