DE: Gesundheit für alle‘ braucht andere Strategien

Prof. Christel Bienstein

Berlin, 05.04.2018: Den diesjährigen Weltgesundheitstag am 7. April hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter das Motto ‚Gesundheit für alle‘ gestellt. „Dass es in Deutschland ein flächendeckendes, solidarisch finanziertes, leistungsfähiges Gesundheitssystem gibt, ist allerdings kein Grund, sich hierbei nicht angesprochen zu fühlen“, erklärt Prof. Christel Bienstein, die Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK). „Das deutsche System ist eins der teuersten weltweit, kommt aber bei den Outcomes und der Lebenserwartung der Bevölkerung im Ländervergleich seit Jahren nicht über ein niedriges Mittelmaß hinaus. Gesundheitsversorgung in Deutschland ist mehr an ökonomischen Anreizen statt am Patientennutzen orientiert, die strikte Sektorentrennung führt zu kostspieligen Doppelstrukturen und trägt das Risiko gravierender Versorgungsbrüche an den Schnittstellen. Und schließlich: Gerade in Deutschland wird das Potenzial, das in der Kompetenz und Leistungsfähigkeit der professionell Pflegenden liegt, kaum genutzt. Im Gegenteil – der Berufsalltag der Pflegenden ist von ständigem Zeitdruck, überhöhter Arbeitsbelastung und geringer Autonomie gekennzeichnet. Das sind keine Bedingungen, die einen Beruf attraktiv machen und einen langen Verbleib in der Branche ermöglichen. Die Ressource Pflege wird – trotz des bereits bestehenden Pflegefachkräftemangels und weiter steigenden Bedarfs an professioneller Pflege – fahrlässig aufs Spiel gesetzt. ‚Gesundheit für alle‘ kann aber im deutschen Gesundheitssystem nur gelingen, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Beruf gesund bleiben. Das ist das mindeste, was sie von der Gesellschaft und ihren Arbeitgebern erwarten können“, so Bienstein weiter.

Der DBfK fordert, dass die Solidarmittel des Gesundheitssystems konsequent am Patientenwohl und Patientennutzen ausgerichtet verwendet werden, Fehlanreize sind schnellstens zu beseitigen. An Strategien für die künftige Ausgestaltung der Versorgung sind die Pflegeberufe auf Augenhöhe und maßgeblich zu beteiligen, die Aufgabenzuweisung und Verantwortung im System ist innovativ, qualitäts- und nutzerorientiert neu zu ordnen. Grundlage dafür müssen Ergebnisse der Versorgungsforschung und international bewährte Vorbilder sein. Höchste Priorität allerdings muss eine schnelle, spürbare und nachhaltige Verbesserung der Pflegefachpersonalbemessung in Krankenhäusern, Heimen und Pflegediensten erhalten, um endlich die Arbeitsbedingungen für beruflich Pflegende wieder auf ein erträgliches Niveau zu bringen. Der Bundesgesundheitsminister hat das in Aussicht gestellt; bleibt abzuwarten, ob bzw. wie er die Zusage einhält.

Mitte März 2018 erschienen die Ergebnisse einer Harvard-Studie (Health Care Spending in the United States and Other High-Income Countries), die einen Vergleich der Gesundheitssysteme der elf OECD-Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen angestellt hat. Deutschland schneidet dabei vergleichsweise schlecht ab.

Das Thema ‚Gesundheit für alle‘ greift in diesem Jahr auch der Internationale Tag der Pflegenden am 12. Mai auf, er trägt das Motto „Gesundheit ist ein Menschenrecht!“

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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