DE: Berufspolitische Grundsatzrede

Andreas Westerfellhaus

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

als Präsident des Deutschen Pflegerates – der Bundesarbeitsgemeinschaft der Pflege und des Hebammenwesens – und somit im Namen seiner Mitgliedsverbände möchte ich Sie zum 4. Deutschen Pflegetag in Berlin nochmals herzlich begrüßen, dieses Mal zum 2. Kongresstag, der mit einem politischen Auftakt beginnt.

Eines kann ich persönlich mit Freude feststellen, das „Wagnis“ Deutscher Pflegetag etabliert sich erfolgreich, eine Vision, vor Jahren entwickelt –vielleicht auch von einigen belächelt oder unterschätzt- ist zu Der Zentralen Veranstaltung der Pflegenden in Deutschland gewachsen. Es war nie ein Ansinnen-das lassen sie mich an dieser Stelle deutlich unterstreichen- anderen Kongressen den Rang abzulaufen oder sie gar zu verdrängen.

Nein, es war und ist viel mehr der Anspruch, eine Veranstaltung in Deutschland zu etablieren, die die Profession Pflege in besonderer Weise sichtbar macht – innerhalb der Profession, in Kommunikation mit den Medien und der Politik gegenüber und um somit auf diese Weise einen Führungsanspruch in der Ausgestaltung des Gesundheitswesens artikulieren zu können. Mit dem Deutschen Pflegetag bekommt die Profession Pflege ein Gesicht, diskutiert die Zukunft und leitet Entwicklungen ein, zeigt die enorme Leistungsfähigkeit der Profession auch im Zusammenspiel mit dem Ehrenamt und den pflegenden Angehörigen, zeigt Solidarität der Pflegenden untereinander und untermauert selbstbewusst Gestaltungskompetenz.

  1. Über 8.000 Teilnehmende aus allen Sektoren der Pflege und des Gesundheitswesens, sowie den pflegenden Angehörigen und den vielen Menschen, die ehrenamtlich Unverzichtbares für diese Gesellschaft leisten sind ein mehr als deutlicher Beweis für eine erfolgreiche Umsetzung dieser Zielsetzung.
  2. Unser Konzept mit starken Partnern aus der Mitte der Gesellschaft aufzutreten hat sich weiter entwickelt -, neben dem ausführenden Veranstalter „Die Schlütersche“, dem Gründungspartner AOK Bundesverband, den Premiumpartnern Hartmann Gruppe, der Berufsgenossenschaft Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege, dem Unternehmen Servier, der AWO und der Sparkassen Finanzgruppe, in Kooperation mit dem Städte- und Gemeindebund, mit unseren Medienpartnern, den vielen bedeutenden Sponsoren und Freunden der Pflege –  wie unverkennbar im Rahmen der begleitenden Fachausstellung wahrzunehmen – also alles in allem Institutionen und Unternehmen, die erkennbar in der Lage sind, die Bedeutung der pflegerischen Leistung als die gesundheits- und sozialpolitische Herausforderung des nächsten Jahrzehnts zu identifizieren ! und zu unterstützen.

Pflege hat die Wahl!

Im Bund und in 3 Länderparlamenten, 1,2 Mio. und mehr … 2,4 – 3,6 – 4,8 – 6,0 …

Und ich möchte gleich zu Beginn meiner Rede eines klar stellen: Wir und ich stehen hier nicht als Bittsteller gegenüber den politischen Mandatsträgern oder denen die sich zur Wahl stellen – nach dem Motto wir sind auch mal dran oder tut endlich etwas für uns. Nein, wir stehen mit Erwartungen und Forderungen – Erwartungen, endlich der Profession Handlungsinstrumente zur Ausgestaltung ihres Berufes in die Hand zu geben und Forderungen, notwendige Entwicklungsschritte nicht im politischen Klein

Klein oder Hickhack zu zerreden oder zu opfern.

Worum geht es denn ?

Doch nicht darum, die Ideologie einer Berufsgruppe zu befriedigen – wie mir manchmal vorgehalten wird – sondern um eine qualifizierte Versorgungssicherheit der Menschen dieser Gesellschaft sicherzustellen.

