DE: Covid-19 & Intensiv in Deutschland: Panikmache und Fehlversorgung?

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In der dritten Welle der Coronapandemie gab es von Seiten der deutschen Intensivmedizin erheblichen Druck auf die politischen Entscheidungsträger, das öffentliche Leben herunterzufahren.[1] Dies führte letztlich am 24.04.2021 zur sogenannten „Bundesnotbremse“ mit weitgehenden Schließungen von Schulen und Einzelhandel, Kontakteinschränkungen und Ausgangssperren.[2] Es wurde einerseits auf die zunehmende Belegung der Intensivstationen fokussiert, andererseits gab es Sorgen um eine Ausweitung auch auf schwere Verläufe bei Jüngeren. Insbesondere wurde die Sorge um eine bald drohende Triagesituation adressiert. Gesundheitspolitiker behaupteten im Fernsehen gar „diejenigen, die jetzt auf den Intensivstationen behandelt werden, sind im Durchschnitt 47 bis 48 Jahre alt. Viele Kinder verlieren ihre Eltern. Das ist eine Tragödie“.[3]

Ergebnisse:

Bis zum 05.06.2021 hatten 27070 Versicherte einer der größten deutschen Krankenkassen bei Klinikentlassung eine gesicherte Coviddiagnose, 25116 davon wurden intensivmedizinisch behandelt (92,8%). Das Durchschnittsalter aller Covid-19-betroffenen Intensivpatienten lag bei 76 Jahren. 85,3% von ihnen wurden beatmet, als Nebendiagnosen kodiert waren bei 16,6% eine Demenz und bei 7,8% eine bösartige Krebserkrankung. Eine leidenslindernde Behandlung (Palliativbehandlung) war nur bei 0,8% kodiert (n=204).

Bei den an der Beatmung verstorbenen lag der Altersmedian mit 82 Jahren deutlich höher, sehr viele waren auch Krebs oder Demenzbetroffen. Gleichwohl erhielten nur 2,1% eine auch aus Abrechnungsdaten erkennbare Palliativversorgung.

Bei Ansicht der Intensivfälle nach Kalenderwoche lässt sich eine 3. Welle kaum darstellen:

Dies gilt im Besonderen für schwere Verläufe mit Todesfolge:

Das Durchschnittsalter der Intensivpatienten sinkt zuletzt minimal, insbesondere durch Abnahme der sehr hochaltrigen Betroffenen:

Dabei ist die „relative Zunahme der Jungen Intensivpatienten zuletzt“ vor allem durch den impfschutzbedingten Abfall des Anteils der sehr Hochalterigen zu erklären, in absoluten Zahlen bleibt die Jungenbetroffenheit fast konstant.

Überraschenderweise steigt die Überlebensrate der Covid-Intensivpatienten nach dem Höhepunkt der 2. Welle deutlich, fast alle überleben.

Das Durchschnittsalter der verstorbenen Intensivpatienten bleibt im Wesentlichen konstant.

Das Durchschnittsalter der verstorbenen Intensivpatienten bleibt im Wesentlichen konstant.

Diskussion:

Aus den Abrechnungsdaten einer der größten deutschen Krankenkasse ergibt sich, dass es nach wie vor im Wesentlichen die hochaltrigen Menschen sind, die einen fatalen Verlauf bei Covid erleiden. Eine statistisch signifikante Änderung der Altersverteilung bei den fatalen Fällen ergibt sich im zeitlichen Verlauf nicht. Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass unter Intensivbeatmung weniger Versicherte im Alter unter 39 Jahren, als über 100 Jahren verstarben (16 vs. 17).

Die aktuell behauptete verstärkte Intensivpflichtigkeit jüngerer Patienten lässt sich aus diesen Daten nicht bestätigen. Eher scheint das im April/Mai 2021 minimale Absinken des Durchschnittsalters an einem Absinken des Anteils der Hochaltrigen bei recht konstanter Betroffenenzahl der jüngeren Covidbetroffenen zu liegen. Dies deutet den Erfolg der Impfanstrengungen in Deutschland an, Hochalterige hatten Mitte 2021 bereits überwiegend einen Impfschutz.

