DE: COVID-19-Impfung: Gründe für früheres Boostern

(C) Markus Golla

Wer wegen einer chronisch-entzündlichen Erkrankung mit TNF-alpha-Blockern behandelt wird, benötigt vermutlich früher als andere eine Auffrischungsimpfung gegen SARS-CoV-2. Darauf verweist eine Studie des Exzellenzclusters „Precision Medicine in Chronic Inflammation“.

Patientinnen und Patienten mit rheumatischen Erkrankungen oder Entzündungskrankheiten von Darm (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) und Haut (Schuppenflechte) werden häufig mit Wirkstoffen behandelt, die das Immunsystem unterdrücken. Diese immunsuppressiven Therapien können Krankheitsschübe verhindern, eventuell aber auch den Erfolg einer COVID-Impfung schmälern. Ob das tatsächlich der Fall ist, hat ein Kieler Forschungsteam des Exzellenzclusters „Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI) untersucht. Die im März 2021 veröffentlichte Auswertung des kurzfristigen Impferfolgs ergab, dass die neuen mRNA-Impfstoffe gegen COVID-19 bei Menschen mit chronischen Entzündungserkrankungen und immunsuppressiver Therapie wirksam und verträglich sind. Um die langfristige Impfantwort abschätzen zu können, wurden 23 Patientinnen und Patienten mit immunsuppressiver Therapie ein halbes Jahr nach der zweiten Impfung erneut untersucht und mit 24 gesunden Kontrollpersonen verglichen. Bei einigen von ihnen waren die Antikörperspiegel gegen SARS-CoV-2 stark abgefallen, wie die im rheumatologischen Fachjournal RMD Open veröffentlichte Studie zeigt.

TNF-Therapie: Schneller Rückgang der Antikörperspiegel

„Wir haben gesehen, dass die 13 Patientinnen und Patienten, die mit TNF-alpha-Blockern behandelt wurden, deutlich niedrigere Antikörperspiegel hatten als gesunde Personen, während die Patientinnen und Patienten in unserer Kohorte, die andere Basistherapien bekommen, auch nach sechs Monaten nicht signifikant anders aussehen als Gesunde“, berichtet die federführende Autorin Bimba F. Hoyer, Professorin für Rheumatologie an der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und Leiterin des Exzellenzzentrums für Entzündungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel. Daraus ergebe sich aber nicht zwangsläufig, dass die mit TNF-alpha-Blockern behandelten Personen keinen Schutz vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus mehr hätten. Denn nicht nur die spezifisch gegen das Virus gerichteten Antikörper schützen vor einer Infektion, sondern auch spezialisierte Immunzellen. „Diese zelluläre Impfantwort ist auch nach sechs Monaten bei Patientinnen und Patienten mit TNF-alpha-Blocker-Therapie nahezu unverändert vorhanden. Ein gewisser Schutz ist vermutlich noch da, aber im Vergleich zu anderen Personen wird er etwas schlechter sein“, erklärt Hoyer. „Nach sechs Monaten brauchen die ganz sicher eine Auffrischungsimpfung, aber wahrscheinlich würde man gut daran tun, sie früher zu boostern.“ Ob eventuell auch andere immunsuppressive Therapien den Impfschutz beeinträchtigen, dazu lasse sich aus der relativ kleinen Studie keine Aussage treffen.

Erhöhtes Risiko für Impfdurchbrüche

Der auffälligste Unterschied zwischen den mit TNF-alpha-Blockern behandelten Personen und den anderen Gruppen wurde bei den Konzentrationen der neutralisierenden Antikörper beobachtet. Neutralisierende Antikörper binden sich auf ganz besondere Weise an einen Viruspartikel und verhindern, dass das Virus eine Zelle infiziert. Noch gibt es keinen Grenzwert für die Konzentration von neutralisierenden Antikörpern, ab dem ein Immunschutz vorliegt. „Erste Daten aus Durchbruchsinfektionen deuten aber darauf hin, dass abnehmende Spiegel neutralisierender Antikörper mit einem abnehmenden Schutz gegen SARS-CoV2 korrelieren“, betont die Kieler Rheumatologin. Der in der Kieler Studie beobachtete rasche Rückgang der Antikörperspiegel im Zusammenhang mit einer TNF-Blocker-Therapie müsse noch in größeren Studien bestätigt werden, sollte aber schon jetzt bei der Planung von Auffrischungsimpfungen bedacht werden. Und prinzipiell könnte diese Problematik auch bei anderen Impfungen auftreten.

Originalpublikation:

Geisen UM, Sümbül M, Tran F, … Hoyer FB. Humoral protection to SARS-CoV2 declines faster in patients on TNF alpha blocking therapies. RMD Open (2021). http://dx.doi.org/10.1136/rmdopen-2021-002008


Der Exzellenzcluster „Präzisionsmedizin für chronische Entzündungserkrankungen/Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI) wird von 2019 bis 2025 durch die Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder gefördert (ExStra). Er folgt auf den Cluster Entzündungsforschung „Inflammation at Interfaces“, der bereits in zwei Förderperioden der Exzellenzinitiative (2007-2018) erfolgreich war. An dem neuen Verbund sind rund 300 Mitglieder in acht Trägereinrichtungen an vier Standorten beteiligt: Kiel (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Muthesius Kunsthochschule, Institut für Weltwirtschaft und Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik), Lübeck (Universität zu Lübeck, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein), Plön (Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie) und Borstel (Forschungszentrum Borstel – Leibniz Lungenzentrum).

Ziel ist es, die vielfältigen Forschungsansätze zu chronisch entzündlichen Erkrankungen von Barriereorganen in ihrer Interdisziplinarität verstärkt in die Krankenversorgung zu übertragen und die Erfüllung bisher unbefriedigter Bedürfnisse von Erkrankten voranzutreiben. Drei Punkte sind im Zusammenhang mit einer erfolgreichen Behandlung wichtig und stehen daher im Zentrum der Forschung von PMI: die Früherkennung von chronisch entzündlichen Krankheiten, die Vorhersage von Krankheitsverlauf und Komplikationen und die Vorhersage des individuellen Therapieansprechens.
Exzellenzcluster Präzisionsmedizin für chronische Entzündungserkrankungen

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)