DE: Schwindendes Vertrauen in der Ungewissheit gefährdet unser Zusammenleben

(C) Yevhen

Seit 1977 wählt die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ (GfdS) das Wort des Jahres – in 2020 war es die „Coronapandemie“. Die Jury stützt sich bei der Auswahl des nach ihrem Befund für das jeweilige Jahr charakteristischsten Wortes vor allem auf Belege aus den Medien. Es wundert, dass zwar die Wahl auf ein Jahrhundertereignis fiel, das faktisch die Situation widerspiegelt, mitnichten handelt es sich jedoch um einen „charakteristischen Begriff“. Wenn überhaupt ein Wort in den zurückliegenden Monaten Missstand und Lösung zugleich offenbarte, dann müsste an erster Stelle der Begriff „Vertrauen“ fallen, denn unzählige Menschen führten ihn in ebenso unzähligen Kontexten im Munde. Aktuell schwindet das Vertrauen in bestehende Impfkonzepte, die Aufrichtigkeit von Politikern, die Zuverlässigkeit von Medikamenten, … Die Liste wird von Tag zu Tag länger.

Vertrauen bezeichnet die subjektive Überzeugung (oder auch das Gefühl für oder Glaube an die) von der Richtigkeit, Wahrheit von Handlungen, Einsichten und Aussagen bzw. der Redlichkeit von Personen oder Gruppen. Vertrauen zwischen Einzelnen, Gruppen und innerhalb von Gesellschaften ist wie Wasser: im Idealfall überall, alles durchdringend, Leben nährend. Wie eine Landschaft ohne Wasser zur Wüste wird, vertrocknet auch Zwischenmenschliches und verdorren Lebensgemeinschaften aller Art. Vertrauen ist der Kitt, der Kontinente, Länder, Gesellschaften und Gemeinschaften jeder Art zusammenhalten könnte – würde man sich die Mühe machen, es auch wirklich breitbandig zu leben. Was geschieht, wenn Vertrauen vernachlässigt wird, machen die verschiedenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zerfallserscheinungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte mehr als deutlich. Und nun ist die Pandemie ein negativer Katalysator solcher Fehlentwicklungen.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese sich geradezu viral verbreitende Vertrauenskrise zu einer Zeit stattfindet, in der, um mit unserer Bundeskanzlerin zu sprechen, „derzeit niemand das Ufer sieht.“ Der politische Umgang mit der Krise sei von Ungewissheit geprägt, stellte Frau Dr. Merkel am 11. März 2021 nüchtern und ernüchternd zugleich fest. Wenn sie auch unzweifelhaft recht hat und sich damit von einer Vielzahl derer abhebt, die geradezu jeden Tag eine feste Meinung zu dem haben, was sich momentan auf unserem Globus abspielt, ist das zeitgleiche Auftreten von schwindendem Vertrauen und der Unmöglichkeit, das Ungewisse zu verdrängen bzw. zu leugnen, tragisch und bringt uns an Grenzen. Gerade jetzt in Zeiten der nicht zu leugnenden Lebensgefahr brauchen wir ‚Anker in tosender See‘, besonnene, verlässliche Verantwortliche und Mitmenschen, Wahrheiten statt Lügen oder wilde Spekulationen, Mutmacher und Richtungsweiser. Nur so kann es gelingen, dass wir uns aus der Krise heraus bewegen. Dabei tut Eile Not, denn fehlendes Vertrauen ist der ideale Nährboden für Resignation, Spaltung und radikale Antworten; in Phasen nie erlebter Ungewissheit einfache Lösungen vorzugaukeln, unhaltbare Versprechungen oder alles zum persönlichen Problem zu machen, wäre sträflich.

Autor:in

  • Pädagogischer Mitarbeiter der LVR-Klinik Düren (D) seit 1987; 16 Jahre im Maßregelvollzug tätig, seit 2003 Öffentlichkeitsbeauftragter und Integrationsbeauftragter der Klinik; Autor und Herausgeber von Büchern zu Fragen des Gesundheitswesens, Dozent an Pflegeschulen, Mitarbeiter bei verschiedenen Zeitschriften.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen