„Der Mund ist eine Tabuzone“

Der Medizinpädagoge Thomas Gottschalck im Gespräch

(C) deagreez

Die Mundpflege und die Mundgesundheit werden in sämtlichen pflegerischen Versorgungssettings eher vernachlässigt. Jemand, der sich damit nicht abfinden will, ist der Krankenpfleger und Medizinpädagoge Thomas Gottschalck. Mit seinem Buch „Mundgesundheit und Mundpflege“ will er zu mehr Sensibilität für den Mund und die Zähne aufrufen. Mit Christoph Müller hat er sich zu einem Cappuccino zusammengesetzt.

Christoph Müller In dem Buch „Mundgesundheit und Mundpflege“ haben Sie sich als Gesundheits-und Krankenpfleger mit der Mundhygiene und der Bedeutung für Körper und Psyche beschäftigt. Wie ist es dazu gekommen?

Thomas Gottschalck: Das Thema „Mundgesundheit und Mundpflege“ interessiert mich schon seit vielen Jahren. Im Jahr 2003 konnte ich eine umfangreiche Forschungsarbeit unter der Betreuung von Prof. Theo Dassen an der Berliner Charité abschließen. Diese Studie bildete die Grundlage für das 2006 erschienene Buch „Mundhygiene und spezielle Mundpflege“. Nachdem ich mich weiter mit der Thematik auseinandersetzte, entstand nun eine vollständig überarbeitete und erweiterte  Neuauflage beim Verlag Hogrefe. Die Thematik ist für mich deshalb interessant, weil die Mundgesundheit viele Bereiche des Lebens tangiert. Viele Allgemeinerkrankungen werden durch die Mundgesundheit beeinflusst oder gar hervorgerufen. Spontan denke ich dabei an den Zusammenhang zwischen einer Parodontitis und Diabetes mellitus. Eine vernachlässigte Mundpflege mit Schädigung oder Verlust der Zähne und Mundgeruch kann darüber hinaus das Selbstwertgefühl des Menschen beeinflussen. Betroffene sind beispielsweise gehemmt, die Mahlzeiten in Gemeinschaft einzunehmen. Ein schlechtes Gebiss stört die verbale Kommunikation. Menschen mit starkem Mundgeruch oder fehlenden Zähnen werden oftmals gemieden.

Christoph Müller In den Krankenhäusern und Pflegeheimen werden die Mundgesundheit und die Mundpflege sicher vernachlässigt. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für diesen Missstand?

Thomas Gottschalck: Während meiner pflegerischen Tätigkeit fiel mir immer wieder auf, dass die Mundpflege nicht zu den beliebtesten Tätigkeiten unter den Pflegenden gehört und häufig an Pflegehilfspersonen delegiert wurde. Ein schlechter oraler Zustand oder starker Mundgeruch kann mitunter sogar Ekelgefühle auslösen. Hinzu kommt bei Vielen die Unsicherheit, wie hochwertiger, technisch aufwändiger Zahnersatz fachgerecht entfernt, gesäubert und wieder eingesetzt wird. Außerdem spielt für Ärzte (Zahnärzte ausgenommen) im Krankenhaus oder Pflegeeinrichtungen der Zustand der Mundhöhle ihrer Patienten kaum eine Rolle.

Christoph Müller Unter anderem beschreiben Sie in dem Buch „notwendige Kompetenzen der Pflege“, wo es um Fachwissen, soziale Kompetenzen und Beratungskompetenzen geht. Wie kann professionell Pflegenden dies besser vermittelt werden?

Thomas Gottschalck: Die Grundlagen sollten unbedingt in der Pflege-Ausbildung gelegt werden. Hier besteht in vielen Ausbildungseinrichtungen noch Verbesserungsbedarf. Darüber hinaus trägt sicher die Anwendung des Expertenstandard „Förderung der Mundgesundheit in der Pflege“, der aktuell vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege entwickelt wird, zur Kompetenzbildung bei. Von Pflegeexperten und Vertretern der Zahnmedizin wird außerdem angeregt, eine Fachweiterbildung, analog dem Wundmanagement, für interessierte Pflegende ins Leben zu rufen, vielleicht mit der Bezeichnung „Beauftragte für Mundpflege“. Diese Experten könnten dann beratend tätig sein.

Christoph Müller Sie stellen die Mundpflege in verschiedenen Settings dar. Dabei bleibt die psychiatrische Pflege unerwähnt. Haben Sie trotzdem eine Idee davon, was Sie den Kolleg_innen in diesem Versorgungskontext auf den Weg mitgeben können?

