Das muss ich einfach mal loswerden…

Ich darf Ihnen hiermit ein Sammelsurium an Sätzen präsentieren, die ich mir wieder anhören durfte und die ich seit einem Jahr in den sozialen Medien kommentiere. Es geht bei der ganzen Sache nicht darum, Gräben in der Gesellschaft zu generieren, die haben wir bereits und die Medien machen es nicht besser. Die hatten wir aber auch schon in der Flüchtlingskrise, tun wir also bitte nicht so, als ob diese gesellschaftliche Spaltung erst durch Covid19 kam. Ich stelle mich seit einem Jahr den Diskussionen, versuche mit Fakten, Forschungsergebnissen und anderen Wissenschaftlern zu argumentieren. Die meisten hören zu, doch es gibt halt immer wieder diese Gruppe an Menschen, die mit diesen ominösen Sätzen hantieren. Ich habe aufgehört mit diesen Personen zu diskutieren. Dies habe ich das erste Jahr gemacht und es kam immer nur zu wüsten Beschimpfungen. Ab und an muss man Menschen eben aus dem Leben und sozialen (und digitalen) Umfeld streichen, um das eigene Seelenheil zu bewahren.
„Die Menschen haben Angst, dass musst du doch verstehen. Deswegen gehen sie auf die Strasse.“
Ich weiß wie Angst aussieht. Schon mal gesehen, wenn ein Patient panisch um Luft ringt, weil die Lunge nicht genügend Sauerstoff reinholt? Beobachtet wie Menschen schauen, wenn sie in Syrien verwundet in Ruinen liegen? Live miterlebt, wie Personen panisch schreiend laufen, wenn sie in Camps zusammengejagt werden? Ich hab diese Punkte miterleben dürfen, die sehen übrigens alle anders aus als die „panischen Menschen“ die demonstrieren. Ich kann hier gern eine Vergleichsbilderstrasse posten…
„Die Menschen wurden der Menschenrechte beraubt, Freiheit ist ein Grundgesetz. Das musst du als Pflegekraft doch verstehen.“
Rechte enden dort, wo man andere bewusst gefährdet. Keiner kann mehr behaupten, er/sie wurde nicht genügend aufgeklärt. Ja es ist hart seit über einem Jahr den europäischen Luxus nicht mehr zu haben, alles machen zu können, auf hohem Niveau zu jammern und zu glauben, man hat die Menschenrechte verloren, weil man Einschränkungen im Alltag hat. Ich würde hierzu eine Reise nach Myanmar, Nordkorea, Aserbaidschan oder einer anderen Diktatur empfehlen, um den Hauch von „Menschenrechteraub“ spürbar mitzuerleben. Ach ja, kann ich auch live davon berichten….
„Du als Pflegekraft solltest mehr Verständnis für die Bedürfnisse der Menschen haben…“
Ja hab ich. Ich verstehe sogar die AlkoholikerInnen und Drogensüchtigen, die jeden Samstag in die Notaufnahme eingeliefert werden, denn da ist meist eine große traurige Geschichte dahinter. Ich verstehe die Menschen, die alt und einsam in den Heimen sitzen und die Pflegepersonen als einzigen Ansprechpartner haben. Die gab es übrigens auch schon vor Corona, denn viele wurden von deren Familien in den Heimen „abgelegt“. (Bevor wieder ein Eklat entsteht. Ich spreche nicht von den Menschen, die ins Pflegeheim gebracht wurden, weil eine Versorgung zu Hause nicht mehr möglich war.) Leider sind keine „Führungen“ auf Intensivstationen oder Flüchtlingscamps möglich, denn da könnte man direkt Fragen: Und was ist mit deren Bedürfnissen?
„Wir alle müssen einmal sterben.“
Ja müssen wir. Schon mal erlebt? Schon mal daneben gestanden, wenn Leute verfrüht im Sterben liegen oder es einem Angehörigen ins Gesicht gesagt? Viele sind Mütter, Väter, Omas, Opas, Kinder und es trifft nicht nur den Sterbenden. Jemanden durch Unvorsichtigkeit anzustecken, der vielleicht dann doch ein anderes Ende als „symptomlos“ erlebt und dann diesen Spruch loszulassen, ist so als ob ich mit 100 in eine 30er Zone fahre, jemanden am Zebrastreifen überfahre und dann dem Polizisten sage „Aber Herr Inspektor, jeder muss mal sterben“.
Wie wärs mal mit sozialer Verantwortung. Wem übrigens gerade zu wenig Leute in Europa sterben, kann gerne eine Reise nach Brasilien oder Indien antreten. Das kann ganz schnell auch bei uns so aussehen. Spannender Weise erzählen mir das auch Leute die „Refugees welcome“ auf ihren Profilen haben und täglich „Wir müssen Sie retten, sie haben ein Recht zu leben“ posten. Jetzt bitte einmal ganz kurz über die Sätze „Wir alle müssen sterben“ und „Wir müssen Flüchtende retten, sie alle haben ein Recht zu leben“ im gemeinsamen Kontext nachdenken.
„Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben“.
