Die Masse schaut, wie sie zurechtkommt

(C) peter

Es war eine Situation, wie sie ganz oft geschieht. Wenn ich morgens mit dem Auto zur Arbeit fahre, parke ich ein großes Stück entfernt von der Klinik. Dies ist einer schwierigen Parkplatzsituation geschuldet. Das hat zur Folge, dass ich einige Station mit dem Bus bis vor das Kliniktor fahre. In dieser Woche geschah es dann mal wieder, dass schon in der Frühe ein Bus ausfiel. Es stand zwar ein Bus an dem Endpunkt der Buslinie, doch war dieser für 20 Minuten später geplant. Ich musste zu Fuß zur Arbeit gehen, verspätete mich.

Während ich meines Weges ging, stellte ich mir die Frage, wieso denn eigentlich nicht der „nachfolgende“ Bus die Tour übernahm. Schließlich steht immer schon der nachfolgende Bus an der Endstation, wenn ein Bus seine Tour starten muss. So hätte doch dieses Einspringen funktionieren können, bis ein Bus mit einspringendem Personal das Loch stopft. Dies wäre doch Kundenorientierung.

Denn die vermeintliche Unzuverlässigkeit des öffentlichen Nahverkehrs treibt die Menschen an, individuell mit dem eigenen Fahrzeug in die Städte zu fahren und den Verkehrskollaps zu provozieren. Wenn heute oft über die Bewältigung der Klimakrise gesprochen wird, dann wäre es vielleicht ein kleiner Schritt, beim Einsetzen der Busse Flexibilität zu zeigen. Denn gleichzeitig lösen Arbeitnehmer_innen die Verkehrssituation in der Weise, dass sie beispielsweise einen Bus, eine Tram oder einen Zug früher nehmen, um pünktlich bei der Arbeit zu sein. Und um Lebenszeit und Lebensqualität auf dem Bahnsteig zu verlieren.

Letztendlich zeigt dies, dass unter anderem der Begriff Kundenorientierung im Alltag leer bleibt. Es ist nicht so, dass sich die Verkehrsunternehmen an die Kund_innen anpassen. Vielmehr suchen die Kund_innen nach Lösungen, um mit den Verkehrsmöglichkeiten zurechtzukommen. Nicht das System passt sich an die Kund_innen an. Die Kund_innen passen sich den Unwägbarkeiten an.

So ist halt das Leben, höre ich Sie schon sagen. Damit hat jede(r) Recht, der es ausspricht. Während ich den Weg Richtung Klinik ging, wurde ich allerdings sehr nachdenklich. Ist es die Aufgabe der Kund_innen, sich dem System Nahverkehrsunternehmen anzunähern? Oder ist es nicht Aufgabe des Nahverkehrsunternehmens, Ausfälle zu kompensieren? Schließlich geht das Unternehmen mit Einzel-, aber vor allem Abo-Fahrkarten einen Vertrag ein, bei dem es um die Bereitstellung einer Leistung für das Zahlen eines Entgeltes geht. Würden wir bei Beschäftigten nachfragen, so würde uns eine Erklärung auf jeden Fall entgegengehalten: „Das ist ein Ergebnis der Ökonomisierung und Rationalisierung unseres Unternehmens“.

Während ich mich der Klinik näherte, gingen mir Fragen durch den Kopf, wie das Ganze eigentlich in der Klinik ausschaut. Oder in den vielen Pflegeheimen. Natürlich wurde ich kritisch. Die Optimierung von Abläufen, die Orientierung an Wirtschaftlichkeit im Gesundheits-und Wohlfahrtswesen vergisst das Individuum. Der Glaube daran, dass die Ameisen und Bienen im gesellschaftlichen Alltag funktionieren, ist größer als die Bereitschaft, wirklich dem Individuum gerecht werden zu wollen. Diejenigen, die für die Optimierungen verantwortlich sind, profitieren durch Bonus-Zahlungen. Die Masse schaut, wie sie zurechtkommt.

Stunden später erlebte ich dann in der Klinik, wie sehr die Institutionslogik vorherrscht. Eine chronisch psychisch erkrankte Frau sollte eine Depot-Spritze erhalten. Bereits kurz nach der Übergabe hatte sie angeboten, dass sie für die Injektion bereit sei. Eine pflegerische Kollegin hatte es mit der Begründung abgelehnt: „Das passt jetzt nicht in den Ablauf“. Als dann vor der mittäglichen Übergabe die Injektion noch immer nicht verabreicht war, sprach die Kollegin die Betroffene an: „Sie müssen dann schon im Laufe des Vormittags auf uns zukommen. Das geht nicht, dass sie die Spritze noch nicht haben“.

Vielleicht fallen Ihnen auch Widersprüche zwischen institutioneller und individueller Logik auf. Letztendlich sind sie ja auch Fragen einer Haltung – vor allem gegenüber dem Anderen.

Über Christoph Mueller 315 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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