Delir erkennen leicht gemacht – ein Tipp für die Praxis

von Jutta Wetzlmair MSc & Pia Lohr MSc

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In der Literatur wird die medizinische Diagnose Delir als ein über mehrere Stunden bis Tage andauernder akuter Verwirrtheitszustand bezeichnet (Müller, Wetzlmair, Schumacher, & Lechleithner, 2016; Schuurmans, Shortridge-Baggett, & Duursma, 2003). Bereits in der Antike beobachtete Hippokrates bei seinen Patientinnen und Patienten diesen Zustand und bezeichnete ihn als Phrenitis, übersetzt Entzündung des Bewusstseins (Richards, Azad, Adeola, & Clark, 2016). Um Christi Geburt wurde der Begriff Delir als Verwirrtheit bei hohem Fieber oder Kopfverletzungen erstmals beschrieben. Die Ableitung dieses lateinischen Begriffs stammt von de lira ire, was so viel heißt wie aus der Furche oder aus der Spur geraten (Drach, 2016, S. 13). In der Praxis werden häufig auch die Begriffe hirnorganisches Psychosyndrom, akute Verwirrtheit oder Durchgangssyndrom genannt (Singler & Frühwald, 2014).

Ein Delir weist unterschiedliche Symptome je nach Verlaufsform (Tab. 1) auf. Das hypoaktive Delir tritt mit 29% am häufigsten auf (Lechleitner, 2013), wird jedoch oftmals übersehen (Reischies, 2016, S. 45). Aufgrund seiner ausgeprägten Symptomatik wird das hyperaktive Delir, obwohl dies seltener auftritt (21%), häufiger festgestellt (Lechleitner, 2013; Hüfner & Sperner-Unterweger, 2014). Von der Mischform, die sich durch das symptomatische Auftreten beider Verlaufsformen auszeichnet, sind 43% der Patientinnen und Patienten betroffen (Hewer & Füeßl, 2016, S. 91f; Lechleitner, 2013).

Tabelle 1: Verlaufsformen eines Delirs und deren Symptome

Hypoaktives Delir Hyperaktives Delir
Inaktiv Motorische Unruhe
Apathisches und unauffälliges Verhalten Ungesteuerte Bewegungen
Keine akuten Symptomveränderungen Agitiert
Hypovigilanz Distanzloses, nicht eingrenzbares Verhalten
Schwer führbar

Grundsätzlich tritt das Delir unabhängig vom Alter und neben geriatrischen Bereichen auch in anderen pflegerelevanten Fachabteilungen auf (Lechleitner, 2013). Weltweit variieren die Prävalenzzahlen von 53% bis 75% im Akutbereich, gegenüber 49% bis 87% im Langzeitpflegebereich (Voyer et al., 2015). Bezogen auf den österreichischen Gesundheitsbereich liegen keine systematisch erhobenen Prävalenzdaten vor (ÖGGG, 2013). Im klinischen Bereich bleiben bis nahezu 90% der Fälle unerkannt, im häuslichen Bereich sind es 46% (Thomas, 2016, S. 46f; Voyer et al., 2015).

Durch Früherkennungsmaßnahmen könnten laut Österreichischer Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie (ÖGGG) 40% der Delirien vermieden werden (ÖGGG, 2013). Bei Auftreten von folgenden vier Risikofaktoren wird vom National Institute for Health and Care Excellence (NICE) die Durchführung eines Delir-Screenings empfohlen (Ahmed, Leurent, & Sampson, 2014):

  • 65 Jahre und älter
  • bestehende Demenz
  • Zustand bei einer Hüftfraktur
  • Schweregrad der Erkrankung

Standardisierte Screeninginstrumente unterstützen die objektive Risikoeinschätzung und Ergebnisdokumentation bei Patientinnen und Patienten im Rahmen des Pflegeprozesses (Gupte, 2012, S. 23; Bartholomeyczik, 2007). In den vergangenen Jahren wurden fünf pflegerische Delir-Screeninginstrumente beschrieben und miteinander verglichen (Tab. 2), die sich u.a. hinsichtlich ihrer Population, Erhebungszeit und Anzahl der Fragen (=Item) unterscheiden (Lohr, 2017; Wetzlmair, 2017).

