Die Grenze des Machbaren – Showdown mit Kollateralschäden oder/und eine Chance

© Yury Zap
Mittlerweile werden wir überschwemmt mit den Videobeiträgen „Die Pflege auf den Intensivstationen ist am Limit“. Das ist natürlich schön, dass medial der Intensivpflege eine solche Aufmerksamkeit geschenkt wird. Mit Sicherheit ein wichtiger Punkt, um auf die Situation aufmerksam zu machen.
Doch was man hier auch mal ganz klar aussprechen muss. Wir sind ALLE im Gesundheitswesen am Limit. Da waren/sind die Pflegekräfte in den Altenheimen, die machtlos zusehen mussten, wie reihenweise ihre BewohnerInnen gestorben sind. Da sind die Stationen, die von heute auf morgen von einer Unfall- oder einer Internen Station zu einer Covidstation umfunktioniert wurden. Viele von diesen Fachkräften hatten schon seit Jahrzehnten nichts mehr mit derartigen Lungenerkrankungen zu tun. Ebenso gab es in der Hauskrankenpflege Situationen, die man nicht mal mehr mit „Nicht schön“ deklarieren kann. Dies ist kein österreichisches Phänomen, sondern ist eine globale Begebenheit. 2020 starben weltweit tausende Fachkräfte (Pflegefachkräfte, Ärzt:innen, Reinigungskräfte, etc.) in Ausübung ihrer Arbeit. Wir kompensieren die Fehler der anderen und des Systems, ohne oft auf unsere eigenen Grenzen zu achten.
Ich möchte mich wirklich bei allen Personen bedanken, die das Ganze aushalten!
Kaputt war es schon vorher
Doch „Desolat“ waren die meisten Gesundheitssysteme schon vor Covid19. Ich könnte hier hunderte Berichte aufzeigen (Beispiel: England 2017: https://pflege-professionell.at/nicht-mit-uns-es-ist…), dass schon im Vorfeld immer mehr reduziert wurde, in anderen Ländern nur noch „adäquate Pflege via Kreditkarte“ (USA) vorhanden war und es einfach weltweit einen Pflegemangel gibt (natürlich wird es ein zwei Ausnahmen geben.) Wir werden dann eine 3 Klassen Pflegegesellschaft haben: Diejenigen, die sich Pflege nicht leisten können und auch keine erhalten, die Gruppe die irgendwas bekommt weil sie eine Grundpflegeversicherung haben und diejenigen die sich qualitativ hochwertige Pflege leisten können. Wenn wir uns ehrlich sind, so weit von diesem Punkt sind wir doch nicht mehr entfernt. Wirtschaftszahlen sind im Kapitalismus einfach wichtiger als Gesundheit. Auch hier gibt es genügend Berichte, dass unser utilitaristisches Weltsystem mehr an Umsätzen, als an Gesundheit interessiert ist. Man hat Jahrzehnte lang global die Pflege als „nicht beachtenswert“ erachtet und jetzt kommt die Rechnung. Auch hier kompensieren wir immer alles, ungeachtet der eigenen Grenzen und viele haben innerlich schon aufgegeben.
Masse statt Qualität
Hier nun Personen in die Ausbildung oder Pflege zu stecken, die in Wirklichkeit komplett ungeeignet für die Pflege sind, ist absolut kontraproduktiv. So entstehen nur Skandale, die dann medial wieder nur ausgeschlachtet werden. Wir haben schon jetzt genügend Pflegepersonen, die eigentlich in den Beruf nichts zu suchen haben, die diesen Beruf einfach nur genommen haben, weil es ein sicherer Job ist oder weil sie in einem Umschulungsprogramm „gezwungen“ wurden diesen Beruf zu ergreifen. Hierbei wird es nie zu einem entsprechenden Berufsverständnis kommen. Das ist weder professionell noch förderlich.
Doch diese Situation kann auch als Chance gesehen werden
Jetzt wo das Kartenhaus immer mehr zusammenbricht, können wir aber auch das Ganze als Chance sehen. Wenn Altes zerbricht, ist auch Platz für neues. Hier ist ganz besonders die Pflege gefordert sich neu aufzustellen, altes abzulegen und Lösungen zu finden. Keiner hat gesagt, dass dies einfach wird und es wird auch nicht von heute auf morgen funktionieren. Wir werden das auch nicht in die Hände gelegt bekommen und es wird auch niemand für uns einspringen. Das ist ein Punkt, der uns allen klar sein muss.
Wenn also alles in Asche am Boden liegt, können wir weiterhin liegenbleiben und auf den „Retter“ warten oder wir versuchen die „Phönix aus der Asche“ Variante. Die Entscheidung wird uns keiner abnehmen.
Markus Golla
Über Markus Golla 9315 Artikel
Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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