DE: Diabetes Typ 1: Vom Todesurteil zur chronischen Erkrankung mit nahezu normaler Lebenserwartung

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Am 23. Januar 1922 gelang in Kanada die weltweit erste Insulinbehandlung eines Menschen mit Diabetes Typ 1. Der 13-jährige Leonard Thompson bekam als erster Patient erfolgreich Insulin gespritzt. Vor diesem Durchbruch in der Diabetesbehandlung lag die durchschnittliche Überlebenszeit nach Diagnosestellung bei circa neun Monaten. Heute haben Menschen mit Diabetes Typ 1 die Möglichkeit, ein nahezu ebenso normales Leben wie stoffwechselgesunde Menschen zu führen. Diese Perspektive betrifft allein in Deutschland etwa 341.000 Erwachsene sowie circa 32.000 Kinder und Jugendliche, die an Diabetes Typ 1 erkrankt sind. Sie und auch ein Teil der 8,5 Millionen Menschen mit Diabetes Typ 2 hierzulande werden täglich, häufig auch lebenslang, mit Insulin behandelt.Wie Betroffene in den vergangenen 100 Jahren seit der Entdeckung der Insulintherapie in Deutschland lebten, wie sie heute behandelt werden und was sie sich für die Zukunft wünschen, erläutern Expertinnen und Experten der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der gemeinnützigen Organisation diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe sowie eine selbst seit Jahrzehnten von Diabetes Typ 1 Betroffene bei der gemeinsamen Online-Pressekonferenz am 20. Januar 2022. Anmeldung unter:https://attendee.gotowebinar.com/register/9017337171697775373

Nach dem ersten großen Behandlungserfolg bei Leonard Thompson wurden im Februar 1922 weitere sechs Patienten am Toronto General Hospital mit Insulin behandelt – alle mit guten Ergebnissen. Der neue Extrakt und die ersten Erfolge wurden im Mai desselben Jahres erstmals einer breiten medizinischen Öffentlichkeit beim Kongress der Association of American Physicians in Washington präsentiert. „Wenn wir bedenken, dass bis zu diesem Zeitpunkt die Diagnose eines Typ-1-Diabetes gleichbedeutend mit dem sicheren Tod war, kann man ermessen, welche Zäsur die Entdeckung und Etablierung der Insulintherapie in der Medizingeschichte darstellt“, sagt Professor Dr. med. Andreas Neu, Präsident der DDG. Er ist Kinderdiabetologe und kommissarischer Ärztlicher Direktor der Abteilung für Neuropädiatrie, Entwicklungsneurologie und Sozialpädiatrie an der Kinderklinik des Universitätsklinikums Tübingen.

Weitere große Fortschritte folgten: 1924 kam die erste Insulinspritze auf den Markt, 1934 das erste Verzögerungsinsulin. Die in den 1950-er Jahren übliche Urinzuckerteststreifen wurden in den 1960-er Jahren durch Blutzuckermessstreifen ergänzt. 1983 wurden erstmals tierische Insuline durch Humaninsuline ersetzt und im gleichen Jahr wurde die erste Insulinpumpe vorgestellt. „Heute nutzen mehr als 60 Prozent aller Kinder und Jugendlichen eine Insulinpumpe, im Kleinkindesalter sind es mehr als 90 Prozent“, erläutert Neu. Auch der Einsatz moderner Technologien zur Glukosebestimmung nehme rasant zu. Die Kombination von Pumpen und Glukosesensoren zu sogenannten „Hybrid-Closed-Loop“-Systemen seien schon nahe an dem, was die Glukoseregulation bei Gesunden ausmache.

Auf der Pressekonferenz erläutert Neu, welch rasante Entwicklung der medizinische Fortschritt in der Diabetesbehandlung in den vergangenen hundert Jahren durchlaufen hat. Darüber hinaus erörtert er, vor welche Herausforderungen die Stoffwechselerkrankung Diabetes Typ 1 Betroffene und Behandelnde in der Gegenwart stellt sowie auch in Zukunft stellen wird. „Menschen, insbesondere Kinder und Heranwachsende, sind keine Maschinen, die nach festen Algorithmen ‚funktionieren‘“, betont der Kinderdiabetologe. Die Diabetestherapie verlange den jungen Patientinnen und Patienten sowie ihren Familien auch heute viel ab. „Daher ist neben Medikamenten und Technologien eine lebenslange Begleitung durch multiprofessionelle Behandlungsteams für den Behandlungserfolg und eine hohe Lebensqualität notwendig!“

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)