Die Emigration (zukünftiger) Pflegepersonen aus Österreich 1938/39 – Teil 4

(C) stocksnapper

Emigration in weitere Länder

Wichtige außereuropäische Fluchtdestinationen für ÖsterreicherInnen waren außer den USA noch Palästina (ca. 15.000), Lateinamerika (ca. 7.000) und asiatische Länder (ca. 7.000). Nach Australien und Afrika sind ca. je 1.000 Menschen geflohen.64 In andere europäische Staaten außer Großbritannien gelangten ca. 40.000 ÖsterreicherInnen, davon mussten viele einen illegalen Weg wählen. Nach Belgien war eine Emigration praktisch nur durch illegalen Grenzübertritt möglich, da die belgischen Konsulate in Österreich bereits am 15. März 1938 den Auftrag erhielten, keine Visa auszustellen. Deutschland förderte diese illegalen Grenzübertritte, da die Ausreise möglichst vieler Juden (unter Zurücklassung ihres Vermögens) erwünscht war.65 Auch nach Holland, Frankreich und die Schweiz mussten viele Personen ohne offizielle Erlaubnis einreisen. Bereits im Frühjahr 1938 hatte der Schweizer Bundesrat die Visumspflicht für Österreicher eingeführt. 66 Wenn das betreffende Gebiet vonDeutschland besetzt wurde, wurden die dorthin Geflüchteten in Holland, Belgien, Frankreich oder Italien erneut verfolgt.

Aus keinem dieser Länder ist bekannt, dass die Krankenpflege bei Fluchtoder Arbeitsmöglichkeiten eine nur annähernd so große Rolle gespielt hätte wie in Großbritannien. In der Literatur zur jüdischen Emigration finden sich allerdings immer wieder Darstellungen von Lebensläufen weiblicher Flüchtlinge, die entweder im Jahr 1938 bereits Krankenschwestern waren oder diesen Beruf später gewählt haben. Zwei von ihnen sollen kurz erwähnt werden. Die diplomierte Krankenschwester Friederike Popper (1905–1966) war im Wiener Allgemeinen Krankenhaus angestellt. Als sie wegen ihres Gatten, des jüdischen Arztes Ludwig Popper (1904–1984), zwangspensioniert wurde, hatte sie gerade ihr zweites Kind bekommen. Nach etlichen vergeblichen Anstrengungen zur Flucht gelang der Familie die Ausreise nach Bolivien, wo ihr Mann als Militärarzt arbeiten konnte. In Bolivien wurden zwei weitere Kinder geboren; Friederike Popper führte zunächst den Haushalt, später wurde sie beim Heer als Hebamme beschäftigt. 1947 konnte die Familie nach Wien zurückkehren.67

Ren8e Spindel (1929–2017), die Tochter eines Wiener Großhandelskaufmanns, war erst zehn Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester in einem Kindertransport nach Frankreich geschicktwurde. Dort lebten die Kinder zuerst in einem Heim in Paris, dann in Zentralfrankreich. Nach der deutschen Besetzung Südfrankreichs im Jahr 1942 und einer abenteuerlichen Flucht fanden die Kinder über die Vermittlung katholischer Ordensfrauen eine Zuflucht bei privaten Familien. Ihre früheren Erfahrungen als Helferin eines Arztes im französischen Kinderheim motivierten Ren8e Spindel nach ihrer Weiterflucht in die USA, eine Ausbildung zur Krankenschwester zu absolvieren.68

In den nun folgenden Abschnitten werden die verschiedenen Lebensbrüche, von denen die Geflüchteten betroffen waren, anhand beispielhafter Schilderungen der Schicksale einzelner Personen illustriert.

Erzwungener Abbruch der Pflegeausbildung

Am 2. Dezember 1938 trat in Österreich das Gesetz zur Neuordnung der Krankenpflege in Kraft. Es bestimmte unter anderem, dass die Bewerberinnen für Krankenpflegeschulen »deutschen oder artverwandten Blutes« und »politisch zuverlässig« sein mussten.69 Schon davor – im Sommer 1938 – mussten jüdische Mädchen, die bereits eine solche Schule besuchten, ihre Ausbildung abbrechen. Aus der Schule des Wiener Allgemeinen Krankenhauses sind die Namen von drei Schülerinnen bekannt: Eva Lemler (1919–2016), Else Heilig (geb. 1917) und Stella Schor (geb. 1916);70 aus anderen Schulen wurden bisher keine diesbezüglichen Angaben gefunden. Mit der Erstgenannten gelang es im Jahr 2008, E-Mail-Kontakt aufzunehmen.