Tabelle 2: Delir-Screeninginstrumente im Vergleich

Risikoinstrumente Itemanzahl Erhebungszeitraum
DOSS

(Schuurmans et al., 2003)

25

versus 13

≤5 – 15 Minuten
NEECHAM

(Neelon et al., 1996)

9 3 – 15 Minuten
Sour Seven Questionnaire

(Shulman et al., 2016)

7 Keine Angaben
Nu-DESC

(Gaudreau et al., 2005)

5 1 – 2 Minuten
RADAR

Voyer et al., 2015

3 3 Sekunden

Wie in Tabelle 2 ersichtlich reduziert sich je nach Itemanzahl die Erhebungszeit. Hier sticht besonders die RADAR (Recognizing Acute Delirium as part of your Routine) hervor, die sich aufgrund ihres geringen Zeitaufwands (<1 Minute) als einfach anwendbares Instrument in der Pflegepraxis für diplomierte Pflegepersonen sowie Pflegeassistenteninnen und -assistenten zeigt (Voyer et al., 2015). Für die Pflegepraxis liegt nach Übersetzung des Originals ebenso eine österreichische Version (RADAR-A) vor (Abb. 1) (Wetzlmair, 2017). Die RADAR-A eignet sich für den Einsatz im Akut- und Langzeitpflegbereich bei Patienteninnen und Patienten  mit und ohne Demenz. Bei Anwendung der Skala wird die Patientin/der Patient nicht direkt befragt, sondern die Pflegeperson beurteilt durch Beobachtung das Delirrisiko anhand der drei Items der RADAR-A, die im Anschluss mit ja oder nein beantwortet werden. Für diese Einschätzung werden keine weiteren medizinischen Daten oder Informationen von Angehörigen benötigt. Da im Laufe einer 24-Stunden-Schicht viele Pflegetätigkeiten, wie zum Beispiel Medikamentenverabreichung oder Vitalzeichenkontrolle durchgeführt werden, ergeben sich häufig Gelegenheiten für das Beschreiben des Patienteninnen-/Patientenverhaltens (Wetzlmair, 2017; Voyer et al., 2015). Vor jeder Einführung eines neuen Screeninginstruments sind Schulungen erforderlich.

Neben der Übersetzung der Skala wurden in Studien die Verständlichkeit (Wetzlmair, 2017), die Zuverlässigkeit und die Praktikabilität der RADAR-A (Lohr, 2017) getestet. Diese Ergebnisse wurden am Pflegekongress 2017 in Wien (Lohr, Wetzlmair, & Müller, 2017; Wetzlmair & Steininger, 2017) sowie am 1st International Conference of the German Society of Nursing Science 2018 in Berlin (Wetzlmair et al., 2018) vorgestellt. Weitere Veröffentlichungen der Studienergebnisse in internationalen Fachzeitschriften sind geplant.

 

Nützlicher Link (https://www.youtube.com/watch?v=-cQfjvJ7ozQ) zur Anwendung der RADAR

Das englische Schulungsvideo zur Anwendung der RADAR anhand von mehreren praktischen Szenarien wurde von Prof. Dr. Philippe Voyer (Entwickler der RADAR) erstellt.

Literaturverzeichnis

Ahmed, S., Leurent, B., & Sampson, E. L. (2014). Risk factors for incident delirium among older people in acute hospital medical units: a systematic review and meta-analysis. Age and Ageing, 43, 326–333. https://doi.org/10.1093/ageing/afu022

Bartholomeyczik, S. (2007). Einige kritische Anmerkungen zu standardisierten Assessmentinstrumenten in der Pflege. Pflege, 20(4), 211–217.

Drach, L. M. (2016). Nichts Neues unter der Sonne? Geschichte des Begriffs “Delir.” In W. Hewer, C. Thomas, & L. M. Drach (Hg.), Delir beim alten Menschen. Grundlagen – Diagnostik – Therapie – Prävention (S. 13–15). Stuttgart: Kohlhammer GmbH.

Gupte, A. (2012). Assessmentinstrumente für alte Menschen. Pflege- und Versorgungsbedarf systematisch einschätzen. Bern: Verlag Hans Huber.