Das hohe Durchschnittsalter schwer betroffener Covidpatienten ist vielfach belegt, es wird in einer Vergleichsauswertung aus 2020 mit 72 Jahren angegeben.[4] Seinerzeit gab es bereits Hinweise auf wirtschaftliche Fehlanreize: Die stationären Behandlungskosten wurden im Schnitt mit 5000 € angegeben, bei Durchführung einer Intensivbeatmung dagegen mit 38.500 €.[5] Aus unseren Daten lässt sich der sehr hohe Anteil an Intensivpflichtigkeit (92,8% der stationären Fälle), der sehr hohe Anteil an Beatmung (85,3% der Intensivpatienten) wie auch die sehr häufige Beatmung Hochaltriger nicht allein mit medizinischen Notwendigkeiten erklären. So wurden 1639 Patienten über 90 Jahre beatmet, mehr als in der Altersgruppe unter 39. Etwa 40% dieser Beatmeten hatten eine Demenzdiagnose. Dagegen wurden weniger als 1% der hochaltrigen Intensivpatienten mit einer aus Abrechnungsdaten erkennbaren Palliativversorgung begleitet. Aus anderen Untersuchungen ist bekannt, dass hochaltrige Patienten einer Apparatemedizin eher kritisch gegenüberstehen und Palliativversorgung vorziehen würden.[6]

Unsere Daten mit dramatisch steigenden Überlebensraten in der 3. Welle sind medizinisch kaum zu erklären, da die wesentlichen medizinischen Therapieoptimierungen (z.B. Cortisongabe, vornehmlich nichtinvasive Beatmung) bereits in der 2. Welle Standardbehandlung waren. So ist es durchaus wahrscheinlich, dass eine wesentliche Ursache der günstigen Verläufe in der Belegung mit nicht so kranken Patienten liegt.

Fehlversorgung könnte bei einer Vielzahl schwer betroffener hochaltriger Patienten ein Grund sein, weshalb Intensivkapazitäten trotz einer sehr hohen Vorhaltung ständig als knapp erlebt werden. Anhand unserer Daten erscheint die alleinige Ausrichtung politischer Entscheidungen anhand von Aussagen zur Intensivauslastung optimierbar zu sein. Die medienwirksam präsentierte Begründung, dass im April „diejenigen, die jetzt auf den Intensivstationen behandelt werden im Durchschnitt 47 bis 48 Jahre alt waren“ war offenkundig falsch.


Quelle (Preprint-Server des Lancet (Elsevier Verlag)):

Thöns, Matthias and Porwoll, Martin and Bloss, Jannik: Severely Affected Covid-19 Intensive Care Patients in Germany Continue to Be of Advanced Age (June 10, 2021). Available at SSRN:  http://ssrn.com/abstract=3864516


1] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/divi-intensivbetten-notruf-101.html

[2] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/faq-corona-notbremse-101.html

[3] https://www.news4teachers.de/2021/04/viele-kinder-verlieren-ihre-eltern-lauterbach-schlaegt-alarm-infektionen-naehern-sich-rekordhoch-intensivstationen-laufen-voll/

[4] Karagiannidis, C., Mostert, C., Hentschker, C., Voshaar, T., Malzahn, J., Schillinger, G., … & Kluge, S. (2020). Case characteristics, resource use, and outcomes of 10 021 patients with COVID-19 admitted to 920 German hospitals: an observational study. The Lancet Respiratory Medicine, 8(9), 853-862. https://www.thelancet.com/journals/lanres/article/PIIS2213-2600(20)30316-7/fulltext

[5] https://www.aerztezeitung.de/Politik/Was-kostet-Corona-das-Gesundheitswesen-Kassendaten-geben-Einblick-413830.html

[6] Unterhofer, C., Ho, W. M., Wittlinger, K., Thomé, C., & Ortler, M. (2017). “ I am not afraid of death“—a survey on preferences concerning neurosurgical interventions among patients over 75 years.Acta Neurochirurgica

Über Matthias Thöns 5 Artikel
Dr. med. Matthias Thöns, Palliativnetz Witten e.V., Wiesenstr. 14 - 58452 Witten, www.uebertherapie.de, email@sapv.de

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