DE: Wundkongress in Nürnberg stellt Weichen, die Versorgung von Wundpatienten weiter zu verbessern

(C) Conventus/Helge Schubert

Nürnberg. Der große Zuspruch von 1400 Teilnehmern aus den verschiedenen Bereichen der Medizin und Pflege hat dem Ansinnen von Organisatoren und wissenschaftlicher Leitung eindrucksvoll Recht gegeben: Ein Forum zu initiieren über regionale und sogar nationale Grenzen hinweg, welches allen, die Patienten mit Wunden behandeln und versorgen, die Gelegenheit bietet zu einem umfassenden Blick auf aktuelle Standards und neue Entwicklungen sowie zu einer intensiven Diskussion über bestehende Schwierigkeiten, Herausforderungen und Lösungsstrategien.

Der 01. Nürnberger Wundkongress vom 6.-8. Dezember 2018 stand unter dem Motto „Gemeinsam unterwegs“, welches drei Tage lang die Atmosphäre im Kongresszentrum Mitte der Nürnberger Messe spürbar prägte. Das gemeinsame Anliegen aller Teilnehmer, sich fortzubilden, einander zu begegnen und andere Perspektiven zu erfahren mit dem gemeinsamen Ziel, die Versorgung der Patienten mit Wunden zu verbessern und zu optimieren. Dafür hatte Kongresspräsident Prof. Dr. Bert Reichert, Plastischer Chirurg am Klinikum Nürnberg, im Vorfeld dieser Veranstaltung geworben.

(C) Conventus/Helge Schubert

Vernetzen Sie sich!

Sollte man die wichtigste Empfehlung etlicher der in dem vielseitigen, dreitägigen Kongressprogramm gehörten Experten, Referenten und Workshop-Leiter zu unterschiedlichsten Aspekten der Wundbehandlung in einem einzigen Satz zusammenbringen, dann wäre dies das Plädoyer: Vernetzen Sie sich! Wohl kaum eine andere medizinische Problematik ist so sehr auf die Kooperation und Verzahnung der Disziplinen und Professionen angewiesen. Jeder Patient mit einer chronischen Wunde ruft im Durchschnitt 5,8 mitbehandelnde ärztliche Disziplinen auf den Plan, dazu kommen 4,1 beteiligte nicht-ärztliche Versorger, wie der Präsident des deutschen Wundrates e.V., Prof. Dr. Matthias Augustin, in seinem Beitrag zur Qualität der Wundversorgung in Deutschland erläuterte.

Vielfach wurde andererseits im Rahmen des 01. Nürnberger Wundkongresses deutlich, wie wenig zielführend die Behandlung chronischer Wunden verlaufen kann, wo es an einem strukturierten Miteinander, der notwendigen Qualifizierung und geteilten Standards mangelt. Die Probleme sind bekannt. Die Notwendigkeit von Veränderungen – letztlich zugunsten der ca. 1 Million betroffenen Patienten jedes Jahr in Deutschland – steht außer Frage. In fachgebiets- und berufsübergreifenden Kooperationen steckt erhebliches Potenzial, man kann es auch bei einem Wundkongress gar nicht oft genug betonen.

Mögliche Wege und Lösungen wurden im Rahmen des Kongresses ebenfalls vorgestellt, wie beispielsweise das dem Vorbild der mittlerweile etablierten Tumorboards nachfolgende Wundboard am Interdisziplinären Wundzentrum in Nürnberg, welches einen wichtigen Beitrag etwa zur Amputationsvermeidung zu leisten vermag, wie Dr. Christian Rapke darstellte. Dass auch in einem Haus der Grundversorgung eine interdisziplinäre Versorgung möglich ist, dass sich der hohe zeitliche und organisatorische Aufwand gemeinsamer Visiten und Fallbesprechungen lohnt und messbar in der Lebensqualität der Patienten niederschlägt, illustrierte das Beispiel des Krankenhauses Grimma, erläutert von Dr. Stefan Vehlow. Wie Vernetzung außerklinischer Institutionen funktioniert und wer konkret welche Aufgaben übernimmt schilderten Dr. Heiner Schmitz, niedergelassener Chirurg im thüringischen Jena, und die Wundschwester Carina Hansmann in ihrem gemeinsamen Vortrag über das „Wundnetz Thüringen“ am Beispiel des diabetischen Fußsyndroms.

Was wir haben, was wir brauchen

Bestehende Schwierigkeiten und Defizite in der aktuellen Versorgungssituation wurden beim 01. Nürnberger Wundkongress natürlich thematisiert. Stichwort „verschleppte Versorgung“: Vier Jahre vergingen bei Patienten mit Ulcus cruris durchschnittlich vom Symptom bis zur Diagnose, so Matthias Augustin. Stichwort Wundauflagen: Weil für Medizinprodukte nicht, wie für Arzneimittel, strenge Regularien gelten, weil neue Produkte nicht zuerst den Nachweis erbringen müssen, dass sie gut oder gar besser als das bisher Verfügbare sind, sind sie leicht auf den Markt zu bringen und schwer zu überblicken. 7500 verschiedene Wundauflagen sind aktuell verfügbar, so der Gefäßchirurg Prof. Dr. Andreas Maier-Hasselmann (München), über deren Wirksamkeit es gesichertes Wissen, Evidenz, nicht gebe. „Was wir aber haben, das sind Leitlinien“, so Maier-Hasselmann: die Grunderkrankung erkennen und behandeln, feuchte Wundauflagen oder Kompressionstherapie bei Ulcera als Beispiele. „Das wissen wir, aber dieses Wissen wird nicht überall umgesetzt. Das ist eigentlich unser zentrales Problem.“

Der vielfache Ruf nach einer flächendeckenden leitliniengerechten Versorgung beim 01. Nürnberger Wundkongress ging auch einher mit der Forderung nach einer Verbesserung der Ausbildung erstbehandelnder Ärzte und Pflegefachkräfte oder einer Reform der Finanzierung ambulanter Wundversorgung.

