Die bekannten Anderen

„Das Leben ist eine weite Reise“

Es sind die leisen Töne, die das Buch „Die bekannten Anderen“ sympathisch machen. Hartmut Haker hat in den 1990er Jahren erstmals die Erfahrung einer seelischen Erkrankung gemacht. Spätestens seitdem ist das Schreiben für ihn ein Momentum der Bewältigung dieser leidvollen Erfahrung. So ist das Buch „Die bekannten Anderen“ nicht das erste Buch, das es aus seiner Feder zu lesen gibt. Es ist auf jeden Fall eines, das nachdenklich macht und auch Mut macht, vielleicht ein eigenes seelisches Leiden nicht nur als Defekt zu erleben.

Es sind viele kurz gehaltene Texte und Betrachtungen, die Haker in dem Buch versammelt hat. Teilweise sind sie in der Zeit der Corona-Pandemie entstanden und auch von dieser Erfahrung geprägt. Genauso wenig wie die Zeit der Pandemie für Gemütlichkeit gut ist, so zeigen seine Texte auch keine Behaglichkeit. Er erzählt von einem Treffen mit einem Freund in einem Gasthof: „Der Gastraum ist bis auf uns wie leergefegt … In der heutigen Zeit der Quarantäne, des Desinfektionsmittels und der geschlossenen Schulen trinkt sic ein solches Bier nicht anheimelnd und entspannend“ (S. 21).

Was Haker an äußerem Geschehen beschreibt, das macht er auch mit seinem inneren Erleben. Als er sich Gedanken über seinen Alltag und sein Schreiben macht, konstatiert Haker, dass er das Gefühl habe, „als wenn ich als Protagonist meines Lebens nicht mehr alles im Griff habe“ (S. 23). Der alltäglichen Verunsicherung setzt er Zuversicht und Optimismus entgegen. Und auch einen Sinn für die Konzentration auf das Wesentliche.

Wer zu denjenigen Menschen gehört, die immer ein Buch zum Lesen in der Jackentasche haben müssen (ich gehöre dazu, CM), der findet mit dem Buch von Haker eine Gelegenheit dazu. Die Texte sind von einer Kürze, die gut beim Warten auf den Nahverkehr gelesen werden können. Und während man in den Bus oder die Straßenbahn steigt, hängt man den Gedanken nach, die Haker angestoßen hat.

Mit seinem Schreiben will Haker etwas gegen die Stigmatisierung von seelischen Erkrankungen sowie Betroffener und Angehöriger psychisch erkrankter Menschen machen. Er erreicht mehr, er lässt den zeitgenössischen Menschen ins Grübeln über den Alltag kommen. Dabei macht er auch keinen Hehl daraus, dass der Glaube an Gott ein tragendes Fundament für sein eigenes Leben ist.

Haker hat mit seinem Schreiben einen persönlich formulierten Auftrag. Dabei will er überzeugen, will mit dem Gegenüber ins Gespräch kommen. Er will sein Gegenüber teilhaben lassen an seinen Erfahrungen und seinen Erlebnissen. Beim Schreiben merke er immer wieder, wie sich durch das Aufschreiben Gedanken und Gefühle lösten, er sogar etwas für andere Menschen tun könne.

Das Buch nimmt die Leser_innen durch seine Alltäglichkeit mit. Der Autor hebt nicht darauf ab, etwas Besonderes erlebt zu haben. Seine seelische Erkrankung wird als fast selbstverständlicher Teil seines Lebens wahrgenommen. Dabei zeigt er auf, wie entscheidend und tragend seine Beziehung zur Ehegattin, zum Sohn und anderen Menschen in seiner Umgebung ist. Und Haker scheint für vieles dankbar zu sein, was er Tag für Tag erlebt. Seine Worte sprechen für sich: „Das Leben hat es gut gemeint mit mir … Für mich ist das Leben eine weite Reise, ein Abenteuer. Doch ich bin sicher, dass diese Reise geführt wird von einer guten Kraft – die es unendlich gut mit uns meint“ (S. 118).

 

Hartmut Haker: Die bekannten Anderen – Texte, Betrachtungen und Beiträge, um Betroffenen psychischer Erkrankungen Mut zuzusprechen – und zur Entstigmatisierung in bewegten Zeiten, Wieden Verlag, Crivitz 2021, ISBN 978-3-942946-88-9, 137 Seiten, 11.80 Euro.

Über Christoph Mueller 315 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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