Dem Leben einen Dreh geben

„Der Tiefgründigkeit Raum geben“

Flüchtig ist die Idee geäußert, Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Alles andere als flüchtig erscheint das Buch „Dem Leben einen Dreh geben“. Es rückt die Auseinandersetzung mit dem Selbstmitgefühl in den Fokus. Sie glauben dies nicht? Dann lassen Sie sich von Sandra und Alex sowie der Psychotherapeutin Mirjam Tanner mit auf den Weg nehmen. Sie haben nicht nur die Gelegenheit, die Mitgefühlsfokussierte Therapie (CFT) kennenzulernen. Sie finden einen neuen Weg mit sich selbst: „Der Weg aus innerer Rigidität und Beengung führt über das Finden einer wohlwollenden, mitfühlenden Betrachtung der eigenen Welt und der Welt um sich herum“ (S. 20). Diese Beschäftigung mit sich selbst führt zu seelischen Wunden und schwierigen, schmerzhaften Gefühlen.

Schon im Titel wird deutlich, dass sich Tanner auf Momente der besonderen Verletzlichkeit konzentriert. Wenn Menschen im Rahmen einer seelischen Erkrankung außerordentlich vulnerabel erleben, dann macht es aus ihrer Sicht besonders Sinn, über das Selbstmitgefühl nachzudenken, ihm nachzuspüren. Indem die Achtsamkeit in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Arbeit eine größere Bedeutung erreicht hat, so ist dem Selbstmitgefühl gleichzeitig die Tür geöffnet worden.

Der einladende Charakter des Buchs spricht die Leserin, den Leser an. Tanner duzt die Leserin, den Leser von der ersten Seite an. Sie zeigt nicht nur das Bemühen, sie zeigt den unbedingten Willen, betroffene Menschen dort abzuholen, wo sie gerade (auch mit dem seelischen Ungleichgewicht) stehen. Wenn Tanner den Blick auf den „Flow of Life“, dann spüren Betroffene, worauf es ankommen kann, um die eigene Seele wieder in Balance zu bringen. Der „Flow of Life“ erleichtere das erkennen“ welche Veränderungen und Entwicklungen möglich und realistisch sind“ (S. 34).

Sandra und Alex sind fiktive Begleiter_innen des zeitgenössischen Menschen. In ihnen finden sich Menschen wieder, die Orientierung oder vielleicht auch Unterstützung in seelischer Not brauchen. Betroffene bekommen eine Ahnung oder vielleicht auch eine Gewissheit davon, dass sie mit Sorgen nicht alleine sind. Als Tanner konkret auf Achtsamkeit und Achtsamkeitsübungen kommt, nutzt sie eine Begrifflichkeit, die zu einer Anpassung von Sichtweisen anregt. Wer Achtsamkeit übt, der stellt aus ihrer Sicht die Welt auf Pause.

Wenn es um Selbstmitgefühl geht, dann ist natürlich die Emotionsregulation von großer Bedeutung. Mit einem langjährigen Erfahrungsschatz aus der Psychotherapie bezeichnet Tanner Emotionen als „inneres Navigationssystem“ (S. 55). Sie bedauert, dass die zeitgenössischen Menschen mit dem Navigationssystem der Gefühle nicht vertraut seien. Sie ist überzeugt davon, dass dies zu vielen Irritationen führt. Vielmehr rät Tanner: „Es geht nicht darum, schwierige Gefühle wegzumachen und herunterzufahren, sondern darum, ihnen Beruhigung und Sicherheit an die Seite zu stellen“ (S. 87).

Das Buch „Dem Leben einen Dreh geben“ eignet sich in besonderer Weise als Arbeitsbuch, wenn sich Menschen stationär oder ambulant in seelischen Krisen begleiten lassen. Es füllt auf positive Weise die Momente, in denen Betroffene in Langeweile oder emotionale Leere zu driften drohen. Es gibt unzählige Anregungen, sich unter der Käseglocke eines therapeutischen Prozesses anregen zu lassen und es im eigenen Alltag unmittelbar zu erproben.

Und apropos Flüchtigkeit: Sich auf das Buch „Dem Leben einen Dreh geben“ einzulassen, lässt alle Flüchtigkeit weichen und gibt einer Tiefgründigkeit Raum, die sicher oft verloren geht.

Mirjam Tanner: Dem Leben einen Dreh geben – Selbstmitgefühl bei psychischen Erkrankungen, Balance Medien Verlag, Köln 2020, ISBN 978-3-86739-200-6, 192 Seiten, 18 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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