Eva Lemler (später verehelichte Bostock) besuchte die Krankenpflegeschule ab 1937 mit Förderung der Israelitischen Kultusgemeinde; sie hatte ausgezeichnete Noten. Nachdem sie am 31. Juli 1938 die Schule verlassen musste, emigrierte sie nach Großbritannien, heiratete und wanderte später nach Australien weiter. Ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Sie selbst starb im Alter von 97 Jahren im August 2016 in Australien.71

Stella Schor (später verehelichte Loeb) war Halbwaise, hatte die dreijährige kaufmännische Fortbildungsschule mit Auszeichnung beendet und bereits einige Jahre in einem Büro gearbeitet, als sie 1937 die Ausbildung zur Krankenschwester begann. Nach deren erzwungenemAbbruch wanderte sie nach Israel aus und 1952 von dort in die USA. Ihre Mutter starb in Haft.72

Ein Jahr früher als diese beiden Schülerinnen, nämlich im Jahr 1936, war Else Heilig in die Schule eingetreten. Schon 1937 musste sie diese wegen eines Einspruchs der Vaterländischen Front kurzfristig verlassen, war aber nach einer Intervention wieder aufgenommen worden. Kurz nachdem ihr Vater Ernst Heilig (1881–1938), Vorstand des Stenografenamtes im österreichischen Nationalrat, am 6. März 1938 gestorben war, musste sie wegen ihrer jüdischen Herkunft endgültig aus der Schule ausscheiden. Die letzte Nachricht, die über sie zu finden ist, stellt ein Vermerk auf dem Meldezettel dar: »Am 19. 10. 1939 nach Buenos Aires abgemeldet«.73

Eine vierte Schülerin der Krankenpflegeschule am Allgemeinen Krankenhaus, Grete Klaar (geb. 1917), die schon 1935 mit der Ausbildung begonnen hatte, konnte die letzten Prüfungen im Sommer 1938 gerade noch abschließen; ob sie das Krankenpflegediplom je ausgefolgt bekam, geht aus den Akten nicht hervor. Sie war die Adoptivtochter des jüdischen EhepaarsHans (geb. 1884) und Lilli Klaar (geb. 1891) und mosaischer Religion. Im März 1939 flüchtete sie mit ihren Adoptiveltern nach Großbritannien.74

Erzwungener Studienabbruch

An den Universitäten in Österreich – und nicht nur in Österreich – hatte der Antisemitismus eine lange Tradition. In der Zeit des österreichischen »Ständestaats « war seine Ausprägung jedoch versteckter geworden. Kurt Bauer zitiert eine Aussage Walter H. Sokels (1917–2014), der ab Herbst 1936 an der Wiener Universität Romanistik inskribiert hatte:

»Was ich an der Universität vorfand, waren keine Schlägereien, keine Krawalle, keine physischen Angriffe mehr auf jüdische Studenten, sondern Vorzeichen dessen, was später als Shoa so grauenhaft bekannt werden sollte. Ich meine damit eine stillschweigende, nicht offizielle, totale Ausgrenzung der Juden aus der Gemeinschaft […]. Wir jüdischen, das heißt als nicht-arisch geltenden Studenten, fanden uns isoliert, völlig auf uns allein angewiesen, ohne kameradschaftliche, ohne gesellschaftliche Beziehungen zu unseren sogenannten arischen Kommilitonen […]. Wir waren ghettoisiert. «75