Aber alles der Reihe nach:

Wir stehen fast am Ende einer Legislaturperiode, und da ist es wichtig auch kurz inne zu halten und zurück zu blicken:

Unsere Forderungen zu Beginn der Legislaturperiode waren klar:

  • Reform der Pflegebildung incl. der Möglichkeiten einer  akademischen Qualifikation
  • Ausbildungs- und Studienplatzkapazitäten ausbauen und erweitern / deren Finanzierung auf Dauer sicherstellen
  • Eine Überarbeitung der Gesundheitspersonalstatistik
  • Die Einführung der Selbstverwaltung der Pflegenden in den Ländern
  • Schnittstellen zwischen den Sozialgesetzbüchern bearbeiten und neuen Lösungsstrategien zuführen
  • Die Umsetzung des Pflegebedürftigkeitsbegriffes
  • Entbürokratisierungskonzepte zu entwickeln und voran zu treiben
  • … und die Schaffung der Stelle einer „Chief Government Nurse“ – wenn nicht im Kanzleramt, dann im Bundesministerium für Gesundheit !

Und was war dann Gegenstand der Koalitionsvereinbarungen:

  • „ … Einführung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs so schnell wie möglich …“
  • „… Angleichung der Leistungen im ambulanten und stationären Bereich …“
  • „… Veränderungen des Schlüssels von Betreuungskräften und Pflegebedürftigen in den Einrichtungen …“
  • „… Auszeit für pflegende Angehörige …“
  • „… Weiterentwicklung der Pflegetransparenzvereinbarung …“
  • „… Stärkere Einbindung der Kommunen in die Strukturen der Pflege …“
  • „… Erhöhung des Beitragssatzes zur Pflegeversicherung …“
  • „… Aufbau eines Pflegevorsorgefonds …“

Und weiteres …
Ach ja, da war ja noch etwas: Die Reform der Pflegeausbildung !!!!

Und dann ging es los: Mit Hermann Gröhe als Bundesgesundheitsminister:
Einem Mann, bei dem ich sehr schnell erfahren durfte, wie wichtig ihm die Analyse der Istsituation gerade auch in der Profession Pflege ist, eine Zusammenarbeit von gegenseitigem Vertrauen geprägt – immer aber auch deutlich bei der Darstellung von Diskrepanzen und unterschiedlichen Erwartungen.

Mit Karl Josef Laumann als Pflege- und Patientenbeauftragtem im Range eines Staatssekretärs.

Ich muss nicht mehr betonen, dass unsere Zusammenarbeit in den 4 Jahren besonders intensiv und konstruktiv war.

Einem Mann, der willens und in der Lage ist zuzuhören, Entwicklungen pragmatisch einzuleiten, der mit deutlichen Worten nicht spart, Konflikte nicht scheut, aber auch einfühlsam mit Problemen umzugehen vermag und immerhin vom Zweifler des Nutzens einer Pflegekammer zum überzeugten Verfechter von Pflegekammern in den Ländern und einer Bundespflegekammer wurde.

Und dann die Ergebnisse ( für die Thematik Pflege) …

  • Umsetzung des Projektes der Entbürokratisierung in der Pflege
  • Aufstockung der Anzahl von Betreuungsassistenten um 20.000 ! Gute Idee – nur im Marketing und scheinbar auch, manches Mal im Verständnis – wurde schon früh nicht mehr zwischen Pflegekräften und Betreuungsassistenten differenziert …Das heißt es doch wörtlich auf den Plakatwänden: Wir stärken die Betreuung, bis zu 20.000 zusätzliche Pflegekräfte“ !!! Finde den Fehler !!!

Wir wussten schon warum wir eine Chief Government Nurse auf Regierungsebene haben wollten !!!!

  • Die Pflegestärkungsgesetze 1 und 2 und 3, wichtig für die Menschen, lange geplant und nun endlich beschlossen und umgesetzt
  • Die Einrichtung und Besetzung einer Expertenkommission Pflege im Krankenhaus, um die personelle Ausstattung in den Krankenhäusern abzusichern – immerhin auch unter Einbindung von 3 (echten) Pflegeexpertinnen aus der Pflege in Deutschland – für den DPR darf man sagen hat Herr Dr. Patrick Jahn Hervorragendes geleistet
  • Ein neues Pflegestellenförderprogramm (längst nicht ausreichend) und die Umwidmung des Versorgungszuschlags in Höhe von € 550 Mio. – das Geld kommt aber nicht an in der Pflege !!!!
  • Die Verabschiedung eines eHealth-Gesetzes : ohne Schreib- und Leseberechtigung der Pflegenden !!!
  • Die Arbeit am Pflegeberufereformgesetz mit dem Ziel der Einführung einer Generalistischen Pflegeausbildung mit Schwerpunktbildung. Leider hier nur das Wort Arbeit und nicht das Wort abgeschlossenes Gesetzgebungsverfahren !!!!