Thomas Gottschalck: Psychische Beeinträchtigungen können die Mundpflege erheblich erschweren. Im Abschnitt Mundpflege bei „Zerebralen, geistigen und/oder seelischen Beeinträchtigungen“ sind häufig vorkommende Probleme und Möglichkeiten aufgezeigt, wie die Mundpflege dennoch gelingen kann. Ein ausführlich beschriebenes Fallbeispiel eines an Alzheimer Erkrankten trägt zum Verständnis bei.

Christoph Müller Auf die Einbeziehung der pflegebedürftigen Menschen legen Sie den Fokus. Dabei prägen sie die Idee, dass aktivierende Maßnahmen nicht als Last, sondern als Herausforderung angesehen werden. Wie kann das konkret gelingen?

Thomas Gottschalck: Die Idee basiert auf der Theorie der Salutogenese. Hat eine pflegebedürftige Person bei der Ausführung ihrer täglichen Mundpflege Schwierigkeiten, sollte die Unterstützung nicht darin liegen, dass die Pflegeperson diese übernimmt. Vielmehr sollte durch gezielte aktivierende Pflege die Selbständigkeit vollständig oder wenigstens teilweise wieder hergestellt werden. Der Mensch lernt zunächst, sein Defizit zu verstehen und zu akzeptieren. Durch gezielte Unterstützung lernt er, das Defizit zu überwinden oder zu kompensieren, beispielsweise durch das erlernen neuer Pflegetechniken oder der Anwendung von Hilfsmitteln. Der Erfolg fördert das Selbstvertrauen des Menschen. Der Mensch lernt dabei, seine Probleme nicht als Last, sondern als Herausforderung zu verstehen. Er erkennt dass es sich lohnt, Energie zu investieren, um seine Eigenständigkeit zu erhalten.

Christoph Müller In dem Buch wird deutlich, dass es große Zusammenhänge zwischen der Ernährung und der Mundgesundheit gibt. Wie kann den Menschen eine Umsetzung gelingen, wenn dies in einem Krankenhaus oder in einem Pflegeheim aufgrund von Wirtschaftlichkeitserwägungen schon nicht vorgelebt wird?

Thomas Gottschalck: Eine mundgesunde Ernährung verursacht keine höheren Kosten. Im Alter verändert sich bei Vielen das Ernährungsverhalten. Zahnverlust, Mundtrockenheit oder Probleme mit dem Zahnersatz führen dazu, dass überwiegend Lebensmittel bevorzugt werden, die ohne Probleme gegessen werden können. Diese Ernährungsform, die vorwiegend aus einseitiger weicher Kost und oftmals mit viel Zucker besteht, möchten die Senioren auch im Krankenhaus oder in der Pflegeeinrichtung beibehalten. Hinzu kommt, dass häufig auch ohne ersichtlichen Grund eine pürierte Kost verordnet wird. Um die Mundgesundheit zu erhalten, sollten möglichst Lebensmittel bevorzugt werden, die ein gewisses Maß an Kauaktivitäten erfordern. Zu vermeiden ist es beispielsweise auch, gesüßte Tees oder Fruchsäfte auf den Nachtschrank zu stellen, die dann über den Tag und in der Nacht schluckweis e getrunken werden. Dies erhöht das Kariesrisiko beträchtlich.

Christoph Müller Was kann getan werden, dass Pflegende und pflegende Angehörige den Mund nicht mehr als Tabuzone wahrnehmen?

Thomas Gottschalck: Der Mund ist und bleibt eine Tabuzone. Entscheidend ist, dass wir das als Pflegende respektieren. Die Mundpflege sollte, soweit möglich, von einer vertrauten Pflegeperson vorgenommen werden. Ein sensibles Vorgehen in einer ruhigen störungsfreien Atmosphäre erleichtert die Hilfeleistungen.

Christoph Müller Ich danke Ihnen, dass Sie sich Zeit genommen haben.

 

Das Buch, um das es geht

Thomas Gottschalck: Mundgesundheit und Mundpflege – Praxishandbuch für Pflegefachpersonen, Pflege-, Dental-und zahnärztliche Prophylaxeassistentinnen, Hogrefe-Verlag, Bern 2021, ISBN 978-3-456-86142-5, 253 Seiten, 34.95 Euro

Über Christoph Mueller 341 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen