DE: „Der Pflege geht die Luft aus“ – Studie nennt Stellschrauben aus Sicht der Pflegenden

Zum Internationalen Tag der Pflegenden veröffentlicht die Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein eine Studie, die auf eine alarmierende Dynamik in der Pflege hinweist. Das Besondere: In der Studie formulieren die Teilnehmenden selbst Bedingungen, die es braucht, um Pflegefachpersonen im Beruf zu halten bzw. zurückzugewinnen.
Der Internationale Tag der Pflegenden am 12. Mai 2021 steht unter dem Motto „Nurses – a Voice to Lead: Für eine Gesundheitsversorgung mit Zukunft“. Denn für eine gute Gesundheitsversorgung braucht es eine starke Pflege. Jedoch: „Der Pflege geht die Luft aus“, sagt Patricia Drube, Präsidentin der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein und verweist auf eine aktuelle Studie der Pflegeberufekammer, an der sich knapp 1.900 Pflegefachpersonen aus Schleswig-Holstein beteiligt haben. „Unsere Studie macht deutlich, dass viele beruflich Pflegende am Ende ihrer Kraft sind und über einen Berufsausstieg nachdenken“, sagt Drube.
Gefangen in einer Spirale aus Personalnot, Überlastung und Berufsflucht
In zahlreichen, sehr persönlichen Texten äußern sich die Teilnehmenden, wie sie ihre berufliche Situation wahrnehmen. Hier wird deutlich: Die Arbeitsbedingungen belasten die Pflegefachpersonen am meisten – und das schon vor Corona. Dreh- und Angelpunkt ist dabei die schlechte Personalbesetzung. Diese führt einerseits – durch häufiges Einspringen und fehlende Erholungsphasen – zu einer hohen gesundheitlichen und emotionalen Belastung. Auf der anderen Seite haben die Befragten das Gefühl, den Menschen mit Pflegebedarf und damit auch ihrem Berufsethos nicht mehr gerecht werden zu können.
Viele äußern ein chronisch schlechtes Gewissen gegenüber den Patient*innen und Bewohner*innen, aber auch ein Unbehagen, in einem System zu arbeiten, das nicht auf die Würde der Menschen mit Pflegebedarf, sondern auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. „Ich fühle mich oft wie eine Kriminelle, dass ich in diesem System mitmache“, bringt es eine Teilnehmende auf den Punkt. Beides zusammen – die gesundheitliche und die moralische Belastung – führt dazu, dass Pflegefachpersonen darüber nachdenken, den Pflegeberuf zu verlassen.   
Eine zentrale Forderung, die aus vielen Statements herausklingt: Es braucht dringend einen besseren Personalschlüssel in Form von mehr Kolleg*innen – dieser Punkt ist aus Sicht der Teilnehmenden (noch) wichtiger als eine bessere Bezahlung. Darüber hinaus wünschen sie sich familienfreundliche Arbeitszeitmodelle, verlässliche Dienstpläne, eine bessere Vergütung (auch für weitergebildete Pflegende), mehr Unterstützung bei der Fort- und Weiterbildung und vieles mehr.
Pflegende müssen ihre beruflichen Werte leben können
„Die Ergebnisse zeigen einerseits: Der Heilberuf Pflege an sich macht Spaß und ist sehr sinnstiftend für die Berufsangehörigen. Doch andererseits wird deutlich: Die Bedingungen sind vielfach nicht mehr tragbar. Oftmals ist der Leidensdruck so hoch, dass die Betroffenen über einen Berufsausstieg nachdenken“, sagt Drube. Besonders belastend ist es für Pflegende, wenn sie ihre beruflichen Werte nicht leben können, wie zahlreiche Statements belegen. „Genau diese Werte brauchen wir aber für eine gute Gesundheitsversorgung. Wir müssen den Pflegenden ermöglichen, ihren Berufsethos auch leben zu können. Wir dürfen die Pflegenden nicht weiter durch Kommerzialisierung kaputt machen.“ Die Studie biete dabei sowohl der Politik als auch den Arbeitgebern wichtige Stellschrauben, um den Verbleib der Pflegefachpersonen zu fördern und den drohenden vorzeitigen Berufsausstieg abzuwenden. Jedoch: Angesichts der geplanten Auflösung der Pflegeberufekammer wird es umso schwerer, gemeinsame Lösungen zu finden. „Die Herausforderungen bezüglich der pflegerischen Versorgung der Bevölkerung sind größer denn je, und gleichzeitig wird die Standesorganisation des Berufsstandes abgewickelt“, beklagt Drube. „Was wir vermissen, sind Lösungen, die eine hochwertige pflegerische Versorgung nachhaltig sichern.“
Dafür braucht es auch die Unterstützung der Bevölkerung. „Pflege ist ein Thema, das wirklich alle Menschen betrifft“, sagt Drube. „Deshalb muss das Thema ganz oben auf der politischen Agenda stehen. Dafür brauchen wir einen neuen gesellschaftlichen Druck.“ Um alle Bürgerinnen und Bürger Schleswig-Holstein für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren, hat die Pflegeberufekammer seit Mitte Dezember 2020 die bundesweit einmalige Kampagne #pflegeverdientmehr gestartet. Denn: „Beruflich Pflegende sind eine der tragenden Säulen unserer Gesellschaft. Sie verdienen mehr Respekt, mehr Anerkennung, mehr Entscheidungsfreiheiten und vor allem eine bessere Bezahlung. Nur wenn wir das endlich anerkennen, kann es uns gelingen, den drohenden Exodus in der Pflege noch aufzuhalten.“
Die wissenschaftliche Studie „Berufsverbleib und Wiedereinstieg von Pflegefachpersonen in Schleswig-Holstein“ wurde vom Forschungsnetzwerk Gesundheit der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen durchgeführt und in zwei Teilen ausgewertet. Der Abschlussbericht liegt nun vor.
Mehr zur Kampagne auf der Homepage

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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