DE: „Sie müssen die Ursache finden. Alles andere sind Extras“

(C) Lirtlon

Prof. Schultz, nach der gelungenen Premiere für den Nürnberger Wundkongress im vergangenen Jahr: Wie wichtig für die Versorgungssituation von Patienten mit chronischen Wunden ist ein auf Dauer erfolgreiches Format ‚WuKo‘? Was kann hier effektiv erreicht werden?

Über kurz oder lang natürlich eine kontinuierliche Verbesserung der Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden! Das ist das Ziel. Der Beitrag, den wir hierfür leisten können, ist, ein wichtiges Forum für Weiterbildung und fachlichen Austausch zu schaffen. Wer sich nicht stetig weiterbildet, der bleibt stehen, der verpasst neue Trends.

Angesichts der großen thematischen Bandbreite, welche die ‚Wunde‘ berührt: Ist Ihnen die Entscheidung über Programmschwerpunkte schwergefallen? Worauf sind Sie persönlich am meisten gespannt?

Sie ist mir nicht schwergefallen! Und ich bin froh, dass wir eine so große thematische Vielfalt auch abbilden werden. Gemäß dem ‚WuKo‘-Konzept jährlich wechselnder Fachvertreter an der Spitze, wodurch immer neue wissenschaftliche Akzente gesetzt werden, finden in diesem Jahr verstärkt dermatologische aber auch unfallchirurgische Aspekte Beachtung – natürlich neben ‚Klassikern‘ wie zum Beispiel der Wunde des Diabetikers. Worauf ich sehr gespannt bin, das ist die Plasmamedizin, aber auch auf intelligente Verbände für die Wundversorgung. Wenn smarte Technik helfen kann, die Heilung zu beschleunigen, zum Beispiel indem physiologische Parameter erhoben werden, um über ein optimales Milieu für die Wunde zu wachen – das ist doch ein schlauer Ansatz! Kaltem Plasma wiederum wird attestiert, dass es geeignet ist, selbst multiresistente Keime abzutöten. Und die sind ja oft ein großes Problem bei chronischen Wunden.

Was liegt Ihnen besonders am Thema ‚Wunde‘?

Chronische Wunden bedeuten eine erhebliche Krankheitslast für die Patienten. Oft leiden sie lange unter den Beschwerden und erfolglosen Heilungsversuchen. Die Situation dieser Patienten, möglichst vielen von ihnen besser helfen zu können, das liegt mir sehr am Herzen. Immer wieder erzählen Patienten oder Angehörige, wie lange und was schon alles probiert wurde, manche bringen ganze Tüten voll Wundauflagen mit, alles habe nicht geholfen. Das, was diese Menschen erleben, legt den Schluss nah, dass die Versorgungssituation noch längst nicht optimal ist, dass es Verbesserungspotenzial gibt.

Wo klemmt es denn?

Bei chronischen Wunden ist eine korrekte Diagnose das A und O. Bevor Sie behandeln, müssen Sie genau wissen: Was ist das für eine Wunde und warum ist sie da. Und das wird nicht immer gemacht. Da wird manchmal losbehandelt, ohne dass eine vernünftige Abklärung erfolgt ist. Das kann dazu führen, dass die Wunde eben nicht heilt oder sich sogar verschlechtert und dass die Behandlung sich hinzieht. Wenn eine Durchblutungsstörung zugrunde liegt, die nicht diagnostiziert und therapiert wird, wird es auch mit den tollsten Wundauflagen sehr schwer, die Wunde zur Abheilung zu bringen. Sie müssen die Ursache erkennen. Alles andere sind Add-ons.

Am Klinikum Nürnberg sind fünf Fachkliniken in das Interdisziplinäre Wundzentrum eingebunden. Das klingt nach organisatorischem Aufwand. Wie meistern Sie ihn?

Wir versuchen, unsere Behandlungsrichtlinien für alle beteiligten Kliniken zu standardisieren, sodass wir die Patienten möglichst einheitlich versorgen können. Da haben wir schon viel erreicht. Aber das Herzstück unseres Wundzentrums ist das Interdisziplinäre Wundboard. Dort werden einmal im Monat in einer gemeinsamen Videokonferenz mit den Kollegen aus dem Klinikum Süd Patientenfälle vorgestellt und das Vorgehen gemeinsam interdisziplinär besprochen. Das funktioniert sehr gut und zahlt sich aus.

Die Versorgung in den gut aufgestellten Zentren ist ja nicht das Problem …

Richtig. Vielleicht könnte man mal darüber nachdenken, ob auch externe Kooperationspartner, niedergelassene Ärzte etwa, in diesen Konferenzen unklare Fälle vorstellen und so Expertenmeinungen zu ihren Patienten einholen könnten. Sicher könnten wir auf diese Weise nicht Hunderte von Patienten versorgen. Aber prinzipiell könnte man so quasi telemedizinisch zur Verbesserung der Versorgung beitragen.

Zu den Topthemen in diesem Jahr zählen Neue Biomaterialien für die Wundversorgung. Welche Asse hat die Natur beim Thema ‚Wunde‘ im Ärmel?

Wir werden auf dem Kongress einiges dazu hören. Zum Beispiel Neues zum Thema Fischhaut oder auch aus der Forschung zu Spinnenseide als Gerüst für die Wundheilung. Beides sind noch nicht etablierte beziehungsweise neue Ansätze, wobei nach der Fischhaut inzwischen schon häufiger gefragt wird. Davon haben die Patienten bereits gehört oder gelesen. Allerdings muss man zunächst die Krankenkasse fragen, ob sie die Kosten einer solchen Behandlung übernimmt. Was dagegen schon lange institutionalisiert ist, das sind Fliegenlarven zum biologischen Wunddebridement. Das ist nicht jedermanns Sache, mancher lehnt das aus Ekel ab, aber es funktioniert.

Was sagen Sie Patienten, die nach Fischhaut fragen, weil sie von deren Potenzial gehört oder gelesen haben – wenn sie diese wahrscheinlich gar nicht bekommen können?

Der entscheidende Punkt ist doch der: Prinzipiell gibt es viele Möglichkeiten, eine Wunde zu behandeln! Aber in der Wundversorgung mangelt es oftmals an Evidenz. Wirklich gute, randomisierte Studien, die zeigen, dass etwa Fischhaut klar besser wäre als beispielsweise Hydrokolloide, Maden ein eindeutig besseres Debridement darstellen als das chirurgische, oder die Vakuumpumpe eine schnellere Heilung bewirken kann, gibt es bisher noch nicht. Manches hört sich sexy an. – Und wird vielleicht noch von Fallbeispielen eindrucksvoll unterstrichen. Wir haben vor allem Beobachtungsstudien, Erfahrungswerte. Was meistens fehlt, ist der Kontrollarm, also eine Vergleichsmöglichkeit. Umso wichtiger, sich mit Kollegen fachübergreifend über Erfahrungen auszutauschen. So entstehen vielleicht Anreize, das eine oder andere selbst auszuprobieren.

Haben Sie zuletzt eine Vision, einen Wunsch für die Zukunft der Wundversorgung?

Intelligente Wundauflagen, die dem Therapeuten spiegeln, wie die Wundheilung im Verborgenen voranschreitet und wann was getan werden muss – das klingt schon sehr erstrebenswert! Was ich persönlich sehr begrüßen würde, das wäre ein künstlicher Hautersatz, der Patienten Hautverpflanzungen erspart, die neue große Narben hinterlassen.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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