In dieser Situation befanden sich die jüdischen Studierenden, als sie mit dem »Anschluss« 1938 vom Studium ausgeschlossen wurden. Im »Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der UniversitätWien 1938«76 finden sich 21 Namen jüdischer Studentinnen, die ihr Studium abbrechen mussten, emigrierten und im Ausland (meist in Großbritannien) wenigstens zeitweise als Krankenschwestern arbeiteten. Bei denen, die Medizin studiert hatten, lag dies in gewisser Weise nahe; vier von ihnen, Edith Hauser (geb. 1918), Hertha Lisbeth Keller (geb. 1914), Edith Strehblow (geb. 1918) und Frieda Zuckermann (geb. 1912) hatten auch schon die Qualifikation einer State Registered Nurse erworben, als sie nach dem Krieg die britische Staatsbürgerschaft erlangten. Über Lisbeth Hockey, die ebenfalls ihr Medizinstudium abbrechen musste – allerdings an der Universität Graz – wurde in einem anderen Abschnitt dieses Beitrags ausführlicher berichtet.

Es waren aber nicht nur Medizinstudentinnen, die sich aus der Not heraus für die Pflegeausbildung interessierten. Annie Altschul, der ebenfalls ein ausführlicher Bericht gewidmet ist, war bis 1938 Studentin der Mathematik an der Wiener Universität. Auch die Wiener Romanistik-Studentin Gisela Lewin (geb. 1913) absolvierte in Großbritannien eine Ausbildung zur State Registered Nurse.

Das Schicksal leitender Pflegepersonen
Leitende Pflegepersonen, die den Nationalsozialisten unerwünscht waren, wurden sofort nach dem »Anschluss« suspendiert und dann mit reduzierten Bezügen pensioniert. Von zwei Personen, bei denen der Grund ihre jüdische Abstammung war, ist bekannt, dass sie nach Großbritannien emigrierten. Hanna Katz, am 21. April 1884 in Reichenberg geboren, hatte schon vor ihrer Pflegeausbildung die erste österreichische, von Ilse Arlt (1876–1960) in Wien gegründete Fürsorgeschule, die Vereinigten Fachkurse für Volkspflege, besucht. Nach ihrer Diplomierung in der Pflege arbeitete sie zuerst als Lehrerin an der Krankenpflegeschule des Allgemeinen Krankenhauses und wurde dann Schuloberin am Wilhelminenspital in Wien. Besonders erwähnenswert ist, dass sie 1918 ein Buch Grundriß der Anatomie für Krankenschwestern und 1926 ein Lehrbuch Einführung in die praktische Krankenpflege veröffentlichte, was zu dieser Zeit noch sehr ungewöhnlich war, denn die Lehrbücher für die Krankenpflege wurden allgemein nur von Ärzten – und eventuell von Geistlichen – verfasst. Katz war auch Schriftleiterin der Fachzeitschrift für Krankenpflegerinnen und Fürsorgeschwestern.

Im Jahr 1938 verlor Hanna Katz ihren Posten.77 Nach ihrer Emigration nach Großbritannien 1939 leitete sie in Oxford eine Kriegsküche für Flüchtlinge und kehrte 1946 nach Wien zurück. Man hatte ihr eine Wiedereinstellung versprochen, aber nicht eindeutig klar gemacht, was darunter zu verstehen war. Katz dürfte sich eine Rückkehr in ihre frühere Position erwartet haben, denn sie schrieb in ihrem Ansuchen um Rückkehrbewilligung an die alliierte Militärbehörde in Wien: »I have already been informed from Vienna that I am wanted there, and even that my old post at the Wilhelminenspital is free for me in case I should wish to work there again.«78 Der betreffende Posten war jedoch bei ihrer Rückkehr nichtmehr frei, ebensowenig wie andereOberinnenposten. Katz sollte daher vorübergehend an der Magistratsabteilung 17 (Anstaltenamt) angestellt werden. Dagegen erhob aber die Gewerkschaft Einspruch. So wurde diese Beschäftigung abgebrochen und Katz ging 1948 62-jährig »aus gesundheitlichen Gründen« in Pension. Am 6. 2. 1962 starb sie; ihre ehemalige Kollegin im Wilhelminenspital, Leonie Blühdorn (1888–1967), die selbst wegen ihres jüdischen Großvaters verfolgt wurde, hatte sie bis zu ihrem Tod gepflegt.79

