DE: Unsere Notaufnahmen sind in Not

Der Beitrag wurde von PD Dr. med. Karl Braun und PD Dr. med. Dominik Pförringer erstellt.

(C) benjaminnolte

Einst geschaffen, um Patienten in Notfall- und Unfallsituationen schnell zu helfen, hat sich die Notaufnahme mittlerweile zu einem allgemeinen und „unkomplizierten“ Anlaufpunkt vieler Patienten mit teilweise nichtigen Wehwehchen entwickelt. Statt einen Hausarzt aufzusuchen, besuchen sie zunehmend die Notaufnahmen – verständlicherweise, denn die Annehmlichkeiten liegen klar auf der Hand: keine lästige Terminvergabe, effiziente Diagnostik, fundierte medizinische Kenntnisse in breitem Spektrum in Kombination mit der Möglichkeit zur direkten therapeutischen Intervention. So trifft jemand, der einen Unfall hatte und schnell Hilfe benötigt, auf jemanden, der vor fünf Tagen einen banalen Insektenstich hatte.

Das abhandengekommene Gespür, wann etwas dringend ist und wann nicht, führt dazu, dass unsere Notaufnahmen immer voller werden. Patienten mit einem Schnupfen oder einer Warze am Fuß haben hier nichts verloren. In diesen Fällen reicht schon ein Gang zum Apotheker. Auch für Krankschreibungen – bevorzugt an Montagen und Brückentagen – ist die Notaufnahme nicht die richtige Anlaufstelle. Ärzte und Pflegekräfte werden dadurch in ihrer Kernaufgabe, sich um die akutesten Fälle zu kümmern, behindert. Es fehlt an „Health Literacy“, am Gespür, wer in welchem Fall der wirklich richtige Ansprechpartner ist. Wann wähle ich die 116 oder 117 – den ärztlichen Bereitschaftsdienst für dringende Fälle, der den meisten gar nicht bekannt ist –, wann die 112 bei akuten Notfällen und wann gehe ich zum Apotheker?

Wir sind in Deutschland medizinisch überversorgt

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat nun einen Vorschlag gemacht, die Notaufnahmen zu entlasten. Telefonische Notfallstellen und Notfallzentren in Krankenhäusern sollen Patienten je nach Schwere ihrer Erkrankung entweder in eine stationäre oder in eine ambulante Behandlung schicken. Gleichzeitig schlägt die Bertelsmann Stiftung vor, die Hälfte aller Krankenhäuser zu schließen. Demnach soll die Klinikanzahl von 1400 (wobei nicht erkenntlich ist, woher diese Zahl stammt) auf 600 Häuser reduziert werden. Bereits heute ist jedoch schon ein Rücklauf erkennbar: Gemäß Statista gab es im Jahr 2000 noch 2242 Kliniken in Deutschland, 2017 war die Zahl auf 1942 gesunken.

Die Tatsache, dass die gesunde Klinikreduktion längst begonnen hat, zeigt, dass die Politik die Zeichen der Zeit bereits erkannt hat und nicht jeder Lokalmatador „sein“ Krankenhaus erhalten kann. Entscheidend ist hierbei jedoch, sich nicht in blanken Aktionismus zu stürzen, sondern ein verträgliches Tempo an den Tag zu legen. In der Tat sind wir in Deutschland im Durchschnitt medizinisch überversorgt, allerdings gilt dies nicht zwangsläufig für den ländlichen Raum. Eine Reduzierung der Krankenhäuser auf dem Land könnte daher die bereits bestehende ländliche Unterversorgung schnell steigern. Sofern die Infrastruktur nicht entsprechend angepasst wird, bleiben viele ältere Patienten auf die Krankenhausversorgung in ihrer absoluten Umgebung angewiesen. Nimmt die Zahl der Krankenhäuser ab, müssten beispielsweise Rettungslogistik und ambulante Transportkapazität erhöht werden.

Nicht jede Klinik darf alle medizinischen Leistungen erbringen

Es darf keine einseitige Diskussion über die reine Quantität geführt werden. Vielmehr müssen parallel dazu auch die Infrastruktur, die klinischen Anforderungen an Qualität und Standards (Mindestmengenregelungen) sowie die Neuregelung der Fallpauschalen (DRG) hinterfragt werden. Die sogenannten Notfallpauschalen decken derzeit in den meisten Bundesländern nicht annähernd die Kosten der Notfallzentren ab. In der Vergütungslogik der Fallpauschalen sind Notfallpatienten oft unattraktiv kategorisiert, was dazu führt, dass diese notwendige Form der Medizin oft nur noch von denen offeriert wird, die dazu gezwungen werden.

Dazu kommt, dass nicht jede medizinische Leistung von jeder Klinik erbracht werden darf. Dies gilt insbesondere bei Patienten in lebensbedrohlichen oder komplexen medizinischen Situationen wie beispielsweise einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Hier gilt es, die bestmögliche Versorgung rasch und effizient zu ermöglichen. In Zukunft werden wir hier Lösungen benötigen, die medizinisch, politisch und marktwirtschaftlich sinnvoll und darstellbar sind. Wie etwa die Notfallpauschalen anzuheben. Werden ökonomische Anreize geschaffen, entstehen auch mehr Notfallzentren, wodurch wiederum die Versorgung in der Fläche verbessert wird. Zudem kann eine logische und konsequente Selektion der Patienten in der Notaufnahme die Wartezeiten bedarfsadaptiert staffeln. Das heißt, jeder wird nach der Dringlichkeit seines Notfalls behandelt.

Zum Besuch der Notaufnahmen bleibt abschließend zu sagen, dass wir als Unfallchirurgen – exakt wie beim Nutzen der E-Scooter – an den logischen Menschenverstand des Einzelnen appellieren: Erst denken, dann handeln! Viele Fälle, denen wir als Mediziner in der Notaufnahme begegnen, sind eventuell sogar mit klassischen Hausmitteln zu kurieren und bedürfen gar keines Arztbesuchs. Bleiben Sie gesund!

Der Beitrag wurde von PD Dr. med. Karl Braun und PD Dr. med. Dominik Pförringer erstellt. Die Autoren sind Unfallchirurgen und Orthopäden in Berlin und München.

Dr. Dominik Pförringer

Orthopäde und Unfallchirurg

 für Digitale Gesundheit, Orthopädie und Unfallchirurgie, Medizin, Entrepreneurship & Management

Dr. med. Dominik Pförringer (Jg. 1980) ist Orthopäde und Unfallchirurg in München und aktiver Vorreiter in der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Seit seinem MBA am INSEAD unterrichtet er als Privatdozent Mediziner in Entrepreneurship, baut Unternehmern die Brücke in das Gesundheitswesen, organisiert periodisch Konferenzen, Talks, Meet-ups und berät Start-ups sowie Investoren. Pförringer ist passionierter Befürworter der Organspende und aktiver Unterstützer der Jungen Helden e. V.

Markus Golla
Über Markus Golla 5368 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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