Und dieser Prozess ist für mich beispielhaft, wie einerseits mit wie viel Ernsthaftigkeit an der Lösung von längst überfälligen Gesetzgebungsverfahren gearbeitet wird, allerdings auch wie wenig Kompetenz unserer Berufsgruppe von einigen politischen Akteuren zugesprochen wird, als es bei der Gesetzesentwicklung um die Beteiligung der Berufsgruppe – und zwar alleinige Beteiligung- bei der Entwicklung ging.

Wie mächtige Lobbyistengruppen versuchen, ihren Einfluss geltend zu machen, um eine Weiterentwicklung der professionellen Pflege zu verhindern oder noch drastischer: die Berufsgruppe klein und ohnmächtig zu halten ! Die Angst vor einer starken selbstbewussten Profession muss wohl sehr ausgeprägt sein !

Dabei werden auch diese Lobbyisten schmerzhaft spüren wenn wir fehlen !!!!

Nur noch mal zur Klarstellung: Ablauf Gesetzgebungsverfahren…

  • Verbändeanhörung 11. Dezember 2015 zu inhaltlichen Fragestellungen
  • Einbringung in das Parlament des Deutschen Bundestages am 13.01.2016 -es gibt einen Kabinettsbeschluss!!!
  • Beratung in den Unterausschüssen des Bundesrates
  • Vorstellung der Eckpunkte der AuPrV
  • Lesung März 2016
  • Anhörung Gesundheitsausschuss 30. Mai 2016
  • Lesungen im Parlament und Abstimmung waren geplant bis Mitte 2016 – und was kam dann …Gerüchte – Irritationen – Falschmeldungen – Vorschläge von Pseudokompromissen

Gegner… mit natürlich unterschiedlichsten – teilweise sich widersprechenden Argumenten…

  • Verdi und DGB
  • BDA – Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände
  • Arbeitgeberverbände Pflege
  • Wirtschaftsverbände
    • Hier wurde aus unterschiedlichen Gründen plötzlich die Berufsgruppe Pflege entdeckt, oder wo bleibt der Entrüstungssturm wenn es um Arbeitsbedingungen und Fachkräftemangel geht?
  • Opposition im Bundestag
  • Pflegeverbände in derAltenpflege

Ärzteverbände (Pädiatrie, Geriatrie, Gerontopsychiatrie …) allerdings mit Ausnahmen: Der Marburger Bund in Form seines Vorsitzenden Dr. Rudolf Henke forderte im Frühjahr 2016 die Ärzteschaft auf, sich dieser Diskussion, die tief in das Selbstverständnis und die Ausgestaltung einer Berufsgruppe hinein wirkt, sich aus dieser Diskussion herauszuhalten ! Gut so ! Gut gemacht !

Und dann die Argumente der Gegner !

  • Verlust von Ausbildungsplätzen (was wäre das für ein Eigentor für die Arbeitgeber !)
  • Abwanderung in die jeweilig anderen Sektoren (ja wohin denn ? Attraktivität der Arbeitsplätze und Arbeitgeber bestimmt diese Wanderung !)
  • Qualitätsverlust der Ausbildung (wir wollen eine Qualitätssteigerung !!!!) Wir wollen eine Qualitätsverbesserung der Ausbildung in Theorie und Praxis ! Wir wollen zukunftsfähige Ausbildungsstätten mit qualifizierten Pädagogen mit einheitlichen Stellenschlüsseln von Lehrer/Schülerverhältnissen von 1:15 in allen Ländern !
  • Überlastung der praktischen Ausbildungspartner (wir zeigen Euch schon wie es geht !)
  • Fehlende „Wertschöpfung“ während der Ausbildung (da hat sich wohl jemand verraten…)
  • Fehlende Identifikation mit dem Arbeitgeber (die bekomme ich nur durch gelebte Wertschätzung !)
  • Schülerinnen wollen keine Generalistik ??? Weil … ????
  • Teile der Ärzteschaft sehen Qualitätsverlust in der Ausbildung … durch Generalistik ???? – vergessen? selbst generalistisch ausgebildet wie übrigens alle anderen Gesundheitsberufe auch – oder muss man es als Kritik an der eigenen Qualifikation verstehen ???

Und dann die Kompromissvorschläge …

Da merkt man dann von wem sie kommen, keine Ahnung jeden Tag aufs Neue zu artikulieren kann auch eine Leistung sein!