Johanna Löwenstein (1902–1992), geboren am 16. Jänner 1902, hatte fünf Semester Staatswissenschaft studiert und einige Jahre als Beamtin gearbeitet, bevor sie 1930 bis 1933 eine Pflegeausbildung im Rudolfinerhaus absolvierte. Nach ihrer Diplomierung verließ sie das Krankenhaus, arbeitete in der Kinderübernahmsstelle der Gemeinde Wien und besuchte eine Fürsorgeausbildung. Ab 1936 Oberin des weltlichen Pflegedienstes im Versorgungsheim Lainz, wurde sie im April 1938 in den dauernden Ruhestand versetzt.80 Sie emigrierte nach Großbritannien und heiratete dort den deutschen Journalisten Johannes Maier-Hultschin (1901–1958), der zu dieser Zeit polnischer Staatsbürger war. Die Familie Maier-Hultschin kehrte 1950 nach Deutschland zurück, er starb 1958, seine Witwe Johanna lebte noch bis 1992.81

Nicht aus »rassischen«, sondern aus politischen Gründen wurde Friederike Zehetner (1880–1959), Oberin des Pflegedienstes am Wilhelminenspital, verfolgt. Sie wurde am 14. März 1938 auf Antrag des SS-Oberkommandos beurlaubt und verlor ihre Stelle. Man warf ihr vor, sie habe den Schülerinnen den »deutschen Gruß« verboten, sie nicht zu einem Fackelzug gehen lassen und den Tag des »Anschlusses« als den »traurigsten Tag ihres Lebens« bezeichnet. Außerdem mangle es ihr an Gemeinschaftssinn, sie stütze sich nur auf eine »Gruppe legitimistischer und jüdischer Elemente«, wodurch sie als Oberin im nationalsozialistischen Staat nicht geeignet sei. Unterschriebenwurden diese Vorwürfe »für die N. S. Schwesternschaft« von einer Schwester, die »Parteigenossin« war, und weiteren 26 Krankenschwestern des Wilhelminenspitals.82 Friederike Zehetner starb am 21. 7. 1959 in Bad Ischl.

Ebenfalls aus politischen Gründen wurden 1938 zwei weitere Oberinnen in verfrühte Pension geschickt: Marie Karwinsky (1889–1959), die Oberin des Allgemeinen Krankenhauses, und Anna Nyerges (1886–1956), Oberin im Rudolfspital. Marie Karwinsky war offensichtlich als Schwester vonCarl Karwinsky (1888–1958), der 1933/34 Staatssekretär für Sicherheitswesen gewesen war, wegen ihrer politischen Einstellung für das neue Regime als Oberin nicht tragbar. Im August 1945 wurde sie wieder in den Dienst der Stadt Wien aufgenommen und anschließend im 56. Lebensjahr pensioniert. Sie starb 1959.83 Anna Nyerges gab nach dem Krieg an, am 13. März 1938 habe ihr ein Sekundararzt des Rudolfspitals erklärt, sie könne ihren Posten wegen ihrer Weltanschauung und ihrer gegnerischen politischen Einstellung nicht behalten. Sie musste ein Pensionsansuchen unterschreiben. Da sie 1946 schon 60 Jahre alt war, ersuchte sie um Rehabilitierung und Anrechnung der verlorenen Jahre; zum neuerlichen Dienstantritt sah sie sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage.84

Maria Demel (1902–1980), die erst seit März 1937 Schuloberin der Krankenpflegeschule der Stadt Wien in Lainz war, wurde am 18. März 1938 von der Gestapo verhaftet, u. a. aufgrund der Anklage, sie habe den Schülerinnen die Teilnahme amFackelzug verweigert.Am27. 3. 1938 wurde sie wieder freigelassen und nach einer Zeit des Krankenstandes in den Verwaltungsdienst versetzt, wo sie bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1962 tätigwar. ImJahr 1980 starb sie.85 Die Krankenpflegeschule der Stadt Wien wurde 1938 den nationalsozialistischen Braunen Schwestern übergeben.

Da alle diese Personen bereits in den ersten Tagen nach dem 12. März 1938 außer Dienst gestellt wurden und sich auch die Oberin des Rudolfinerhauses Alice Pietzcker, wie bereits beschrieben, zur Flucht genötigt sah, war ein Großteil der an führender Stelle stehenden Pflegepersonen Wiens mit einem Schlag ausgeschaltet worden. An ihre Stelle traten den Nationalsozialisten genehme Personen und das »Krankenpflegewesen«, wie man es damals nannte, wurde nach nationalsozialistischen Vorstellungen umgestaltet.

