Die Einsamkeit des modernen Menschen – Wie das radikale Ich unsere Demokratie bedroht

„Zeitkritik, die nach Veränderungen ruft“

Kämpferisch kommen der Titel und der Untertitel des Buchs „Die Einsamkeit des modernen Menschen“ daher. Erwartet wird ein Protest gegen gesellschaftliche Entwicklungen bzw. das engagierte Aufmerksam-Machen auf kollektive Wunden. Irgendwie versucht sich der Sozial-und Politik-Wissenschaftler Hecht auch darin. Sein Buch ist ein lauter Weckruf in einer Zeit, die von Gewohnheiten und wenig hinterfragten Mainstreams bestimmt zu sein scheint.

Viel Aufwand betreibt Hecht, um der Genese mancher Probleme um die Einsamkeit auf den Grund zu gehen. Beruhigend erscheint es, dass er die Einsamkeit als „ein höchst ambivalentes Gefühl“ (S. 11) beschreibt. Damit gelingt es ihm, den Diskursen um die Einsamkeit das Dramatische und gar Skandalöse zu nehmen. Wörtlich: „Es geht hier also um die Einsamkeit in der Vereinzelung, eine Einsamkeit, die nicht so sehr als individuelle Begleiterscheinung einer unglücklichen Biographie verstanden wird, sondern als eine Art soziales Virus, das kollektiv über die gesamte Gesellschaft gekommen ist, …“ (S. 13).

So durchzieht die Darstellung des Wechselspiels von Einsamkeit und Kollektivität das ganze Buch. Hecht gelingt es, die Ambivalenzen bezüglich des Alleinseins und der Einsamkeit unter die Lupe zu nehmen. Es taucht beispielsweise der Begriff der Entfremdung auf, über den sich Hecht viele Gedanken macht. Dabei wird offensichtlich, wie hilflos der moderne Mensch zu sein scheint, um sich im Spannungsfeld zwischen dem Ich und dem Wir, zwischen dem Individualismus und Kollektivismus zu bewegen.

Plastisch führt Hecht vor Augen, dass Menschen in der Vergangenheit meist in den Sportverein gegangen sind, um sich körperlich zu ertüchtigen. Gegenwärtig drängen die Menschen in der Mehrheit wohl in die Fitness-Studios und damit in die Vereinsamung. Mit dem Joggen verbindet Hecht unter anderem das Bemühen, sich fit zu halten, um einen Vorteil für eine Kampfbereitschaft zu erhalten. Der Mensch erhoffe sich einen Vorteil beim ökonomischen Ausscheidungskampf.

Hecht kann in diesem Zusammenhang sicher zurecht als Pessimist und Schwarzmaler bezeichnet werden. Diese extreme Position erscheint jedoch nötig, um die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen wachzuhalten sowie die alltägliche Lebenspraxis auf die jeweilige Motivation hin zu überprüfen. Seine gegenwartskritische Haltung zeigt sich auch, als er Statussymbole in der Gesellschaft der Einsamen beschreibt. Den materiellen Auftritt der zeitgenössischen Menschen setzt er mit dem Begriff des „Status mit der Brechstange“ (S. 73) gleich.

Hechts Buch ist vor allem eine Zeitkritik und ruft nach Veränderungen. Er ist überzeugt: „Wir leben in einer Gesellschaft, die den neiderfüllten Vergleich miteinander kräftig stimuliert. Die Einsamkeit der Akteure, die sie bevölkern, führt dazu, dass sie auf immer neue Formen der Bestätigung gesellschaftlicher Art angewiesen sind“ (S.79).

Zur Einsamkeit sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Bücher erschienen. Politisch-gesellschaftliche Mahnschriften haben sich darunter eigentlich nicht befunden. Insofern ist die Stimme Hechts sicher hilfreich.

 

0588 1Martin Hecht: Die Einsamkeit des modernen Menschen – Wie das radikale Ich unsere Demokratie bedroht, Dietz-Verlag, Bonn 2021 ISBN 978-3-8012-0588-1, 203 Seiten, 18 Euro.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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