  • Integrative Ausbildung statt Generalistik (hei, schon probiert und evaluiert !)
  • Noch mal erproben – vielleicht nur in einigen Bundesländern !
  • Alle in die Pflege, und dann schaun wir mal …
  • 2 + 1: ein unsinniger Vorschlag: Unwissenheit über unsere Ausbildung und Anforderungen an pädagogische Ausgestaltung lässt grüßen …

Bewiesen wäre wieder einmal, eine Chief Government Nurse ist unverzichtbar !!!

Und noch Mal zur Klarstellung:

  • Wir fordern keine Abschaffung der Altenpflege und der Kinderkrankenpflege
  • Wir wollen eine Weiterentwicklung der Profession und damit ein neues Berufsbild

Wir benötigen ein gesamtes Pflegebildungskonzept, von einer bundeseinheitlichen Pflegeassistenausbildung, einer generalistischen Pflegeausbildung mit Schwerpunktbildung unter Einbindung akademischer grundständiger Qualifikationen, den Anschluss von

  • Fachweiterbildungen und weiterführenden Studiengängen.

Das wäre ein Gesamtkonzept !!!!

Zum Nachlesen “Deutscher Bildungsrat für Pflegeberufe“ 2009

Ein Konzept, welches für die kommenden Pflegegenerationen als Berufsausübende von entscheidender Bedeutung wäre.

Wir und ich wollen keine Spaltung der Berufsgruppe in Lager – im Gegenteil. Alle sind gleich wertvoll und unverzichtbar. Aber die Entwicklung von Lösungen gehört in die Berufsgruppe und nicht in die Hände von einigen „Scharfmachern“ und Ignoranten, die eigene Ziele verfolgen !

Liebe Kolleginnen in allen Sektoren ! Werdet wach ! Schaut was dort passiert !

Hier geht es eben um mehr als ein Wort wie „Generalistik“ (als emotionaler Katalysator !) oder eine neue Berufsbezeichnung –  hier geht es um ein neues Kompetenzgefüge, welches Bildung in der Pflege nicht mehr wie gehabt nach Altersgruppen der Leistungsempfänger klassifiziert, hier geht es um den Einstieg in die Berufsautonomie – vorbehaltene Tätigkeiten und die längst überfällige selbstständige Ausübung der Heilkunde …

Das ist im Übrigen die Kritik von Berufseinsteigern in der Pflege – gut qualifiziert zu sein – und nicht frei – autonom im Rahmen ihrer Kompetenzen Pflege umsetzen zu können.

Diese Diskussionen können allerdings nur so laufen, liebe Kolleginnen und Kollegen, weil uns eines fehlt und hier besonders deutlich wird: Eine durchgängige Selbstverwaltung und verpflichtende Mitbestimmung !

Die Ausbildung eines Handwerkerberufes käme auf die Tagesordnung …

Oder gar die Studienordnung der Mediziner …

Kann sich hier im Saal jemand vorstellen, diese Diskussion würde mit solchen Einmischungen und Argumenten von außen hingenommen …

Wie z. Bsp. Elektriker wären nach 3 Jahren nicht mehr sofort in ihrem Beruf einsetzbar könnten die Sorgen der Installateure sein … ???

Man stelle sich vor …

Nein, Kammern und Innungen würden sich diese Einmischung verbeten und allen anderen Kompetenz und Berechtigung einer Einmischung absprechen …

Die Koalition verhandelt derzeit untereinander, ob und wie es mit der Generalistik weitergeht. Die nächsten Wochen werden dabei entscheidend sein.

In den kommenden Wochen wird sich nun entscheiden, ob die Pflegenden von der Politik wirklich ernst genommen werden, oder ob sie den undurchsichtigen Lobbyinteressen des Berliner Politikbetriebes wieder einmal zum Opfer fallen.

Ich fordere die Politik auf, im Wahljahr ein klares Zeichen für die Pflegenden zu setzen.

Es ist ganz einfach: Scheitert die Generalistik, dann scheitert die geplante Aufwertung der Pflegeberufe.

Das wäre ein Schlag ins Gesicht aller Pflegenden.

Wir halten aber nicht länger die andere Wange hin. Das haben wir lange genug getan. Seit Jahren fordern wir eine eigene Stimme. Wir wollen nicht länger fremdbestimmt sein.

Das Pflegeberufsgesetz ist ein Paradebeispiel dafür, wie andere auf dem Rücken der Pflegenden ihre Interessen durchsetzen.

Warum schaffen sie das immer wieder ? Weil wir keine eigene Selbstverwaltung auf der Bundesebene und in einigen Ländern haben !

Damit muss endlich Schluss sein. Dieses Jahr der Erniedrigung hat uns allen noch einmal gezeigt: So kann es nicht weitergehen.

