Die Pflege und die Coronapandemie in Deutschland

„Ideen für die Bewältigung und für den Umgang mit der befremdlichen Pandemie-Situation“

Es gibt nur wenige Bücher, die sich mit der professionellen Pflege in der Corona-Pandemie beschäftigen. Markus Mai, der auch Präsident der rheinland-pfälzischen Pflegekammer ist, hat als Herausgeber mit dem Buch „Die Pflege und die Coronapandemie in Deutschland“ den Versuch gestartet, den einen oder anderen Fokus zu eröffnen. Es sind sehr grundsätzliche Beiträge, die Mai für diesen übersichtlichen Band gesammelt hat.

Über „die Bedeutung der Pflege in der Pandemie“ schreiben Beatrice Haberger und Saman Falahat. Die Pflegewissenschaftlerin Haberger und der Journalist Falahat beschreiben es als „Aufgabe von Politik, Kostenträgern, der Berufsgruppe und auch der Gesellschaft, die berufliche Pflege für zukünftige Krisen und Herausforderungen zu wappnen“ (S. 22). Dies führt zu der Frage, welche konkreten Vorschläge aus einer solchen Deskription erwachsen sollten.

Eine gewisse Kraft hingegen entfaltet der Aufsatz des Soziologen Frank Schulz-Nieswandt, der sich mit „Grundrechtsverletzungen durch eine Kultur der Kasernierung in Pflegeheimen“ beschäftigt. Schulz-Nieswandt gilt spätestens seit der Corona-Pandemie als Kritiker gegenwärtiger Zustände im Gesundheits-und Pflegewesen. Seine kritischen Bemerkungen sind mehr als Anregungen zu Veränderungen des Alltags in Kliniken und Pflegeheimen. Aus seiner Sicht bleiben Pflegeheime „Sonderwelten der Institutionalisierung im Alter, die immer wieder mit Blick auf die Anthropologie der Sakralität der Personalität als rechtsphilosophischer Kern der verfassungsrechtlichen Vorgabe der Würde des Menschen vielgestaltige Probleme der Grundrechtsverletzungen aufwerfen“ (S. 51). Seine Überlegungen führen unter anderem dazu, dass „die sozialraumorientierte Differenzierung der Wohnformen mit Blick auf die quartierbezogene lebensweltliche Vernetzung normalen Wohnens jenseits von dichten panoptischen Anlagen, krankenhausanaloger sozialen Interaktionspraktiken gesellschaftspolitisch voranzutreiben“ (S. 60).

Schulz-Nieswandt erscheint während der Lektüre als Lichtblick. Durch seinen Beitrag taucht die Frage auf, inwieweit für professionell Pflegende politische Positionierungen von Bedeutung sind. Bei der Gestaltung von Pflegeumgebungen geht es offenbar um mehr als die Akzeptanz gegebener Verhältnisse. Über ein Krisentelefon für beruflich Pflegende in Bayern während der Corona-Pandemie berichtet der Sozialforscher Thomas Klie. Es wird deutlich, dass dieses Krisentelefon für beruflich Pflegende nur einen begrenzten Erfolg hatte.

Die Pflegewissenschaftler*innen Anja Bieber, Gabriele Meyer und Steffen Fleischer schauen auf die „Licht-und Schattenseiten der stationären Altenpflege während der Coronapandemie“. Mit großer Aufmerksamkeit schauen sie auf die Kontaktbeschränkungen und Besuchsverbote in der stationären Altenpflege. Der multiperspektivische Charakter des Textes erscheint als Gewinn für die Leser*innen. Allerdings verstärkt sich der Eindruck, dass sie mit der Studie, die dem Text zu Grunde liegt, eher mit dem Flug einer Drohne vergleichbar ist, die sich nicht dafür eignet, dass wichtige Fragestellungen nicht tiefgründig bedacht werden.

Was dem Buch „Die Pflege und die Coronapandemie in Deutschland“ fehlt, ist nicht nur an vielen Stellen der Praxisbezug. Es wäre ein Gewinn für die Pflegenden vor Ort gewesen, wenn sie Anregungen bekommen hätten, um Ideen für die Bewältigung und für den Umgang mit der befremdlichen Pandemie-Situation zu entwickeln.

978 3 17 040496 0 gMarkus Mai (Hrsg.): Die Pflege und die Coronapandemie in Deutschland, Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-17-040496-0, 125 Seiten, 20 Euro.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at