Politisches Engagement emigrierter Pflegepersonen

Im Dezember 1941 wurde vonExilösterreicherInnen in Großbritannien das Free Austrian Movement als Dachverband österreichischer Exilorganisationen gegründet. Eine der ersten beruflich orientierten Gruppierungen, die sich ihm anschlossen, war die Association of Austrian Nurses and Allied Professions in Great Britain.86 Hier engagierten sich österreichische Krankenschwestern. »Chairman« der Organisation war zunächst Johanna Löwenstein, die später von Hanna Katz abgelöst wurde; Sekretärinwar erst Lizzi Haas (geb. 1914), ihr folgte Alice Reiter (1905–1975), eine Säuglingspflegerin, die von 1935 bis 1938 das Ferienkinderheim St. Peter bei Aspang geleitet hatte.87

Einige andere Krankenschwestern hatten in Österreich im Rahmen der Gewerkschaft gearbeitet und setzten sich auch in der Emigration politisch ein. Lucia Loch (1881–1943), am 8. Februar 1881 in Zlin im damaligen Ostpreußen geboren, war im Ersten Weltkrieg nach Wien gekommen, wo sie zunächst als Pflegerin in einem Kriegsspital und nach dem Krieg eine Zeit lang als Oberschwester im Wiener Allgemeinen Krankenhaus arbeitete. Sie begann bald, sich für die Rechte der Krankenpflegerinnen zu engagieren und war eine der Gründerinnen ihrer gewerkschaftlichen Organisation in Österreich. Nach den Februarkämpfen 1934 arbeitete sie im Untergrund weiter. Als sie 1938 von den Nationalsozialisten bedroht wurde, flüchtete sie in die Schweiz und kam über Paris im Jahr 1941 in die USA, wo sie am 13. 12. 1943 starb.88

Die bekannte sozialdemokratische (und später kommunistische) Politikerin Marie Köstler, geborene Mattauch, die schon 1934 nach London emigrierte und dort in der sozialdemokratischen Exilorganisation tätig war, verfügte ebenfalls über einen pflegerischen Hintergrund. Sie hatte im Ersten Weltkrieg eine Krankenpflegeausbildung absolviert und war an der Gründung einer Krankenpflegerinnengewerkschaft imJahr 1917 in Graz beteiligt, deren Sekretärin sie bis 1934 war.89

Ein weiteres Beispiel für politisches Engagement ist Margit Czernetz (1910– 1996), geborene Kohn. Nach einer Ausbildung zur Kinderkrankenschwester im Mautner Markhof ’schen Kinderspital war sie im Wiener Rothschildspital tätig. Nach 1934 engagierte sie sich im Untergrund im Rahmen sozialistischer Gruppierungen und musste im Oktober 1938 nach Großbritannien flüchten. In London arbeitete sie im Büro der österreichischen Sozialisten mit, dessen Mitbegründer ihr Mann Karl Czernetz (1910–1978) war.90 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Zahl österreichischer Krankenschwestern, die sich in der Emigration politisch betätigten, zwar nicht besonders hoch gewesen sein dürfte, dass das Klischee der »unpolitischen Krankenschwester« sich jedoch nicht durchwegs bestätigt. Vor allem jene Personen, die schon vor 1938 politisches Engagement gezeigt hatten, kämpften auch in der Emigration weiter.

Fußnoten

64 Vgl. Victoria Kumar, Land der Verheißung – Ort der Zuflucht. Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945, Innsbruck: StudienVerlag 2016. – Die Angaben sollen nur die ungefähre Größenordnung zeigen.

65 Vgl. DÖW (Hg.), Österreicher im Exil. Belgien 1938–1945. Eine Dokumentation, Wien: Österr. Bundesverlag 1987, 20–21.

66 Vgl. Unabhängige Expertenkommission Schweiz, Zweiter Weltkrieg (Hg.), Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus, Bern: 1999, 108.

