DE: Kaltes Atmosphärendruckplasma gilt als Zukunftsthema in der Medizin und als Innovation in der Wundheilung

(C) Lirtlon

Nürnberg. Unscheinbar kommt die kleine Wunderwaffe daher, in der Wundbehandlung könnte sie noch groß rauskommen. Das Gerät ist wenig größer als ein Kugelschreiber, an dessen Spitze ein bläuliches Flämmchen züngelt. Es ist ein Killer, sanft und heilsam: Es tötet Bakterien, sogar multiresistente Keime. Für den Patienten dagegen ist die Anwendung völlig schmerzfrei und – nach heutigem Wissen – frei von Nebenwirkungen. Zugleich wird die Sauerstoffversorgung der Haut verbessert, das Zellwachstum angeregt und so die Wundheilung beschleunigt, Schmerz und Juckreiz gelindert.

Für Patienten mit offenen Beinen, infizierten oder chronischen Wunden, denen andere Therapien nicht helfen, verspricht die Behandlung mit kaltem Plasma neue Hoffnung. Ob es in der Wundbehandlung eine weitere Option neben anderen etablierten Verfahren darstellt oder letztlich überlegen ist, lässt sich noch nicht mit Gewissheit sagen. Die bisherigen Erfahrungen aber sind vielversprechend. Eine Reihe klinischer Studien hat die bakterizide und entzündungshemmende Wirkung von kaltem Plasma gezeigt.

Neue Ansätze aus dem Labor und Erfahrungen aus dem klinischen Einsatz

Plasmamedizinische Behandlung von Wunden gehört darum zu den Top-Themen beim 02. Nürnberger Wundkongress. Dabei geht es u.a. um neue technische Ideen und Entwicklungen. „Plasmamedizin vom Labor in die Klinik – neue Ansätze für eine optimierte Plasmabehandlung chronischer Wunden“ lautet etwa der mit Spannung erwartete Beitrag von Dr. Kai Masur vom Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie (INP) in Greifswald, das weltweit zu den führenden Forschungsinstituten im Bereich physikalischer Plasmen zählt. Über Erfahrungen im klinischen Einsatz berichtet Prof. Dr. med. Steffen Emmert, Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie am Universitätsklinikum Rostock, wo die Behandlung mit Plasma inzwischen in der Standardversorgung angekommen ist.

Physikalisches Plasma kann als vierter Aggregatzustand von Materie – neben fest, flüssig und gasförmig – mit der höchsten Energiedichte betrachtet werden.  Es wird erzeugt, indem einem neutralen Gas weiter Energie zugeführt wird, bis sich Elektronen aus den Atomen lösen und elektromagnetische Strahlung entsteht. Natürliche Plasmen sind extrem heiß. In der Industrie finden heiße (thermische) physikalische Plasmen seit Jahrzehnten Anwendung, beispielsweise in der Oberflächenbehandlung. Aber auch in der Medizin werden sie bereits seit mehr als 20 Jahren eingesetzt, etwa zur Blutstillung bei operativen Eingriffen aber auch zur Entfernung von Blasentumoren oder zum Veröden von Warzen oder Hämangiomen (Blutschwämmchen). Für die schonende Anwendung auf lebenden Zellen und Gewebe müssen Plasmen technisch heruntergekühlt werden. Erst seit wenigen Jahren ist es möglich, kaltes physikalisches Plasma unter Atmosphärendruck anzuwenden, was den Radius seiner medizinischen Anwendungsmöglichkeiten erheblich weitet.

Was dieses Plasma für die Behandlung chronischer Wunden so interessant macht, ist seine komplexe Wirkungsweise. Die moderne Wundbehandlung baut auf mehreren Säulen auf, im Wesentlichen Debridement, Keimreduktion, Wundverbände, die die Wunde zugleich feucht und atmungsaktiv halten, sowie Kompression. „Die Plasmamedizin ist hier eine sehr innovative Ergänzung, weil sie mehrere Wirkprinzipien in einer Anwendung vereint und verschiedene günstige Effekte auf die Wunde zugleich erzielt“, sagt Steffen Emmert. Kalte Atmosphärendruckplasmen entfalten ihre Wirkung aus dem Zusammenspiel verschiedener aktiver Bestandteile, darunter reaktive Sauerstoff- und Stickstoffspezies, UV-Strahlung und elektrische Felder.

Technische Innovationen: Plasma-Pflaster und neuartige Spektralbildkamera

Wie genau die Mixtur ihre antientzündliche, juckreizstillende, antimikrobielle, gewebestimulierende und durchblutungsfördernde Kraft entfaltet, weiß man noch nicht genau. Dass die Plasmaanwendung sicher, wirksam und denkbar einfach ist, zeigen indes die internationale Studienlage und nicht zuletzt die eigenen Erfahrungen. Eine Plasmaanwendung von der Dauer einer Minute verringert die Keimbelastung in einer Wunde um 99 Prozent. Auch eine Steigerung der Hautdurchblutung können Emmert und Kollegen an der Universitäts-Hautklinik dank neuartiger Spektralbildkamera eines Rostocker Start-ups messen, die Wunde so objektiv beurteilen und den Heilungsprozess dokumentieren.

Neben dem Plasma-Stift, der sich insbesondere für die Behandlung tieferer Wunden mit Wundtaschen bewährt hat, ist ein weiteres Gerät (PlasmaDerm) bereits zugelassen, das sich vor allem für flache Wunden von mehreren Quadratzentimetern Fläche eignet. Getüftelt wird unterdessen an neuartigen Wundauflagen mit Plasmatechnologie. So wurde jüngst ein Silikon-Pflaster mit integrierter Plasma-Elektrode vorgestellt. Es würde tägliche Plasmabehandlungen ermöglichen, die Wundauflage könnte aber trotzdem für drei bis fünf Tage auf der Wunde verbleiben. Wundsekret kann unterdessen über Poren abfließen. Verträglichkeit und Wirksamkeit des Plasma-Pflasters werden derzeit im Rahmen einer Pilotstudie in Rostock getestet, erste Ergebnisse sind vielversprechend.

Plasmamedizinische Verfahren halten allmählich Einzug in den klinischen Alltag, nicht nur in der Dermatologie sind sie interessant. In der Zahnmedizin könnte Plasma das Wachstum von Karies verursachenden Bakterien hemmen, Zahnfleischentzündungen bekämpfen, Infektionen an Implantaten verhindern. Die eher zufällige Beobachtung, dass Plasma nicht nur Keime, sondern auch Tumorzellen tötet, eröffnet ein weiteres, vermutlich immenses Potenzial.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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