Das Pflegevisiten-Buch

Über den Schatten der erprobten Gewohnheiten springen

Wenn Bücher sich in der Praxis bewährt haben, dann erleben sie immer wieder Neuauflagen. Mit dem „Pflegevisiten-Buch“ erlebt der Pflegeexperte Christian Heering inzwischen die vierte Auflage. Für den Pflege-Buch-Markt ist diese Erfahrung eine große Auszeichnung. Pflegende gehören wohl nicht zu den fleißigsten Leserinnen und Lesern von Fachliteratur, wie Verkaufszahlen vieler Verlage zeigen. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit die Pflegevisite als fachliche und qualitätssichernde Intervention in Krankenhäusern und Pflegeheimen zum Alltag gehören.

Das „Pflegevisiten-Buch“ überzeugt mit dem Bemühen, möglichst umfassend den regelmäßigen Besuch beim Patienten und Bewohner sowie das gemeinsame Gespräch über den Pflegeprozess darstellen zu wollen. Dabei gelingt es Heering beispielsweise die Pflegevisite als Dienstübergabe mit dem Patienten vorzustellen. Die traditionelle Form der Dienstübergabe würde von vielen als wenig befriedigend erlebt. Deshalb hätten viele Pflegende „die grundlegende Idee der Pflegevisite, den Pflegeprozess mit dem Patienten durchzusprechen, aufgegriffen, um die Dienstübergabe vom Stationsbüro ins Patientenzimmer zu verlegen“ (S. 47).

Die Beschreibung erscheint leicht zu realisieren. Pflegende in sämtlichen Versorgungsfeldern wissen darum, wie schwierig es für viele Berufskolleginnen und Berufskollegen zu sein scheint, über den Schatten der erprobten Gewohnheiten zu springen. Heering stellt gut strukturierte Grundlegungen zum Phänomen der Pflegevisite vor. Er schreibt über das Pflegeverständnis und die systematische Pflegearbeit mit dem Pflegeprozess, über die Pflegedokumentation und Pflegekonzepte. Indem er dies umsetzt, so wird denjenigen, die Pflegevisiten in der eigenen Einrichtung implementieren wollen, deutlich, wie wichtig die Schulung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Fragen des Pflegeprozesses ist.

Daran schließen sich Berichte über praktische Umsetzungen der Pflegevisiten in den unterschiedlichen Settings an. Es geht um die Umsetzung als Instrument der Qualitätssicherung in der Altenhilfe. Es geht auch um die Pflegevisite in der Geriatrie, in der Onkologie und Chirurgie. Die pflegerisch-medizinische Fachdisziplin, die sich die Beteiligung der Betroffenen besonders auf die Fahnen geschrieben hat, die Psychiatrie, findet leider keine Beachtung.

Dass Eveline Imhof und Elisabeth Burtscher die Pflegevisite als „reflektierte Pflegepraxis“ verstehen, dies unterstreicht die mögliche Bedeutung des Instruments im pflegerischen Alltag. Sie schreiben: „Der Dialog zwischen Theorie und Praxis eröffnet Pflegekräften den Zugang zu verfeinerten Sichtweisen und führt zu kontextualisiertem, bedeutsamem und wirksamem Pflegewissen. Die Reflexion von Erfahrungen führt zu einer Verfeinerung vorgefasster Vorstellungen und Theorien, wodurch bestehende Haltungen und bedeutsame Erkenntnisse erweitert werden“ (S. 269).

Die Pflegevisite steht immer auch in dem Ruf, die medizinisch-ärztliche Visite zu imitieren. Heering betont, dass es sich für Pflegende als Ermächtigungsstrategie eignet. Die medizinische Diagnose und der medizinische Behandlungsprozess sei im naturwissenschaftlichen Paradigma verortet. Am Beispiel der Pflegediagnose und des Pflegeprozesses werde der „diskursive, phänomenologisch-konstruktivistische Ansatz der Pflege deutlich“ (S. 311).

Insofern sind Heerings Pflegevisiten-Buch noch mehr Auflagen zu wünschen. Schließlich sollten Pflegende das vorhandene Handwerkszeug nutzen, um das Miteinander auf Augenhöhe mit anderen Professionen deutlich zu machen als sich einer unberechtigten Hierarchie hinzugeben.

Christian Heering (Hrsg.): Das Pflegevisiten-Buch, Hogrefe-Verlag, Bern 2018, ISBN 978-3-456-85862-3, 347 Seiten, 34.95 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 50 Artikel
psychiatrisch Pflegender, Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag), Fachautor

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