Wir werden unser Schicksal selber in die Hand nehmen.

Wir wollen berechtig t! selbstbestimmt ! auf Augenhöhe mit den anderen Heilberufen, den Gewerkschaften und den Arbeitgebern wahrgenommen werden.

Gebt uns die gleichen Rechte, die allen anderen auch zustehen.

Denn die Pflege ist erwachsen ! Wir wollen nicht länger, dass andere behaupten, sie würden für uns sprechen, obwohl sie nur ihre Interessen im Blick haben.

Wir wollen und werden unser Schicksal selber in die Hand nehmen.

Und wir lassen uns nicht länger davon abbringen.

Das zeigen die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz und die Landespflegekammern in Gründung in Schleswig-Holstein und Niedersachsen.

Und eines muss allen klar sein: In den kommenden Wochen –  in der Frage der Generalistik – entscheidet sich, ob die aktuelle Legislatur, eine Legislatur der Pflege war oder nicht.

Die Pflegestärkungsgesetze I bis III enthalten ein besseres Leistungsversprechen für die Pflegebedürftigen.

Aber irgendwer muss dieses Versprechen auch einlösen.

Wenn es wirklich auf gute Pflege ankommt, braucht die Politik starke Pflegende an ihrer Seite.

Denn wir sind diejenigen, die die Pflege leisten.

In den kommenden Wochen – in der Frage der Generalistik – zeigt sich, ob es der Politik mit einer starken und eigenverantwortlichen Pflege ernst ist.

Mit dem Für oder Gegen die Generalistik wird für alle zu sehen sein, ob die Politik ihr Versprechen ernst meint.

Scheitert die Generalistik, dann wird auch die „Zukunft Pflege“ scheitern.

Kein Politiker, der jetzt den Pflegenden ihre eigene Stimme versagt, kann ernsthaft erwarten, bei der Bundestagswahl auch nur eine der 1,2 Millionen Stimmen der Pflegenden zu bekommen.

Kritik kommt natürlich auch an dem  immens ausufernden Fachkräftemangel – wir sind einfach zu wenige für das Aufgabenspektrum welchem wir in allen Sektoren gegenüber stehen.

Freie Stellen überall, die Zeit zur Wiederbesetzung von freien Stellen erhöht sich permanent, Leistungsdruck nimmt zu, die Erkrankungsrate und  Ausfallzeiten von Mitarbeiterinnen nehmen zu, Flucht aus dem Beruf oder in die unfreiwillige Teilzeitarbeit wird als Ausweg gesucht …

Und wie sehen Lösungskonzepte aus ????

Gegen einen Fachkräftemangel ????

Dem Fass den Boden schlägt es dann wohl für uns aus, wenn man dem Fachkräftemangel einfach die Existenz abspricht …

… einfach mal die Prozesse ändern … ein bisschen mehr Digitalisierung und Telematik … das wird dann schon …

Aber fragen Sie doch mal in Krankenhäusern, in denen weit über 80 offene Stellen in der Pflege zu verzeichnen sind …

In denen Operationen ausgesetzt werden, Intensivstationen geschlossen werden müssen, Aufnahmestopps verhängt werden …

Warum versuchen Institutionen Mitarbeiterinnen wohl durch Zahlung von Prämien von anderen Arbeitgebern abzuwerben … ???

Lockangebote um Mitarbeiterinnen einen Wechsel schmackhaft zu machen … mit Smoothie Bars vorm Eingang der Konkurrenz ??? (solche Kreativität wünschte ich mir manches Mal an anderen Stellen !)

Hilfskräfte sind übrigens keine Lösung !!!!

Es geht um nicht mehr als die Sicherheit von Patientinnen und Patienten ???? !!!

Und wenn es um die Sicherheit der uns anvertrauten Menschen geht … die im Übrigen der Pflege wegen in unsere Krankenhäuser kommen …

Dann muss ja wohl die Diskussion um eine Personalbemessung legitim sein !!!

Und zwar über die Anzahl und Besetzung mit Fachkräften …

Ja, es gibt hier unendlich vieles zu bedenken – was bedeutet minimal und maximal, welche Auswirkungen haben Festlegungen auf die Versorgungssicherheit …

Aber das Argument anzuführen,

wenn Personalbemessungskriterien verbindlich eingeführt werden –

und ich werde nicht müde zu betonen in allen Sektoren ! –

und nicht mehr zuzulassen, pflegefremde Berufe wie Handwerker in die Fachkraftquote einzurechnen …

wenn also angeführt wird, dass die Gefahr, wenn Festlegungen verbindlich werden, das Personal ja auf dem Markt gar nicht zu finden sei – na dann wird es absurd – oder wie war das mit der Henne und dem Ei ???