(C) Conventus/Helge Schubert

Blickwechsel: Nicht ob, sondern wie der Patient überlebt

Zu den Highlights im wissenschaftlichen Programm des 01. Nürnberger Wundkongresses gehörten unter anderem moderne Konzepte der Versorgung traumatischer Wunden. Der Plastische Chirurg Prof. Dr. Peter M. Vogt (Hannover) hob auch hier die Notwendigkeit interdisziplinärer konzeptioneller Strategien hervor. Fallbasiert führte er vor, wie funktionelle und zugleich ästhetische Optimierung in der modernen rekonstruktiven Chirurgie durch die Zusammenarbeit der Fachgebiete ermöglicht wird und wie mitunter auch mit „einfachen Mitteln“ und unter Nutzung der Selbstheilung gute Ergebnisse erzielt werden können.

Mit postoperativen Wundheilstörungen befasste sich Dr. Heinrich Rotering (Münster) und legte dar, wie diese durch den Einsatz eines neuen Behandlungskonzeptes, welches kaltes atmosphärisches Plasma mit Aktivkohle-Unterdruckverbänden kombiniert, schonend und effektiv behandelt werden können. Einen Überblick über moderne Wege in der Verbrennungsmedizin bot der Vortrag des Plastischen Chirurgen Prof. Dr. Paul Fuchs (Köln), der beispielsweise anhand von Ergebnissen einer Studie zu Verbrennungen im Gesicht darlegte, wie durch Kombination eines enzymatischen Debridements (NexoBrid) und der Wundabdeckung mit synthetischem Hautersatz (Suprathel), unter die Plasma aus zentrifugiertem Eigenblut gesprüht wurde, bei „eigentlich OP-pflichtigen Wunden“ auch ohne Transplantationen ein sehr gutes Outcome erzielt werden konnte. Außerdem ging er auf Medical Needling als Trend in der Narbentherapie ein, wobei mittels eines von Nadeln besetzten Rollers winzige Stichkanäle in die Haut gesetzt werden. Die Einstiche erzeugen Mikrowunden in der Lederhaut und regen so die Fibroblasten zur Kollagenproduktion an. Das Verfahren mache Narben elastischer, was für die Patienten weniger Missempfindungen bedeute. Insgesamt ginge der Trend hin zu weniger Chirurgie, resümierte Fuchs und bringt einen Blickwechsel des Fachgebietes auf den Punkt: Entscheidend ist nicht ob – sondern wie der Patient überlebt.

Üben und probieren erwünscht

Neben weiteren spannenden wissenschaftlichen Beiträgen, Fallbeispielen und Diskussionen – etwa zum modernen Management der Akne inversa oder „Klassikern“ wie die Wunde des Diabetikers oder Dekubitalgeschwüre und ihre chirurgische Versorgung, gab es im Kongressprogramm etliche aufschlussreiche wie anregende Veranstaltungen kooperierender Fachgesellschaften und Verbände, beispielsweise zum „heißen“ Thema Finanzierung in der Wundversorgung, sowie eine Vielzahl an Seminaren und Workshops, in denen praktisches Know-how vermittelt wurde und „selbst Handanlegen“ ausdrücklich erwünscht oder geboten war. Die Tricks und Kniffe eines perfekten Kompressionsverbandes lassen sich eben beim „Wickeln“ am Sitznachbarn am besten perfektionieren. Ein Workshop zu Schmerz- und Stressmanagement mittels Lachen zeugte auf der Piazza im Kongresszentrums Mitte mindestens unmittelbar vom Erfolg des Konzeptes. Die genaue Beschreibung einer Wunde als fast detektivische Kunst auf dem Weg zur Diagnose „hinter“ dem Symptom Wunde wurde anhand von Fallbeispiel-Fotos ausführlich geübt, die Blutflussgeschwindigkeit in den Arterien mittels Schall gemessen, Chancen und Risiken der Ernährung im Zusammenhang mit Wunden und Wundheilung identifiziert, Techniken und spezielle Gerätschaften wie beispielsweise zu verschiedenen Wunddebridements erprobt – und vieles mehr. Das gesamte Workshop-Programm erfreute sich einer hohen Nachfrage.

Rundum gelungener Auftakt

Stimmungsvoll und heiter ging es beim Netzwerkabend am Donnerstag zu. Dafür sorgten als prominente Gäste der nach seinem Coldplay-Clou in Nürnberg sehr populäre Jazzmusiker Ferdinand Schwartz samt Band sowie das fränkische Kabarett-Original Oliver Tissot.

Eine fachbezogene, gut besuchte Industrieausstellung begleitete den 01. Nürnberger Wundkongress. Aus der erfolgreichen Premiere soll sich nun nach Wunsch der Organisatoren eine langlebige, fruchtbare Tradition entwickeln. Für den diesjährigen Kongresspräsidenten Bert Reichert war es ein rundum gelungener Auftakt: „Die Vorbereitungszeit war für mich ein großes Abenteuer. Dass wir so viele Kolleginnen und Kollegen motivieren konnten, nach Nürnberg zu kommen, ist eine persönliche Freude.“ Für den 02. Nürnberger Wundkongress lohnt es, sich schon heute den 5.-7. Dezember 2019 vorzumerken.

 

Markus Golla
Über Markus Golla 5368 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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