DE: Sag‘ mal, wer da spricht!

18. August 2022 | News Deutschland | 0 Kommentare

Ein Jenaer Forschungsteam entwickelte einen standardisierten und international verwendbaren Test für das Stimmgedächtnis. Der frei verfügbare Jena Voice Learning and Memory Test soll Forschungsdaten zur Personenwahrnehmung besser vergleichbar machen und könnte perspektivisch auch in der klinischen Diagnostik oder Forensik verwendet werden.

Wie wir andere Menschen wahrnehmen, wird von deren Äußerem und ihrem Verhalten bestimmt. Einen wichtigen Beitrag zu unserem Gesamtbild liefert auch die Stimme, die so individuell ist wie Angesicht oder Fingerabdruck. Und ähnlich wie bei Gesichtern kann die Fähigkeit, eine Stimme wieder zu erkennen, sehr variieren. Die Spanne reicht von sogenannten Super-Recognizern, die eine Stimme nach einmaligem Hören nicht vergessen, bis zu Menschen mit Phonagnosie – so wird die Unfähigkeit bezeichnet, selbst enge Vertraute an der Stimme zu erkennen.

„Untersuchungen zu dieser Eigenschaft in der Wahrnehmungsforschung sind jedoch bislang kaum zu vergleichen, weil es kaum standardisierte Tests gibt, die die individuelle Fähigkeit der Stimmerkennung objektiv messen können“, erklärt PD Dr. Romi Zäske. Die Psychologin hat deshalb mit einem Projektteam an der HNO-Klinik des Universitätsklinikums Jena und am Institut für Psychologie der Jenaer Universität einen Test entwickelt und evaluiert, der genau das leisten kann. In vierjähriger Forschungsarbeit entstand der „Jena Voice Learning and Memory Test“, der nun im Internet frei zugänglich zur Verfügung steht.

Zunächst sprachen 80 Freiwillige im Alter zwischen 18 und 35 Jahren jeweils 50 Sätze einer computergenerierten Pseudosprache ein. „Damit wollten wir sicherstellen, dass der Test international angewendet werden kann und der Inhalt des Gesprochenen beim Hören keine Rolle spielt, nur die Stimme selbst“, so Romi Zäske. Hieraus traf das Team dann eine Vorauswahl von Sprecherinnen und Sprechern, deren Stimmen anhand akustischer Kriterien in Dreiergruppen zusammengefasst wurden, so dass sich die Stimmen in einer Gruppe wenig, mittel oder stark ähnelten. Im Test galt es dann, eine Stimme zu lernen und aus einer Dreiergruppe wiederzuerkennen. Nach zwei Probedurchläufen mit vielen internationalen Testhörern verblieben schließlich 22 Dreiergruppen mit verschiedenen Stimmen für den Jena Voice Learning and Memory Test.

Teilnehmer, die den Test absolvieren, lernen vier Frauen- und vier Männerstimmen kennen. Zunächst hören die Probanden drei Pseudosätze der zu lernenden Stimme. Unmittelbar danach sollen sie diese Stimme heraushören aus insgesamt drei Stimmen, die einen anderen Satz sprechen. Diese Lernphase wird zweimal durchlaufen. In der anschließenden Wiederholungsphase erklingen die acht Stimmen mit je zwei schon gehörten und neuen Sätzen. Dann folgt die eigentliche Testphase mit 22 Versuchsdurchgängen, wobei jede der acht Lernstimmen mehrfach aus Dreiergruppen erkannt werden soll. Diese Gruppen decken alle drei Ähnlichkeitsstufen ab und sprechen einen bislang unbekannten Pseudosatz in abgestufter Länge. Insgesamt dauert der Test etwa 22 Minuten.

In der Evaluation hat sich der Test als verlässliches Instrument zur Messung der menschlichen Fähigkeit, Stimmen zu lernen und wiederzuerkennen, erwiesen. Das Studienteam konnte unter den Testteilnehmern auch Super-Recognizer und „stimmblinde“ Menschen identifizieren. Romi Zäske: „Wir stellen unseren Test als Service für Grundlagenforschung zur Verfügung, um individuelle Unterschiede im Stimmengedächtnis objektivierbar und Forschungsdaten zur Personenwahrnehmung weltweit vergleichbarer zu machen. Da das Stimmengedächtnis eine wichtige Grundlage sozialer Kommunikation ist, eröffnen sich auch klinische und forensische Anwendungsfelder.“

Originalpublikation:

Humble D, et al. The Jena Voice Learning and Memory Test (JVLMT): A standardized tool for assessing the ability to learn and recognize voices. Behav Res (2022). https://doi.org/10.3758/s13428-022-01818-3

Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)