DE: Modernisierung der Pflegeausbildung wird Spielball wirtschaftlicher und arbeitsmarktpolitischer Interessen

Seit über einem Jahr liegt der Regierungsentwurf zur Reform der Pflegeberufe vor. Ziel war,  die längst überfällige einheitliche primärqualifizierende Ausbildung für alle Pflegeberufe im Sinne der europäischen Berufsanerkennungsrichtlinie umzusetzen. Modellversuche hierzu sind vorab umfänglich durchgeführt und evaluiert worden und hatten sich bewährt. International ist diese Form der generalistischen Pflegeausbildung seit langem Standard und wird nicht hinterfragt. „Die maßgeblichen Pflegeberufsverbände hatten sich klar für diesen Gesetzentwurf ausgesprochen. Erst vor wenigen Tagen beim Deutschen Pflegetag setzten sich Mitglieder der Bundesregierung eindringlich für die Verabschiedung des Gesetzes ein – plausibel begründet. Einzelne Mitglieder von Bundestag und Bundesrat jedoch machen gegen das Gesetzesvorhaben mobil – aus rein unternehmerischen und arbeitsmarktpolitischen Gründen. Pflegebildungspolitische Erwägungen und Erfordernisse geraten in der Diskussion mittlerweile völlig in den Hintergrund“, stellt die Vorsitzende des Deutschen Bildungsrats für Pflegeberufe, Gertrud Stöcker, fest. „Die notwendige Modernisierung der deutschen Pflegeausbildung in Richtung europäischen Niveaus wird jetzt zum Spielball dieser Interessen. Um eine hochwertige und zukunftsorientierte Pflegeausbildung geht es offensichtlich nicht mehr. Die Kompromisslösungen, die gerade gehandelt werden, sind aus Sicht des Deutschen Bildungsrates für Pflegeberufe ungeeignet, weil sie die künftig Lernenden orientierungslos lassen.“

Bei allen anderen Berufen ist es eine Selbstverständlichkeit, die Ausbildung den Modernisierungsanforderungen anzupassen. Bei einem der wichtigsten und dem zahlenmäßig mit über 1,2 Mio. Berufsausübenden größten Gesundheitsberuf scheint dies keine Rolle zu spielen. Wieder einmal gilt: Pflege ist und bleibt fremdbestimmt. Ein fatales Signal an junge Menschen in der Phase der beruflichen Orientierung. Von ihrem künftigen Beruf erwarten junge Leute, dass er für ein breites Tätigkeitsspektrum qualifiziert, Perspektiven für ein langes und erfolgreiches Berufsleben eröffnet, zu guten Leistungen und beruflicher Weiterentwicklung motiviert, Berufsstolz herausfordert. So würde Pflege als Beruf wieder attraktiv und konkurrenzfähig. Vor dem Hintergrund des immer dramatischer werdenden Pflegefachpersonalmangels muss dies auch ein zentrales Anliegen der Berufsbildungsreform sein.  Der Deutsche Bildungsrat für Pflegeberufe fordert die Abgeordneten des Deutschen Bundestags deshalb ausdrücklich auf, sich endlich ihrer gesundheits- und pflegepolitischen Verantwortung für die deutsche Bevölkerung zu stellen und den Weg frei zu machen für eine moderne Pflegeausbildung, die dem internationalen Vergleich standhält.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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