Das Stigma psychischer Erkrankung

Seelisch erkrankten Menschen ist es nicht fremd, dass Menschen mit den Fingern auf sie zeigen. Sie wissen auch darum, dass Menschen in ihrer persönlichen Umgebung immer mal hinter vorgehaltener Hand über sie reden. Die Folge ist eine Verunsicherung im Alltag, die es nicht einfacher macht, mit dem eigenen psychischen Durcheinander zurechtzukommen. Mit dem Buch „Das Stigma psychischer Erkrankung“ hat der Psychiater Nicolas Rüsch ein Werk vorgelegt, das den wissenschaftlichen Stand zum Thema, aber auch die gesellschaftlichen Diskussionen in den Blick nimmt. Rüsch erreicht es, dass das Stigma mit einem kräftigen Ruck an Aktualität gewinnt. Irgendwie ist die Stigmatisierung seelisch erkrankter Menschen immer aktuell. Doch geht die Brisanz durch den Alltag auch häufig verloren.

Es lässt aufhorchen, dass er psychiatrische Diagnosen als „Reizthema“ charakterisiert. Psychiatrische Klassifikationssysteme lieferten zwar Hunderte Diagnosen, „definieren aber nicht, was eine psychische Erkrankung überhaupt ist“ (S. 11). Rüsch fragt, ob die Definitionsprobleme bedeuteten, dass psychischer Erkrankungen ein Hirngespinst seien. Eine zumindest partielle Antwort bleibt Rüsch, der auch als Stigma-Forscher arbeitet, nicht schuldig. Im Buch würden psychiatrische Diagnosen zumindest als Sprachregelungen betrachtet. Dieser allgemeinen Beschreibung fügt Rüsch noch eine Bemerkung zum subjektiven Charakter seelischer Erkrankungen hinzu. Wahnsinn sei eine Grunderfahrung des Menschen.

Dies haben Betroffene natürlich nicht verinnerlicht, wenn die Geheimhaltung einer stigmatisierten Identität von Bedeutung ist. Rüsch unterstreicht: „Wenn sie es geheim halten, müssen sie sich je nach Situation immer mit dem Risiko beschäftigen, dass andere es herausfinden. Das ist eine Belastung und führt dazu, dass sie parallel zu anderen Aufgaben auch immer daran denken müssen, wie sie wirken, was sie von sich sagen, was andere bemerken könnten“ (S. 77). Rüsch bringt positive Kontakte als Antistigma-Strategie. Unter anderem bringt er in den Diskurs ein, dass es im Rahmen von Freundschaften hilfreich sein kann, „wenn Menschen von sich erzählen“ (S. 243). Dies mache sie als Individuen erkennbarer und erschwere pauschale Urteile aufgrund einer Gruppenzugehörigkeit.

So schwierig die Kernfragen des Rüsch-Buchs sind, so erfrischend ist die Lektüre. Als psychiatrischer Praktiker gibt es viele Anregungen, um die eigene Haltung zu den Betroffenen zu reflektieren. Im Zusammenhang mit der Antwort auf die Frage, was Stigma überhaupt ist, blickt Rüsch auf viele Kategorisierungen und Stereotype. Er stellt dar, welche Folgen Stigmatisierung hat. Ein Stigma nennt Rüsch einen „Stressor“ (S. 72) für die Betroffenen. Und es komme dazu, dass das Stigma „als Bedrohung der Integrität der eigenen Person“ (S. 72) wahrgenommen wird. Rüsch schaut auch darauf, wie sich Menschen mit ganz unterschiedlichen Störungsbildern ein Stigma erleben. Genauso thematisiert er das Stigma in verschiedenen Gesellschaftsbereichen – in der Arbeitswelt, im Gesundheitssystem, in den Medien.

Die Überzeugungskraft seines Buchs steigert sich, als er mit Martina Helandt-Graef und Janine Berg-Peer eine Betroffene und eine Angehörige zu Wort kommen lässt. Helandt-Graef bietet an: „Wir haben immer die Möglichkeit, miteinander zu reden“ (S.156). Berg-Peer bedauert, dass auch Angehörige oft stigmatisiert werden. Sie berichtet von Dynamiken zwischen Betroffenen und Angehörigen, die in den Satz münden: „Wer Angehörige hat, braucht keine Feinde“ (S. 161). Auch sie bietet Gespräche an, um öffentlich von Erfahrungen zu berichten.

Das Buch „Das Stigma psychischer Erkrankung“ ist ein wichtiger Ruf in einem Diskurs, der gerne in Vergessenheit gerät.

Nicolas Rüsch: Das Stigma psychischer Erkrankung – Strategien gegen Ausgrenzung und Diskriminierung, Verlag Urban & Fischer, München 2021, ISBN 978-3-437-23520-7, 332 Seiten, 29 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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