Eine Bankrotterklärung ist das und sonst nichts !

Schon vergessen, warum wir einen Personalmangel haben, warum Pflegende aus dem Beruf flüchten ????

  • Es sind die Rahmenbedingungen unter denen wir ausbilden und arbeiten
  • Wir waren lange Jahre scheinbar willkürliche Verfügungsmasse für eine scheinbare Kostenreduktion, für eine verfehlte Krankenhauspolitik, für radikale Ökonomisierungsversuche im Gesundheitswesen – qualifizierte Versorgung muss erstes Ziel sein und keine Renditeoptimierungen …
  • Wir können keine Freizeit planen …
  • Wir sind immer zu wenige, vor allem auch nachts …
  • Wir haben kaum Zeit für das, was Pflege auch ausmacht – Kommunikation, Beziehungsarbeit, Sterbebegleitung, einfach da sein …
  • Wir haben kaum Zeit unseren Nachwuchs auszubilden, zu begleiten und manches Mal auch aufzufangen … sondern vermitteln unserem Nachwuchs schon während der Ausbildung, in welchem Dilemma zwischen eigenem Anspruch und Realität in der Patientenversorgung wir arbeiten
  • Wir sind keine Lückenfüller, kein Assistenzpersonal – wir sind eine Profession
  • Wir sind auch keine Sündenböcke für Fehler in der Versorgung …

Und wenn wir das dann deutlich ansprechen, hält man uns vor, unseren Beruf schlecht zu reden …

Geht’s noch ??? Wir lieben unseren Beruf !

Und genau deswegen gehen wir auf die Barrikaden und protestieren !

Weil sich sonst nichts ändert !

Aber das mit den „Barrikaden“ ist so eine Sache …

Wir haben viel zu viele Berufsangehörige, die still und leise, manchmal auch angepasst, alles mittragen …

Die immer noch nicht bereit sind, sich in Berufsverbänden und Gewerkschaften zu organisieren ….

die immer noch glauben, Ehrenamt könne es in Berlin und den Ländern für die Pflegenden schon richten …

Die aber dann laut werden, wenn wir den Weg in die Selbstverwaltung beschreiten, ja, die Geld des Einzelnen kostet, die als Selbstverwaltung  aber auch der einzige Lösungsweg ist …

Und komme man mir nicht mehr mit dem Argument, Selbstverwaltung sei überflüssig … es gebe genügend Instrumente, die Situation der Pflegenden zu verbessern, oder zu beschreiben was die Selbstverwaltung alles nicht kann …

Warum sind wir denn heute in der Situation in der wir uns als Berufsgruppe befinden ?

Alle anderen Instrumente haben versagt !!! Und das über Jahrzehnte !

Es reicht – wir gestalten jetzt selber – Selbstbewusst !

Aufrecht !

Zielorientiert mit klaren Vorstellungen !  Motiviert und engagiert !

Kompetent !

Professionell !

Eben Selbstverwaltet !

In den Ländern !

Und hoffentlich schnell – möglichst morgen –  auch im Bund !!!

Habt Mut zu diesem Weg kann  ich

nur sagen !

Nehmt es in die Hand und gestaltet !

Andere machen es uns tagtäglich vor!

Ich kann nur noch mal aus meiner letzten Rede des Deutschen Pflegetages wiederholen:

Die Berufsgruppe Pflege ist die die größte nicht eigenständig vertretene Berufsgruppe in Deutschland.

Sogar die Meister im VW Werk und in der Werkstatt gehören zum Deutschen Handwerk, selbst Berufe wie Augenoptiker, Zahntechniker, Hörakustiker und Orthopädietechniker sind als Unterorganisation Gesundheitsberufe im Zentralverband des Handwerks besser organisiert.

Bei der BPK geht es um die Eindeutigkeit des Ansprechpartners, Politik braucht Orientierung, der Beruf braucht einen eindeutigen Vertreter, die Gesellschaft einen Ansprechpartner, die Industrie braucht Klarheit.

Wer in Deutschland ist in der Zukunft für die Pflege von 3,5 Mio. Mitbürgern verantwortlich, der Kaninchenzuchtverein oder die Berufsgruppe der Pflegenden ?

Wenn zu wenig Frauen in Aufsichtsräten sitzen gibt es eine Frauenquote, wenn es um die Gesundheit geht, sind die Apotheker und einige Ärzte die Männer, die die Pflege im Gesundheitswesen diskriminiert, man ist weder gleichberechtigt noch akzeptiert. Manches Mal scheint die Pflege behandelt zu werden wie Frauen vor 100 Jahren: kein Wahlrecht, keine Mitsprache, keine Lobby.

