Der Verrat wird geliebt, der Verräter wird gehasst

Methode Wallraff und Whistleblowing im Gesundheitswesen

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Sie pflegen ihren schlechten Ruf – diejenigen Menschen, die nach dem Beispiel des investigativen Journalisten Jürgen Wallraff recherchieren und nach der mühsamen Arbeit unhaltbare Zustände in den zeitgenössischen Medien aufdecken. Sie haben einen schlechten Ruf – diejenigen Menschen, die hinlänglich als Whistleblower bezeichnet werden und als Menschen mit einem eigenen Erfahrungshintergrund Hinweise auf Missstände geben. Im Gesundheitswesen haben zuletzt die Recherchen des Teams Wallraff aufhorchen lassen, das verdeckt in psychiatrischen Kliniken und einem Wohnheim für psychisch Erkrankte recherchiert hat.

Der Verrat wird geliebt, der Verräter wird gehasst. Dies ist eine Erfahrung, die viele Journalisten gemacht haben, die sich ganz nah an unhaltbare Zustände gewagt haben. Dies ist auch eine Erfahrung derjenigen, die als Insider nicht mehr den Mund halten konnten, weil unter anderem in Einrichtungen des Gesundheitswesens die Humanität und die Integrität alter, kranker und gebrechlicher Menschen bedroht war.

Die Methode Wallraff und das Whistleblowing können moralisch als fragwürdig beurteilt werden. Dies mag jedem Einzelnen überlassen bleiben. Die Methode Wallraff und das Whistleblowing legen allerdings offen, dass viel Druck in einem Kessel zu herrschen scheint. Wenn es zu einem Überdruck kommt, dann kommt es in der Regel zu einer Explosion. Sind die Journalisten aus dem Team Wallraff und so manche Whistleblower Katastrophen-Verhinderer?

Man könnte es meinen, dass sie mit ihrem aufmerksamen Finger-in-die-Wunde-Legen Schlimmeres verhindern. Bei dem, was sie mit dem investigativen Journalismus und dem Whistleblowing machen, beschreiben sie in erster Linie Situationen und Zustände in der Altenpflege, in der Begleitung psychisch erkrankter Menschen und bei der Behandlung von Menschen in existentiell bedrohlichen Lebensphasen.

Den Menschen ermöglichen sie damit, mit den Fingern auf Zustände und Menschen zu zeigen, die es vielleicht auch nicht besser wissen, wie mit dem einen oder anderen Phänomen umzugehen ist. Behörden nehmen sie mit der Arbeit Verantwortung ab, indem sie aufzeigen, wo die Schwächen in Betreuung und Behandlung sind. Und vielen Beschäftigten machen sie Angst, weil sie als Krankenschwestern und Krankenpfleger, Altenpfleger und Heilerziehungspflegerinnen skeptisch jedem gegenüberstehen, den sie nicht einzuschätzen vermögen.

Dass das Team Wallraff und Whistleblower Konjunktur haben, dies mag an fragwürdigen Zuständen in Einrichtungen liegen. Führungskräfte legen den Wert darauf, dass der Laden läuft und die Wirtschaftlichkeit gewährleistet ist. Menschen aus helfenden Berufen reflektieren vielleicht nicht, was sie Tag für Tag für und mit den ihnen anvertrauten Menschen tun. An-und Zugehörige projizieren die eigenen Scham-und Schuldgefühle auf Einrichtungen und deren Mitarbeitende, die eine Rund-um-Versorgung mit unzähligen Hotel-Leistungen ermöglichen sollen.

Es ist völlig egal, ob Whistleblower oder Mitarbeitende des Team Wallraffs in Krankenhäusern oder Wohnheimen unterwegs sind. Sie sind eine Mahnung, dass die Pflege und Begleitung von alten, kranken und gebrechlichen Menschen nicht nur fachlich professionell, sondern vor allem reflektiert getan werden muss.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 100 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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