67 Vgl. Ludwig Popper, Bolivien für Gringos. Exil-Tagebuch eines Wiener Arztes, Oberwart:

Edition Lex Liszt 12, 2005. – Personalakt Friederike Popper, WStLA, M.Abt. 202, Personalakten 1.Reihe.

68 Vgl. Gerda Hofreiter, Allein in die Fremde. Kindertransporte vonÖsterreich nach Frankreich, Großbritannien und in die USA 1938–1941, Innsbruck: StudienVerlag 2010, 97–99.

69 Vgl. Herbert Weisbrod-Frey, Krankenpflegeausbildung im Dritten Reich, in: Hilde Steppe (Hg.), Krankenpflege im Nationalsozialismus, 8. Auflage, Frankfurt/Main: Mabuse 1996, 87–110, 88–95.

70 Vgl. Ilsemarie Walter, »Keine Ausnahme«. Veränderungen in der österreichischen Krankenpflege in den Jahren 1938/39, in: Österreichische Pflegezeitschrift 62 (2009) 1, 20–24, 20–22.

71 Vgl. E-Mail-Korrespondenz zwischen Eva Bostock und Ilsemarie Walter, 15. 12. 2008–4. 3. 2009, Kopien im Besitz der Verfasserin.

72 Vgl. Loeb Stella, Ansuchen um Entschäd., ÖStA, AdR, Entschäd. u. Restit. Angel., Alter Hilfsfonds.

73 Vgl. Meldezettel Else Heilig, WStLA, Bundespolizeidir. Wien, Histor. Meldeunterlagen, DAntiquariat. – Aufnahmegesuch Else Heilig, WStLA, Dir. Akten AKH, A3, Kt. 99. – Ausscheiden von Schülerinnen wegen Einspruch der Vaterländischen Front, ÖStA, AdR, BMfsV, VG, Kt. 2307, Akt 26.920/37.–Wiederaufnahme Else Heilig, ebd., Akt 37.728/37.–Meldung

nichtarischer Schülerinnen, WStLA, Dir. Akten AKH, A3, Kt. 97.

74 Vgl. Meldezettel Margarethe Klaar, WStLA, Bundespolizeidir. Wien, Histor. Meldeunterlagen, D-Antiquariat. – Bestät. f. Grete Klaar, WStLA, Dir. Akten AKH, A3, Kt. 97 und 98. – Hans Klaar, Ansuchen um Entschäd., ÖStA, AdR, Entschädigungs- und Restitutions-Angelegenheiten,

Alter Hilfsfonds.

75 Vgl. Walter H. Sokel, Das provisorische Dasein. 1936–1938, Vortrag gehalten am 12. März 2008 im Kleinen Festsaal der Universität Wien. Zit. nach: Kurt Bauer, Schlagring Nr. 1. Antisemitische Gewalt an der Universität Wien von den 1870er- bis in die 1930er-Jahre, in: Regina Fritz/et al. (Hg.), Alma Mater Antisemitica. Akademisches Milieu, Juden und Anti-Kransemitismus an den Universitäten Europas zwischen 1918 und 1939,Wien: new academic press

2016, 137–160, 158–159.

76 Vgl. Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938, URL:gedenkbuch.univie.ac.at.

77 Vgl. Personalakt Hanna Katz, WStLA, M.Abt. 209, Personalakten Wilhelminenspital.

78 Hanna Katz, Rückkehr nach Österreich, ÖStA, AdR, BMfsV, VG, Kt. 18, Akt 24.576/47.

79 Vgl. Personalakt Johanna Katz, WStLA, M.Abt. 202, Personalakten 1.Reihe.

80 Vgl. Personalakt Johanna Löwenstein, Rudolfinerhaus, 1933, Ausgetretene Schwestern, Schülerinnen und Aushilfsschwestern, WStLA, M.Abt. 202, Personalakten 1.Reihe, A–SCH.

81 Vgl. Nachlass Johannes Maier-Hultschin, Das Bundesarchiv, URL: www.nachlassdatenbank.

de/viewsingle.php?person_id=8913&asset_id=9667 (abgerufen am 6. 6. 2018).

