DE: Modellprojekte zur Dequalifizierung der Intensivpflege?

Christine Vogler

Es braucht endlich bundeseinheitliche Bildungsvorgaben für die Pflege!

Deutscher Pflegerat: Das Land Baden-Württemberg setzt am falschen Hebel an

Das baden-württembergische Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration hat fünf Modellprojekte an den Universitätskliniken Freiburg, Heidelberg, Mannheim, Tübingen und Ulm genehmigt, mit denen aus Sicht des Ministeriums eine schnellere Weiterbildung und damit ein schnellerer Personaleinsatz in der Intensivpflege ermöglicht werde.

Hierzu kommentiert Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats e.V. (DPR): „Vor dem Hintergrund des massiven Personalmangels in der Pflege versucht zum wiederholten Mal ein Bundesland, den Bildungsweg der Pflege zu verkürzen, um Versorgungssicherheit herzustellen. Das Land Baden-Württemberg setzt damit jedoch am falschen Hebel an. Andere Länder sollten sich an angemessene Bildungsstandards orientieren und nicht dem Beispiel folgen.

Seit Jahren drängt der Deutsche Pflegerat darauf, dass die pflegerische Bildung in Deutschland bundeseinheitlich geregelt wird. Dies sowohl bei den Pflegeassistent*innen, der beruflichen und hochschulischen Qualifikation als auch bei der Weiterbildung. Dass der Qualifikationsmix gut funktionieren kann, haben kürzlich die Projekte „360° Pflege – Qualifikationsmix für Patient:innen – in der Praxis“ der Robert Bosch Stiftung gezeigt.

Wir brauchen Pflegefachpersonen für alle pflegerischen Settings mit einer Wechseloption im Laufe ihrer Berufskarriere. Wir brauchen Qualifikationen, die für Pflegebedürftige und Patient*innen klar erkennbar sind.

Das Land Baden-Württemberg setzt nun auf ein Modellprojekt, das unabhängig von anderen Bundesländern initiiert wird und dessen beruflicher Abschluss in den anderen Bundesländern nicht anerkannt wird. Zudem kann eine tarifliche Einordnung  nicht stattfinden. Letztlich ist der dadurch erlangte Abschluss weder an die Bildungswege der Pflege in Deutschland, noch international anschlussfähig. Begründet wird dieses Modellprojekt durch eine verkürzte Weiterbildung, um dadurch mehr Pflegepersonal in kürzerer Zeit für den Einsatz auf Intensivstationen gewinnen zu können.

Hier stellt sich die berechtigte Frage, ob wir bei anderen Berufen auch so vorgehen würden, beispielsweise bei den Medizinern? Würden wir auf die Idee kommen, die fachärztliche Ausbildung zu verkürzen, damit Fachärzt*innen dem Markt schneller zur Verfügung stehen? Das erlaubt sich Deutschland nur in der Pflege.

Benötigt wird eine zwischen den Ländern und dem Bund abgestimmte Bildungsarchitektur für die Pflege, die die akademische Qualifikation und die Weiterbildung stärkt und Berufszugänge in die Pflege über die Assistent*innenqualifikation schafft.

Wenn jedes Bundesland aufgrund des Pflegepersonalmangels Sonderwege kreiert, werden die Berufe in der Pflege weiter dequalifiziert. Damit sinkt deren Attraktivität. Der Deutsche Pflegerat warnt dringend davor, diesen Weg einzuschlagen bzw. weiterzugehen.“

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)