DE: Internationales Forschungsteam: Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs im globalen Süden unzureichend

Georg-August-Universität Göttingen

Eine Gesundheitsarbeiterin aus dem Dabat Research Center in Äthiopien bereitet eine Vorsorgeuntersuchung zu Gebärmutterhalskrebs vor. Hermann Bussmann

Gebärmutterhalskrebs ist die vierthäufigste Krebserkrankung für Frauen weltweit. In Ländern des globalen Südens sterben besonders viele Frauen an dieser – eigentlich vermeidbaren – Erkrankung. Ein internationales Forschungsteam hat untersucht, wie weit Prävention und Vorsorgeuntersuchungen im Globalen Süden verbreitet sind und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. In den meisten Ländern werden demnach besonders selten Frauen untersucht, die in einer ländlichen Gegend leben, ein niedrigeres Haushaltseinkommen zur Verfügung haben und einen niedrigeren Bildungsgrad aufweisen. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift JAMA erschienen.

(pug) Forscherinnen und Forscher der Universitäten Heidelberg, Stanford und Göttingen sowie der Harvard T.H. Chan School of Public Health analysierten repräsentative Umfragedaten aus 55 verschiedenen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. In der Mehrheit der untersuchten Länder (37 von 55) berichteten weniger als 70 Prozent aller Frauen, jemals an einer Vorsorgeuntersuchung teilgenommen zu haben. „Um effektive Früherkennungsprogramme für Gebärmutterhalskrebs zu implementieren ist es wichtig, einen möglichst aktuellen Überblick darüber zu haben, wie viele Frauen derzeit schon Zugang zu Vorsorgeuntersuchungen haben“, sagt Erstautorin Julia Lemp von der Universität Heidelberg. „Unsere Studie zeigt nicht nur, dass der Anteil an Frauen, die in diesen Ländern an Früherkennungsuntersuchungen teilnehmen, sehr gering ist, sondern auch, in welchen Bevölkerungsgruppen Frauen besonders oft keinen Zugang haben“, ergänzt der leitende Autor Dr. Pascal Geldsetzer, Assistant Professor of Medicine, Division of Primary Care and Population Health an der Stanford University.

Das Team hat einen positiven Zusammenhang zwischen dem Anteil der untersuchten Frauen und dem Bruttoinlandsprodukt sowie den Gesundheitsausgaben eines Landes (relativ zum Bruttoinlandsprodukt) feststellen können. Je niedriger das Bruttoinlandsprodukt sowie die Gesundheitsausgaben eines Landes waren, desto weniger Frauen gaben an schon einmal an einer Vorsorgeuntersuchung teilgenommen zu haben. Zudem scheinen Kennzahlen, die das Ausmaß von Geschlechterdiskriminierung innerhalb eines Landes messen, damit zusammenzuhängen, wie viele Frauen bereits an einer Früherkennungsuntersuchung teilgenommen haben. Die Ergebnisse sind besonders besorgniserregend, da das Forscherteam lediglich die Lebenszeitprävalenz von Früherkennungsuntersuchungen zum Gegenstand hatte – und nicht etwa regelmäßige Kontrollen, wie sie eigentlich notwendig wären. Hinzu kommt, dass die Behandlung von fortgeschrittenen Gebärmutterhalskrebserkrankungen in vielen Ländern des Globalen Südens nur bedingt möglich ist.

Um die Gesundheitssysteme der betroffenen Länder zu verbessern, schlagen die Autorinnen und Autoren vor, einen Blick auf die Erfolgsrezepte von Ländern mit einem hohen Anteil an Vorsorgeuntersuchungen und vergleichsweise niedrigeren Ungleichheiten zwischen Bevölkerungsgruppen zu werfen. „Dies ist beispielsweise in Ländern in Lateinamerika und der Karibik sowie in Bhutan und Moldova der Fall“, sagt Ko-Autor Prof. Dr. Sebastian Vollmer von der Universität Göttingen. Mögliche Gründe hierfür beinhalten beispielsweise einen flächendeckenden, kostenfreien Zugang zu Früherkennungsprogrammen durch medizinische Erstvorsorgeeinrichtungen vor Ort, eine koordinierte Strategie des gesamten Gesundheitssystems zur Prävention von Gebärmutterhalskrebs sowie die Implementierung von bedarfsorientierten Programmen, um gezielt Frauen aus unterversorgen Bevölkerungsschichten zu erreichen.

Originalpublikation:

Julia M. Lemp et al. Lifetime Prevalence of Cervical Cancer Screening in 55 Low- and Middle-Income Countries. JAMA (2020). Doi: doi:10.1001/jama.2020.16244 https://jamanetwork.com/journals/jama/article-abstract/2771901

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen