DE: Nehmt endlich Eure Macht in die Hand!

Wer bei der Suchmaschine Google den Begriff „Macht der Pflege“ eingibt, erfährt auf den ersten beiden Suchseiten nichts darüber, welche Macht die Pflege im Gesundheitssystem der Bundesrepublik Deutschland hat. Es sind durchweg Angaben zum „Machtmissbrauch“ von Pflegenden gegenüber Menschen mit Pflegebedarf gelistet, ja sogar Gewalt in der Pflege wird hierunter mehrfach aufgeführt.

Diese Listung ist fast symptomatisch für die falsche Beziehung zur Macht, die Pflege von Beginn ihrer Geschichte an begleitet. Symptomatisch, weil die Pflege im Gesundheitssystem eigentlich keine Macht besitzt. Alle bisherigen Institutionen und Regelungen sind darauf ausgelegt, die „Macht der Pflege“ zu beschneiden oder gar im Keim zu ersticken.

Kein Stimmrecht im gemeinsamen Bundesausschuss der Selbstverwaltung, kein Verordnungsrecht für pflegerische Leistungen, keine durchsetzungsstarke eigene Gewerkschaft, kaum Macht der entsprechenden Pflegeverbände und immer wieder die fehlende eigene Selbstverwaltung der Pflege, die sogar noch von anderen Akteuren im Gesundheitswesen bekämpft wird, die meinen, im Namen der Pflege zu sprechen.

Die Konsequenzen hieraus trägt die professionelle Pflege seit Jahren hart auf ihrem gebeugten Rücken.

Wer in der Presse der letzten Jahrzehnte recherchiert stellt fest, dass sich seit den 1950er Jahren die Meldungen zum Zustand der Pflege kaum verändert haben. Personalmangel, geschlossene Pflegebereiche, miserable Bezahlung, Pflegefachpersonen, die unter der Last ihrer immensen Arbeitsbelastung zusammenbrechen. Pflegerische Unterversorgung gehört zur DNA des Gesundheitssystems der Bundesrepublik wie das Desinfektionsmittel zum Isolierzimmer. Immer wieder wollen uns Akteure*innen glauben machen, dass wir die o.g. Strukturen oder strukturellen Veränderungen nicht brauchen. Dass Pflege ein Opfer des Neoliberalismus und der Privatwirtschaft wäre, dass die Pflegekatastrophe eine neue Kreation sei, die sich irgendwann in den 1990er Jahren entwickelt habe. Wer das behauptet, ignoriert die Geschichte der Pflege und verunmöglicht die Lösung dieses versteinerten Umstandes, weil die Energie und die Macht der Pflege auf eine falsche Fährte gelockt wird. Man verhindert sogar eine echte Emanzipation der Pflege, weil diese Frage sicher nicht durch die Pflege entschieden wird. Wer über Verstaatlichung spricht verkennt, dass an dieser Stelle sogar verfassungsrechtliche Belange wie der Schutz des Eigentums berührt werden. Man verhindert aber auch, dass Pflegefachpersonen sich selbstständig machen können und damit einen Kontrapunkt setzen können zu großen Trägern, die oft genug die Belange von Pflegefachpersonen dem maximierten Profit des Unternehmens opfern, und das nicht nur bei Aktienkonzernen. Sonst würde der Pflegenotstand nur bei diesen Konzernen auftreten. Er betrifft aber nahezu alle professionellen pflegerischen Angebote in unserem Land. Die eigentliche Frage dahinter ist, ob Pflege sich marktwirtschaftlichen Zwängen unterwerfen darf. Diese Frage ist aber nicht abhängig von der Trägerschaft von Pflegeangeboten, sondern eine Frage der Ausgestaltung von Refinanzierungen der geforderten Qualität der Pflegeangebote. Hier gibt es seit vielen Jahren eine wachsende Differenz zwischen Refinanzierung, Personalschlüsseln und geforderten Leistungen.

Für die Pflegeprofession bleibt die Frage nach dem Wirtschaftssystem eine untergeordnete Frage.

Entscheidend für den Erfolg von Berufspolitik und damit die entscheidenden Faktoren für eine Verbesserung der Situation von Pflegefachpersonen sind ausschließlich die Themen Bezahlung, Stellenschlüssel, echte Mitbestimmung im Gesundheitssystem und die zukunftsorientierte Regelung von Aus-, Fort- und Weiterbildung für Pflegefachpersonen, sowie Gesetze, die den Pflegeberuf schützen und fördern. All diese Dinge sind nicht zufriedenstellend geregelt und nur deshalb stehen wir an der Stelle, an der wir heute sind.

Deshalb brauchen wir Pflegekammern, eine echte Pflegegewerkschaft (wie den Bochumer Bund), ein Stimmrecht im gemeinsamen Bundesausschuss und damit die Bündelung unserer Macht.

Alle diese „Machtinstrumente“ werden uns nicht freiwillig gegeben werden. Wir werden sie uns erkämpfen müssen und dies wird unsere Kraft kosten. Auch wenn wir uns oft kraftlos und müde fühlen. Sie sind alternativlos! Ebenso brauchen diese eine kritische Begleitung, denn Pflege und Macht ist eine neue Verbindung, wenn sie wie hier zum Wohle der Pflegeprofession und damit zum Wohle der Menschen mit Pflegebedarf genutzt werden soll.

Es liegt an uns allen, diese Dinge mit großem Selbstbewusstsein einzufordern. Es liegt an uns allen, die Verhinderer in Politik und in den eigenen Reihen zu überzeugen oder diesen das Recht abzusprechen, für den Pflegeberuf zu sprechen.

Nehmt Euch die „Macht der Pflege“ und lasst sie nicht mehr aus der Hand! Pflege in Bewegung e.V.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)