Hewer, W., & Füeßl, H. S. (2016). Diagnostische Strategie. In W. Hewer, C. Thomas, & L. M. Drach (Hg.), Delir beim alten Menschen. Grundlagen – Diagnostik – Therapie – Prävention (S. 77–85). Stuttgart: Kohlhammer GmbH.

Hüfner, K., & Sperner-Unterweger, B. (2014). Delir in der Neurologie. Nervenarzt, 85(4), 427–436. https://doi.org/10.1007/s00115-013-3934-1

Lechleitner, M. (2013). Verwirrtheitszustände im Alter. Österreichische Ärztezeitung, (23/24), 22–29.

Lohr, P. (2017). Delir-Screening mit RADAR-A: Überprüfung der Reliabilität und Praktikabilität. Unveröffentlichte Masterarbeit, UMIT – Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik, Hall in Tirol. 

Lohr, P, Wetzlmair, J., & Müller G. (2017). Delir-Screening mit RADAR-A: Überprüfung der Reliabilität und Praktikabilität. Posterpräsentation am Pflegekongress in Wien (30.11.-01.12.2017).

Müller, G., Wetzlmair, J., Schumacher, P., & Lechleithner, M. (2016). Wie valide und reliabel kann das Delirrisiko eingeschätzt werden? HeilberufeScience, 7(3), 117–127. https://doi.org/10.1007/s16024-016-0278-3

Österreichische Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie (ÖGGG) (2013). Delir 2013. Ein häufiges Syndrom im Alter – eine interdisziplinäre Herausforderung. https://www.alterspsychiatrie.at/bilder/publikationen/expertpapiere/Delir_Folder2013.pdf* (25.10.2016)

Reischies, F. M. (2016). Diagnostik und Klassifikation des Delirs. In W. Hewer, C. Thomas, & L. M. Drach (Hg.), Delir beim alten Menschen. Grundlagen – Diagnostik – Therapie – Prävention (S. 33–50). Stuttgart: Kohlhammer GmbH.

 

Richards, R., Azad, R., Adeola, M., & Clark, B. (2016). Delirium: The 21st century health care challenge for bedside clinicians. Journal of Nursing and Education, 6(6), 8–16.

 

Schuurmans, M. J., Shortridge-Baggett, L. M., & Duursma, S. A. (2003). The Delirium Observation Screening Scale: A screening instrument for delirium. Research and Theory for Nursing Practice: An International Journal, 17(1), 31–50.

Singler, K., & Frühwald, T. (2014). Delir. Der Internist, 55(7), 775–781.

Thomas, C. (2016). Epidemiologie. In W. Hewer, C. Thomas, & L. M. Drach (Hg.), Delir beim alten Menschen. Grundlagen – Diagnostik – Therapie – Prävention (S. 46–50). Stuttgart: Kohlhammer GmbH.

Voyer, P., Champoux, N., Desrosiers, J., Landreville, P., McCusker, J., Monette, J., Savoie, M., Carmichael, P.-H., Richard, H., & Richard, S. (2015). Recognizing acute delirium as part of your routine [RADAR]: A validation study. BMC Nursing, 14(19), 1–13. https://doi.org/10.1186/s12912-015-0070-1

Wetzlmair, J. (2017). Delir-Screening mit RADAR-A: Übersetzung und Bestimmung der Inhaltsvalidität. Unveröffentlichte Masterarbeit, UMIT – Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik, Hall in Tirol.

Wetzlmair, J., & Steininger, A. (2017). Der Weg zur RADAR-A: Übersetzung und erste Ergebnisse zur Validität der österreichischen Delir-Screening Skala. Orale Präsentation, Pflegekongress in Wien (30.11.-01.12.2017).

Wetzlmair, J., Lohr, P., Steininger, A., Schulc, E., & Mueller, G. (2018). The delirium screening tool RADAR-A: Translation, validity, and reliability. Posterpresentation, 1st International Conference of the German Society of Nursing Science 2018 in Berlin (04.05-05.05.2018).

 

 

 

 

Jutta Wetzlmair
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Departement für Pflegewissenschaft und Gerontologie, UMIT – Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik, Hall in Tirol

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