Und daher kommen wir zu unseren Forderungen an die Politik, an zukünftige Regierungen in den Ländern und dem Bund:

  • Wir erwarten, zukünftige Reformgesetze nicht nur auf ihre Finanzierbarkeit zu prüfen, sondern auch immer gleichzeitig Prozesse einzuleiten, wie ich zu genügend qualifiziertem Personal für diese Reformen komme und deren Beschäftigung garantiere
  • Angemessene tarifliche Entlohnung für Alle
  • Bildung, Bildung … Weiterbildung … Studium ! und zwar ausreichend finanziert !
  • Klar beschriebene Karriereentwicklung
  • Weiterentwicklung von Aufgabenfeldern professionell Pflegender
  • Klar beschriebene Eigenverantwortung
  • Wertschätzung durch Politik und Arbeitgeber – und nicht das unwürdige Gezerre was einige uns allen bekannte Politiker mit uns treiben !
  • Spürbare Verbesserung der tariflichen Entlohnung in allen Sektoren: Arbeit an und mit Menschen ist wertvoll !
  • Flächendeckendes betriebliches Gesundheitsmanagement zur Gesunderhaltung
  • Konzepte zum Umgang mit älteren Mitarbeitern in der Pflege
  • Verbindliche Strukturen auf Länder- und Bundesebene zur Einbindung

der Profession Pflege in Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse

Und wir sind mit diesen Forderungen nicht allein !

Machen wir diese Gesellschaft zu unserem Verbündeten ! Jeden Einzelnen !

Pflege geht uns alle an !

Ich fordere die Wähler in Deutschland auf, sich im Wahlkampf die Frage zu stellen, welche Partei sich für das Leben im Alter und bei der Gesundheitsversorgung durch pflegerische Kompetenz stark macht.

Es muss für jeden Bürger inakzeptabel sein, wenn dieses wichtige Thema nicht mit hoher Priorität auf der Agenda der nächsten Bundesregierung steht.

Und dann machen wir die Abgabe unserer Stimme davon abhängig, welche Partei sich mit welchen Inhalten qualifiziert und verlässlich diesen Zielen verschreibt !

Das ZQP – Zentrum für Qualität in der Pflege hat 2000 Menschen befragt:

Ergebnis: Für 43% der Bürger ist das Thema Pflege sehr wichtig bei ihrer Wahlentscheidung. 71% halten die Arbeitsbedingungen in der Pflege für am dringendsten verbesserungsbedürftig.

Wir haben als Deutscher Pflegerat vor dem Deutschen Pflegetag durch das Meinungsforschungsinstitut psyma erstmalig kurzfristig eine Befragung von Berufsangehörigen verknüpft mit der Sonntagsfrage durchgeführt:

Ergebnis:Sie beschreiben u.a. „Pflegende stehen vor dem Kollaps durch zu wenig Personal, zu hohe Belastung, schlechte Bezahlung, sie beklagen, dass alle politischen Themen bedeutsamer erscheinen als das Thema der Pflegenden selber, selbst die Diskussion um die Maut in Deutschland scheine mehr Raum zu bekommen und sie bekräftigen genau hinschauen zu wollen, welche Parteien seriöse Aussagen zur Arbeit der Pflegenden tätigen, die Mehrheit der Befragten sieht im Übrigen die Selbstverwaltung der Pflege als einzigen Lösungsweg zur Sonntagsfrage gibt es sicherlich noch ein undifferenziertes Bild – sicher wohl auch weil Aussagen zur Pflege noch kaum zu finden sind …

Im Übrigen auch ein positives Ergebnis im Rahmen der Sonntagsfrage für mich persönlich, ich bin froh, dass die Pflegenden bei aller Kritik im Rahmen der Sonntagsfrage eines klar machen:

Rechtspopulismaus und Fremdenfeindlichkeit haben in unserer Profession kein Chance !

Wir werden im Übrigen mit der Datenerhebung fortfahren – wir müssen unsere Anliegen mit Zahlen, Daten und Fakten weiter und kontinuierlich untermauern.

Denn wir benötigen in Deutschland nicht nur regelmäßige Veröffentlichungen eines Geschäftsklimaindex für die Wirtschaft,

Wir werden durch Befragungen aller Akteure einen regelmäßigen „Care Klima Index“ initiieren und veröffentlichen !

