Die Ärzte und dann auch die Pflegekräfte: Ein Aufschrei

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Wenn ein System strukturell krank ist, leiden alle Beteiligten: Die Ärzte haben ihre Verzweiflung kundgetan. Und tun es weiter. Nun auch die Pflegekräfte. Irgendwann ist der Druck zu groß: zu wenig Personal, schlechte Bezahlung und vor allem: keinerlei Verständnis, Respekt oder Anerkenntnis durch das Management, das fernab jeglicher Krankenhausrealität plant, noch dazu mit unvollständigen Daten, Statistiken und Vorgaben.

 Irgendwann ist es selbst den Geduldigsten zu viel: Es reicht.

Wir Ärzte haben absolutes Verständnis für den Aufstand der Pflegekräfte. In einem System, das hierarchisch strukturiert ist, müssen laufend diejenigen das tun, was sie nicht müssten: Ärzte, die nur mehr Protokolle schreiben, Blutdruck messen, Injektionen verabreichen und Listen führen, PflegerInnen, die Betten machen, Essen servieren, Patienten transportieren.

Es ist vieles falsch im System KAV. Und es wird täglich schlimmer.

Es wird an dem gespart, wo Sparen nicht möglich ist: am Personal.

So als ob Krankheit sich nach automatisierten Abläufen richten und nach Schema F, gewissermaßen maschinell, repariert werden könnte.

Von Pflege, Empathie, Diagnostik und Gespräch keine Spur. Alles nicht betriebsnotwendig in der großen Reparaturmaschine KAV, die sich am liebsten selbst verwaltet. Das Ziel: Top oder Total ohne Patienten.

Patienten werden im wahrsten Sinn des Wortes im Stich gelassen, behandelt wie Ware, die irgendeinen Schaden aufweist.

Zurecht verlangen die Pflegeflachkräfte mehr Planposten, bessere Bezahlung – und vor allem adäquaten, sinnhaften Einsatz, der ihren Qualifikationen entspricht. Darum geht es in erster Linie.

Wer eine qualifizierte Ausbildung absolviert, möchte das Wissen und die Kenntnisse in der Praxis anwenden und vertiefen. Dazu braucht es Strukturen, flexible Organisationseinheiten und vor allem Verständnis dafür, was ein Krankenhaus und ein Gesundheitssystem leisten soll.

PflegerInnen sind falsch eingesetzt. Und überlastet. In kaum einem Beruf ist die Zahl der Burn Out-Fälle so hoch, sind die chronischen Erkrankungen derart signifikant. Wer jahrelang Patienten aufrichten, umbetten und stützen muss, wird zwangsläufig Rückenleiden bekommen.

Wer jahrelang keine Anerkenntnis erhält, sondern im Gegenteil auch noch gemaßregelt und administrativ korsettiert wird, muss irgendwann einmal sich wehren.

Die Zeit ist reif dafür.

Eine Gesundheitspolitik, die fernab jeglicher Realität Schönfärberei betreibt, von einem Desaster zum anderen lediglich Ablenkungspolitik inszeniert, Fehler verschweigt oder diese erst auf Raten zugibt, muss nicht verwundert sein, dass ein System, das auf der Einsatzfreude von hochqualifizierten Menschen beruht, zusammenbricht.

Krankheit und Leiden kennen keine Kontingente, Heilungsprozesse kann man nicht mit der Stoppuhr verordnen.

Wer das glaubt, sollte sich einen anderen Job suchen. In der Möbelindustrie oder in der Fertigung von Mikrochips. Oder in einer Robotikfirma. Mit dem Ziel der eigenen Abschaffung.

Thomas Szekeres
Über Thomas Szekeres 1 Artikel
Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Ärztekammer für Wien

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