DE: Psychiatrische Pflege will und kann aktiv gestalten

Diskutanten der Podiumsdiskussion v.l.n.r. Prof. Dr. Michael Schulz (Perspektive Pflegewissenschaft), Tim Neuenhöfer (Genesungsbegleiter, Perspektive Psychiatrie-Erfahrende), Vera Lux (Pflegedirektorin Uniklinikum Köln, Perspektive Pflegemanagement), Giasmina Talmon (Perspektive Berufsanfänger), Sandra Postel (Perspektive Pflegekammer), Prof. Dr. Thomas Pollmächer (Vorsitzender Bundesdirektorenkonferenz, Perspek-tive Ärzte).

Das Anliegen der 1. Jahrestagung der noch jungen Deutschen Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege e.V. wurde von der Präsidentin Dorothea Sauter im Begrüßungsstatement unterstrichen. Sauter prangerte erhebliche Mängel in der psychiatrischen Versorgung an, so fehle es u.a. an niedrigschwelligen Beratungs- und Psychotherapieangeboten, an aufsuchenden Hilfen, an langfristigen Hilfen zur Alltagsbewältigung für schwer- und chronisch kranke Menschen und an Gesundheitsförderung und Prävention. Genau in diesen Handlungsfeldern habe psychiatrische Pflege hohe Kompetenz – und damit auch vielfältige Möglichkeiten, die Versorgung effektiv und effizient zu verbessern. Dafür brauchen Pflegefachpersonen nicht nur mehr Kompetenzen und Bildung, sondern auch die Zuweisung von Befugnissen und den festen Einbezug in die psychiatrische Forschung, die Versorgungsplanung und die Versorgungspolitik.

Die Referenten zeigten auf, was durch die Berufsgruppe der Pflege alles ermöglicht werden kann. Prof. Dr. Dirk Richter belegte, dass die Pflege im internationalen Raum vielerorts die ambulante Basisversorgung sicherstellt, dass die Pflege national und international wirksames Handeln zur Deeskalation und zur Prävention von Zwangsmaßnahmen in der multiprofessionellen Berufspraxis implementiert hat und dass die Pflege einen wesentlichen Beitrag leistet, psychiatrische Hilfen recoveryorientiert zu gestalten. Prof. Dr. Brigitte Anderl-Doliwa wies nach, dass Pflegefachpersonen umfängliche Kompetenzen brauchen; dabei sind die Beziehungskompetenzen die wichtigsten. Martin Holzke legte dar, wie die neue Behandlungsoption der „stationsäquivalenten“ Krankenhausbehandlung als aufsuchendes Angebot realisiert werden kann. Udo Janning zeigte anhand der Umsetzung der Buurtzorg-Konzepte, dass Patienten- und Bedarfsorientiertes Handeln, Pflegequalität und die Motivation der Pflegefachpersonen sich einander bedingen und daher auch nur gemeinsam umgesetzt werden können. Und Prof. Dr. Pascal Wabnitz stellte Konzepte und Curricula vor, damit Pflegefachpersonen niedrigschwellige kognitive Psychotherapieangebote selbständig durchführen und damit bedeutsame Versorgungslücken schließen können – wie dies beispielsweise in den Niederlanden erfolgreich realisiert ist.

Die Frage, ob und inwiefern mehr Kompetenzen für die Pflege ein Gewinn für die Patienten und die Berufsgruppe sei, wurde in der Podiumsdiskussion aus der Perspektive der Patienten, der Pflegekammer, des Klinikmanagements, der Pflegewissenschaft, der Ärzte und der jungen Generation der Pflegenden durchaus kontrovers diskutiert. Es zeigte sich, dass nicht „die Pflege an sich“ mehr Kompetenzen braucht, sondern dass in den Hilfeteams Pflegefachpersonen mit unterschiedlichen Kompetenzen, Qualifikationen und Befugnissen notwendig sind.

Die voll ausgebuchte Veranstaltung fand hohen Zuspruch der Teilnehmenden, die am zweiten Tag in Workshops praxisrelevante Themen vertiefend bearbeiten konnten. Der DFPP ist die Vermittlung der zentralen Tagungsbotschaft gut gelungen: eine Verbesserung der psychiatrischen Versorgung wie auch zukunftsfähige Perspektiven für die Psychiatrische Pflege sind nur möglich, wenn Pflegefachpersonen in allen Ebenen der Versorgung aktiver mitgestalten können.

 

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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