DE: Nationale Identifikation fördert Einhaltung von Corona-Regeln

Eine starke nationale Identifikation motiviert, sich für öffentliche Gesundheit zu engagieren, hat ein internationales Forschungsteam ermittelt. Foto: Jan-Peter Kasper/Uni Jena

Ein Netzwerk aus mehr als 250 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – unter ihnen Psychologen und Psychologinnen der Friedrich-Schiller-Universität Jena – ging bereits zu Beginn der Corona-Pandemie der Frage nach, was die Akzeptanz von Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie besonders fördert. Nun liegt ein erstes Ergebnis vor: Die nationale Identifikation motiviert Menschen besonders, sich stärker für die öffentliche Gesundheit zu engagieren. Wer ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl besitzt, unterstützt die gesundheitspolitischen Vorgaben stärker. Über ihre Forschungsergebnisse berichten die Forschenden im Wissenschaftsmagazin „Nature Communications“.

Nahezu jedes Land auf der Welt ist von der Covid-19-Pandemie betroffen. Dementsprechend haben Regierungen weltweit weitreichende Maßnahmen veranlasst, die tiefgreifende kollektive Verhaltensänderungen der Bürgerinnen und Bürger erforderten und erfordern. Vor allem im ersten Jahr der Pandemie, als Impfstoffe noch nicht zur Verfügung standen, war es von besonders großer Bedeutung, dass Menschen den Anweisungen folgten und beispielsweise physische Kontakte einschränkten, auf Reisen verzichteten sowie Masken trugen.

Ein Netzwerk aus mehr als 250 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – unter ihnen Psychologen und Psychologinnen der Friedrich-Schiller-Universität Jena – ging bereits zu Beginn der Pandemie der Frage nach, was die Akzeptanz solcher Maßnahmen besonders fördert. Nun liegt ein erstes Ergebnis vor: Die nationale Identifikation motiviert Menschen besonders, sich stärker für die öffentliche Gesundheit zu engagieren. Wer ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl besitzt, unterstützt die gesundheitspolitischen Vorgaben stärker. Über ihre Forschungsergebnisse berichten die Forschenden im Wissenschaftsmagazin „Nature Communications“.

„Eine nationale Identität ist der stärkste Prädiktor, also eine Vorhersagevariable, für die Unterstützung gesundheitspolitischer Maßnahmen während der Pandemie“, sagt Flavio Azevedo von der Universität Jena. „Personen, die sich stärker mit ihrer Nation identifizieren, sind am meisten bereit, die hohen Belastungen in Kauf zu nehmen, die sich aus schützenden Verhaltensweisen und der Unterstützung der öffentlichen Gesundheitspolitik ergeben.“ Wichtig dabei: Der Wert der nationalen Identität gibt den Grad der Identifikation mit der eigenen Nation wieder, der anhand eines wissenschaftlichen Fragenkatalogs erhoben wurde, etwa durch die Selbsteinschätzung der Befragten in einer vorgegebenen Skala. Er ist nicht gleichzusetzen mit Nationalismus.

50.000 Befragte in 67 Ländern

Die Erkenntnisse gehen aus einer einzigartigen Studie hervor. Um zu erforschen, wie Menschen weltweit mit der Ausnahmesituation einer Pandemie und den entsprechenden Schutzmaßnahmen in den jeweiligen Staaten umgehen, rief eine Gruppe von Psychologinnen und Psychologen um den US-Amerikaner Jay van Bavel während der ersten Welle der Pandemie über Twitter Kolleginnen und Kollegen auf, Daten in den jeweiligen Ländern zusammenzutragen. Daraufhin beteiligten sich mehr als 250 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie befragten im April und Mai 2020 rund 50.000 Personen in 67 Staaten darüber, wie stark sie die Einschränkungen physischer Kontakte und Hygienevorgaben befolgten sowie die politischen Maßnahmen unterstützten.

Ihre Ergebnisse verifizierten die Forschenden durch eine weitere Studie. Hierfür verglichen sie Daten zur nationalen Identifikation aus dem World Values Survey – einer regelmäßigen internationalen Umfrage zu menschlichen Werten – aus einem Zeitraum vor der Pandemie mit von Google erhobenen Mobilitätsdaten aus dem Frühjahr 2020. Die Untersuchung bestätigte das Ergebnis der ersten Studie: In Ländern mit einer durchschnittlich höheren nationalen Identifikation schränkten die Bürgerinnen und Bürger während der Monate April und Mai 2020 ihre Mobilität stärker ein.

Durch Gemeinschaftsgefühl Gefahrensituation bewältigen

„Wir wissen, dass bereits vor 100 Jahren drei psychologische Faktoren die Ausbreitung der Spanischen Grippe unterstützt haben: eine falsche Risikobewertung, Widerstand gegen soziale Isolation und die Unfähigkeit, Präventivmaßnahmen gegen eine unsichtbare Bedrohung einzuhalten“, sagt Flavio Azevedo. „Deshalb ist es für uns Verhaltenswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler besonders wichtig, eine solche Ausnahmesituation intensiv zu beobachten, in der Menschen kollektiv dazu aufgerufen sind, ihre Gewohnheiten zu ändern“, erklärt der Psychologe der Uni Jena. „Sie liefert grundlegende Einblicke in die Verhaltensweisen sowie in die Entscheidungsfindung der Menschen und kann so dabei helfen, die Schutzmaßnahmen vor und während einer Pandemie zu gestalten.“ Aus den aktuellen Forschungsergebnissen lässt sich beispielsweise ablesen, wie wichtig die Förderung eines Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühls für die Bewältigung einer solchen globalen Gefahrensituation ist.

Die gesammelten Daten wird das Netzwerk weiterhin auswerten und weitere Forschungsergebnisse vorlegen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler informieren darüber auf ihrer Website: https://icsmp-covid19.netlify.app/index.html.

Über die besondere Forschungskooperation und die Studienergebnisse berichtet Flavio Azevedo zudem gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen auf einem Nature-Blog: https://socialsciences.nature.com/posts/an-international-investigation-of-the-ps….

Originalpublikation:

J. v. Bavel et al.: National identity predicts public health support during a global pandemic, Nature Communications, 2022, DOI: 10.1038/s41467-021-27668-9

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)