Zum Schluss meiner Rede möchte ich in diesem Jahr mit einigen persönlichen Worten enden – ich nehme es mir heraus, weil, es ist meine letzte Rede auf dem Deutschen Pflegetag als Präsident des Deutschen Pflegerates.

8 Jahre Präsidentschaft über 2 Legislaturperioden enden am 15. September 2017 mit der Neuwahl eines Präsidiums und damit auch einer Präsidentin oder eines Präsidenten, satzungsgemäß ist eine weitere Amtsperiode nicht möglich !

Und das ist gut so !

Auch ein Deutscher Pflegerat kann frischen Wind vertragen !

Es war für mich eine sehr intensive Zeit, die mir vieles abverlangt – vor allem aber auch meiner Familie – aber auch sehr viel gegeben hat. Es hat mir sehr viel gegeben mich für diese Berufsgruppe einzusetzen – ob mit Erfolg überlasse ich Ihrer Beurteilung. Aber es war auch nicht einfach nur mein Werk, sondern auch das vieler Kolleginnen im Rat und insbesondere meiner Kolleginnen im Präsidium, besonders auch meiner Vizepräsidenten.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass meine sehr verlässliche und geschätzte Vizepräsidentin Frau Ricarda Klein während meiner ersten Amtsperiode verstorben ist.

Mein Dank gilt auch meiner Vizepräsidentin Andrea Lemke und meinem Vizepräsidenten Franz Wagner, mit dem ich im Übrigen während der gesamten Vereinszeit des DPR zuverlässig und vertrauensvoll zusammen gearbeitet habe.

Ich hätte vieles zu erzählen – über tolle Erlebnisse, Gespräche, Vorträge in den unterschiedlichsten Teilen Deutschlands, in die ich möglicherweise sonst nie gekommen wäre, über viele persönliche Begegnungen und neue Freundschaften, über die Herausforderungen einer Außen- und Innenpolitik in unserer Berufsgruppe, über Ziele, die vor uns liegen und manches Mal greifbar aber nicht erreichbar scheinen, über begeistere engagierte Kolleginnen und die anderen die manches Mal nur so mühselig zu mobilisieren sind, über Interesse und Desinteresse von Kolleginnen, über Informiertheit und unglaubliche Ahnungslosigkeit, über Verantwortung und Verantwortungslosigkeit unserer Profession gegenüber, über Erfolge und Misserfolge, über Neid und über Zuspruch, über Attacken und über persönlichen Zuspruch nach dem Motto „weiter so“, über Freude und Traurigkeit, über Hoffnung und Fassungslosigkeit, über „notwendige“ Geduld mit mir und über meine Geduldlosigkeit – ja und über das Reisen und Leben in Hotels als solches …

Aber darüber schreibe ich vielleicht mal etwas – wenn ich Zeit und Geduld habe – also wahrscheinlich nicht.

Es ist auch nicht so wichtig, denn es hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Ich habe immer von der Berufsgruppe gefordert, Selbstbewusstsein zu entwickeln, heute erlebe ich –  wir haben Selbstbewusstsein. Dann lasst uns aber auch konsequent so auftreten. 

Der Deutsche Pflegetag, wir Deutscher Pflegerat in Kooperation mit unseren Partnern haben uns Ziele gesetzt …

Sie, die gekommen sind sich über 3 Tage den Herausforderungen Pflege zu stellen und zu diskutieren …

Wir sind auf der Suche nach weiteren Partnern innerhalb dieser Gesellschaft, in der wir alle gemeinsam leben und in der wir gegenseitig auf uns angewiesen sind …

Mit zunehmender positiver Resonanz – und darauf bin ich stolz, weil es gilt weiter der Satz:

Pflege geht uns alle an

★ Euch und Sie !

★ Jung und alt !

★ Reich und arm !

★Häufig unvermutet und plötzlich !

Wir – unsere diese Gesellschaft aber eben auch jeder Einzelne von uns – werden uns daran messen lassen müssen, wie wir diese Situation meistern

Und es gilt der Satz einfach nicht, den ich auch manchmal in der Pflegeberufspolitik höre: „… Was kann ich als Einzelner schon tun …?“

Nein, man und Frau kann !!!

Ich wünsche mir für uns Ihre sichtbare und spürbare Unterstützung:

  • Solidarisch und mit Kraft jedes Einzelnen aus der Berufsgruppe und den Pflegeverbänden

Dann werden wir weiterhin Erfolg haben.

Und über den werden wir dann wie gewohnt im März 2018 auf dem 5. Deutschen Pflegetag diskutieren –

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit !

 

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