„Der Entfremdung entkommen“

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Die Themen, über die man sich Gedanken machen kann, liegen auf der Straße. Dies dachte ich vor kurzem einmal mehr, als es im Deutschlandfunk um die Entfremdung ging. Der Philosoph Alexander Grau berichtete von seinem neuen Buch „Entfremdet – Zwischen Realitätsverlust und Identitätsfalle“. In diesem essayistischen Band geht es um die Auseinandersetzung des zeitgenössischen Menschen mit der Selbstverwirklichung.

Wie es so oft geschieht, ich stelle mir die Frage, was hat dies mit meinem beruflichen Handeln zu tun. Unter anderem warf Grau einen Blick in die Geschichte und erinnerte an Karl Marx, der von einer Entfremdung des Arbeiters von seinem Produkt beklagte. Dass ich bei solchen Begründungssträngen schnell bei der professionellen Pflege lande, wundert niemanden. Schließlich zeigt die Ökonomisierung im Gesundheitswesen, wie sehr sich die Pflegenden von den ihnen zur Pflege anvertrauten Menschen entfernen.

Professionell Pflegende entfernen sich jedoch in der heutigen Zeit, in der gegenwärtigen Berufswirklichkeit von sich selbst. Schließlich sind sie in vielen Versorgungsbereichen stark verunsichert. Einerseits wird viel über Professionalisierung und Akademisierung gesprochen, die letztendlich die Eigenverantwortlichkeit stärken. Andererseits muss beklagt werden, dass den eigenen Ansprüchen in der pflegerischen Arbeit kaum jemand gerecht wird. Es stellen sich Fragen zur eigenen Rolle und zur eigenen Identität.

Was bedeutet es, sich selbst fremd zu sein? Sich selbst fremd zu sein heißt beispielsweise, sich in der eigenen Haut nicht wohlzufühlen. Es gibt Menschen, die somatisieren, wenn die Belastungen zu viel werden, ihnen fremd sind. Ihre Leistungsfähigkeit schwindet. Oft flüchten sich betroffene Menschen in eine Erkrankung. Auch wenn sie auf der heimischen Couch nach Erholung suchen, fühlen sie sich in der eigenen Haut nicht wohl. Ein Teufelskreis.

Sich selbst fremd zu sein hat unter anderem zur Folge, sich morgens nicht selbst im Spiegel anschauen zu können oder zu wollen. Sie sind nicht bei sich. Sie ruhen nicht in sich. Und wer nicht mit sich im Reinen ist, der hat sicherlich keine Ressourcen, um gebrechliche oder erkrankte Menschen auf einem Genesungsweg zu begleiten. Wo jemand für sich keine Hoffnung empfindet, der kann sie sicher nicht anderen Menschen geben.

Was kann denn nun ein Ausweg aus dem Dilemma sein? Pflegenden gegenüber wird ein hoher moralischer Anspruch vorausgesetzt. Dies zeigen gesellschaftliche Diskurse während der Corona-Pandemie. Es wird von ihnen im Zweifel erwartet, selbst infiziert (sofern asymptomatisch) zur Arbeit zu kommen. Das Ganze soll dann noch zu einem Tarif geschehen, der zum Himmel schreit.

Pflegende haben unglaubliche Kompetenzen – persönlich, sozial, fachlich. Dieses Gewicht gilt es in die Waagschale zu legen. Ein möglicher Weg kann es sein, die eigene Leistungsfähigkeit einmal in Relation zu setzen. Wann schieben Berufsgruppen, mit denen Pflegende alltäglich zu tun haben, die eigenen Kapazitäten in den Vordergrund, um sich aus der Verantwortung zu ziehen? Wann beginnen Pflegende eigentlich zu jammern, wenn sie zehn, fünfzehn, zwanzig Tage am Stück durcharbeiten, während viele Menschen klagen, wenn sie einmal sechs Tage in der Woche arbeiten?

Viel entscheidender ist es, ein Bewusstsein für die eigene Kraft und die eigenen Interventionen zu entwickeln. Pflegende sind nicht nur diejenigen, die einen Katheter legen oder einen Verband wickeln können. Sie sind auch diejenigen, die in Grenzsituationen die richtigen Worte finden, um Trost oder Zuversicht zu geben. Vielleicht konzentrieren sie sich darauf, um der eigenen Entfremdung zu entkommen.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at