Die Pandemie – Eine philosophische Perspektive

„Gelegenheit zu geistigen Pausen in der Pandemie“

Die Corona-Pandemie beherrscht inzwischen seit zwei Jahren den Alltag. Auch in der Berichterstattung sämtlicher Medien ist Covid-19 kaum mehr wegzudenken. Die Flüchtigkeit der täglichen Nachrichten scheint kaum ein tiefgründiges Nachdenken über die Pandemie und die pandemische Gegenwart zu erlauben. Das Buch „Die Pandemie“ aus der Feder des Philosophen Rainer Marten gönnt dem zeitgenössischen Menschen die Nachdenklichkeit. Es lädt ein, aus der Oberflächlichkeit des Alltäglichen in die Tiefgründigkeit der Lektüre abzutauchen.

Aus Sicht Martens wird mit der Pandemie die Gesellschaft auf die Probe gestellt. Der Ausbruch der Seuche habe zu der Erfahrung geführt, „dass zur Begegnung der überraschenden und unbekannten Bedrohung aller nicht beratende Vernunft, sondern das Lebensgefühl politisch das Heft in die Hand genommen … hat“ (S. 25). Da überrascht es nicht, dass sich Marten intensiv Gedanken über den Begriff der Empathie macht. Die Corona-Krise entdecke, „wie stark in den Menschen diese Kunst, wenn nicht lebendig, so doch latent vorhanden ist“ (S. 27).

Marten streift an vielen Stellen häufig nur die Unwägbarkeiten und gesellschaftlichen Unebenheiten, die in der Pandemie offensichtlich werden – gleich dem Legen von Fingern in eine Wunde. Dies erweckt den Eindruck der Unentschiedenheit beim nachdenkenden Autor. Weit gefehlt, somit gibt Marten den Leser_innen die Gelegenheit, die Gegenwartsbeschreibungen im eigenen Alltag zu überprüfen.

In dem lehrreichen Buch wird die Ungleichheit der Bedrohten in gleicher Weise angeschaut wie die Ungleichheit der Bedrohung. Gleichzeitig fragt Marten auch: „Werden Lebensformen in Frage gestellt?“ Marten beschreibt die Naturbeherrschung auch als Zufallsbeherrschung.

Natürlich nimmt Marten die Selbstbestimmung des Menschen besonders in den Blick. In diesem Zusammenhang stellt er fest, dass Natur kein Erbarmen kenne. Da lässt ein Gedanke aufhorchen, den er mit dem Fokus auf die Selbsthumanisierung durchdenkt. Der Mensch verwandele Natur in Gärten und domestiziere Gärten. Doch habe die Selbsthumanisierung bleibende Grenzen. Die Lupe legt Marten auch auf andere Fragen. So stellt er beispielsweise die Idee vor: „Die Anstrengungen, der Bedrohung durch die Corona-Pandemie Herr zu werden, gelten keiner Ewigkeit, sondern der schöpferischen, ja feierlichen Gestaltung der eigenen Endlichkeit“ (S. 105).

Bei aller Gefährdung des Lebens durch die Corona-Pandemie sucht Marten also nach den Umwegen und Auswegen, um die Seuche bewältigen zu können. Dies bereichert die Lektüre auch durch viele Momente, in denen den nachdenklichen Zeitgenoss_innen bildlich gesprochen ein Licht aufgeht. So ist Marten zu danken, dass er den Zeitgenoss_innen die Gelegenheit zu geistigen Pausen in der Pandemie gönnt.

Rainer Marten: Die Pandemie – Eine philosophische Perspektive, Meiner-Verlag, Hamburg 2021, ISBN 978-3-7873-4005-7, 111 Seiten, 14.90 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at