82 Vgl. Personalakt Friederike Zehetner,WStLA, M.Abt. 209, Personalakten Wilhelminenspital.

83 Vgl. Personalakt Marie Karwinsky, WStLA, M.Abt. 521, Personalakten 20. Jh. 2. Reihe.

84 Vgl. Brief Anna Nyerges vom 17. 11. 1946 an das Bundesmin. f. soz. Verwaltg., WStLA, M.Abt. 209, Allgem. Reg. 1945–1971, Kt. 41.

85 Vgl. Personalakt Maria Demel, WStLA, M.Abt. 202, Personalakten 2.Reihe.

86 Vgl. Wolfgang L. Reiter, Aufbruch und Zerstörung. Zur Geschichte der Naturwissenschaften in Österreich 1850 bis 1950 (Emigration – Exil – Kontinuität. Schriften zur zeitgeschichtlichen Kultur und Wissenschaftsforschung 15), Wien: Lit 2017, 356–357.

87 Vgl. Rückführung, österr. Krankenpflegerinnen aus England, WStLA, M.Abt. 209, A1, IId V 144/46 (Aktenkonvolut).

88 Vgl. Gabriele Dorffner, Loch Lucia, in: Horst-Peter Wolff (Hg.), Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Whowas who in nursing history A–Z, Berlin: Ullstein Mosby 1997, 120–121. – Karin Nusko, Loch Lucia (Lucie), Gewerkschafterin (RS) und Krankenpflegerin, Universität Wien, URL: www.univie.ac.at/biografiA/daten/text/bio/loch.htm (abgerufen am 23. 1. 2017).

89 Vgl. Lydia Jammernegg, Marie Köstler, Frauen in Bewegung 1848–1938, Österreichische Nationalbibliothek, URL: www.fraueninbewegung.onb.ac.at/Pages/PersonDetail.aspx?p_iPersonenID=8674981 (abgerufen am 28. 8. 2016).

90 Vgl. Karin Nusko, Czernetz Margit, geb. Kohn, Widerstandskämpferin (RS), Politikerin (SPÖ) und Krankenpflegerin, Universität Wien, URL: www.univie.ac.at/biografiA/projekt/Widerstandskaempferinnen/Czernetz_Margit.htm (abgerufen am 23. 1. 2017).

Über Ilsemarie Walter 4 Artikel
Ilsemarie Walter absolvierte zwischen 1965 und 1968 ihre Krankenpflegeausbildung am Rudolfinerhaus in der Billrothstrasse in Wien. Bis zum Jahr 1972 arbeitete sie daselbst als Krankenschwester auf einer chirurgischen Abteilung. Ilsemarie Walter studierte als gelernte Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester Psychologie, Soziologie, Übersetzungswissenschaft und Geschichte. Walter war wissenschaftliche Assistentin an der Abteilung Pflegeforschung in Wien und des Instituts für Pflege- und Gesundheitssystemforschung (IPG) der Johannes Kepler Universität in Linz. Ihre pflegehistorischen Forschungen bezogen sich vor allem auf das 19. und beginnende 20. Jahrhundert. Hier beschäftigte sie sich auch mit der Rolle der Männer in der Pflege, einem über einen längeren Zeitraum hinweg weiblich dominierten Beruf. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeiten von Ilsemarie Walter galt den Interaktionsproblemen innerhalb der Triade „Patient-Arzt-Pflegekraft.“ Ilsemarie Walter ist Mitautorin beim Biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte „Who is who in nursing history“ (Horst-Peter Wolff mit Nachfolge Hubert Kolling als Herausgeber). Dreiländerprojekt zur Pflege im Nationalsozialismus: In Deutschland arbeitete Ilsemarie Walter gemeinsam mit Elisabeth Seidl vor allem mit der Frankfurter Pflegehistorikerin Hilde Steppe zusammen. Es entstand, gemeinsam mit der Sektion Historische Pflegeforschung des Deutschen Vereins für Pflegewissenschaft (heute: Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft), ein Dreiländerprojekt der deutschsprachigen Länder Schweiz-Österreich-Deutschland zur Geschichte der Pflege im Nationalsozialismus mit ZeitzeugInneninterviews.Durch den Tod von Hilde Steppe wurde dieses Projekt lediglich partiell zu Ende geführt. Vor allem die Interviews aus Deutschland warten auf eine Bearbeitung.

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