Ja richtig, aber wir sprechen hier nicht von Furcht, sondern von Maßnahmen zur Eindämmung bis es eine Lösung gibt. Wenn jeder die Maske (sinnvoll) einsetzt, Abstand hält, hygienisch agiert und in Räumen besonders vorsichtig ist, muss sich niemand fürchten. Sobald aber nur 2 aus der Reihe tanzen, ist es eine Gefahr für alle. Heimlich Party feiern und sich nach dem 5ten Bier besoffen umarmen gehört übrigens nicht dazu.
„Wir sitzen schon seit über einem Jahr eingesperrt zu Hause.“
Nein wir wurden zur Vorsicht aufgerufen und müssen uns in den Kontakten einschränken. Wer glaubt eingesperrt zu sein, dem kann ich wieder eine Reise in ein Flüchtlingscamp oder einer Diktatur empfehlen. Wahlweise kann er auch einen Aufenthalt in einem Gefängnis buchen. Die sitzen dort übrigens alle schon seit Jahren, in Diktaturen seit Jahrzehnten.
„Über 99% der Menschen haben nichts und werden wegen dieser 1% Erkrankten in ihrem Leben eingeschränkt.“
Erstens wissen wir das gar nicht. Viele Länder geben keine Zahlen bekannt, einige testen auch gar nicht. Turkmenistan (6 Millionen Einwohner) hat zum Beispiel das Wort „Coronavirus“ per Gesetz 2020 verboten, Diktaturen behaupten kein Covidproblem zu haben, will man denen wirklich trauen? Zweitens nützt das einem nichts, wenn man selbst oder ein Familienteil zu den Erkrankten gehört. Wie schnell sowas in die falsche Richtung laufen kann, sehen wir in Brasilien und Indien. Hinzu kommt hier noch die Long Covid Thematik. Viele Menschen haben auch nach eine leichten Infektion die Chance, ein solche Folgeerkrankung zu haben. Diese macht sie monatelang handlungsunfähig. Long Covid ist übrigens nur eine Begleiterscheinung (Ich habe vor einiger Zeit eine Studie präsentiert, in der die Nebenerscheinungen katalogisiert sind). Da gibt es noch schlimmere Optionen.
„Das ist doch alles politisch inszeniert…“
Ich habe hierzu zwar schon einmal mein Kommentar geschrieben, kann es aber gerne ein zweites Mal tun. Das es von einer einzigen Regierung politisch inszeniert ist, können wir ausschließen, da es in vielen Ländern passiert. Nun gäbe es die Hypothese, dass sich die Länder zusammengetan haben, um einen großen „Reset“ zu generieren. Den Reset von was? Diese Regierungen schaffen es nicht einmal eine Einigkeit in der EU zu generieren und dann von heute auf morgen, ist eine weltweite Einigung für einen Reset da? Wir haben es zwischen Österreich und Deutschland nicht einmal geschafft, über das Wort „Konfitüre“ und „Marmelade“ einen Nenner zu finden, haben keinen Europanenner zum Flüchtlingsthema, aber beim Covid Thema sind sie sich alle einig und linke, mitte und rechte Parteien ziehen an einem Strang. DAS wär mal ein Science Fiction Film wert!
„Pflegepersonen und Ärzte werden gezwungen, zu behaupten, die Stationen sind voll…“
Natürlich und wir haben auch nichts Besseres zu tun. Wir verkleiden uns auch, wenn das Fernsehen auf die Station kommt und intubieren uns selbst, damit genügend Leute in den Betten liegen. Solche Rollen überlassen wir eigentlich lieber den Schauspielern, vor allem denjenigen die lustige Videos drehen.
„Angehörige von Verstorbenen werden angerufen und gebeten, dass sie ihre Toten als Covidtote deklarieren lassen. Dafür bekommen sie 500 Euro.“
Dieses Thema hat Mimikama.at schon oft genug behandelt. Es kommt immer wieder zu solchen Behauptungen, nur keiner hat bisher eine solche Behauptung mit einem Überweisungsbeleg nachgewiesen. Wozu sollte das auch gut sein? Das wir durch die Coronatotenzahl unserer Wirtschaft, den Kindern, labilen Menschen und Einsamen noch mehr Schaden zufügen, nochmal für wofür? (hier kommt dann meistens das politische Argument).
„Masken töten uns…“
Ich habe Jahre im OP gearbeitet und hier in jedem 12 Stunden Dienst nahezu durchgehend meine Maske oben gehabt. Wir hätten kaum mehr ÄrztInnen und Pflegepersonen in diversen Bereichen, wenn dies so stimmen würde. Beansprucht es mehr den Körper, wenn man es nicht gewohnt ist: JA, es gibt Leute die es psychisch nicht aushalten: JA, es tötet uns: NEIN. Hierzu ist zu erwähnen das FFP2 Masken, mehr Pausenzeit in der Arbeit brauchen, als OP Masken. Hierzu gibt es aber eine entsprechende Empfehlung.
(Wenn ich einen Artikel, ein Video oder einen TV Auftritt entsprechend kommentiere, weil er wissenschaftlich nicht korrekt ist oder die Situation im Gesundheitswesen falsch darstellt):
„Diktatur. Sie wollen den Leuten den Mund verbieten und die Meinungsfreiheit nehmen.“
Nein, will ich nicht, aber zufälligerweise habe ich eben auch eine Meinung und mache von meinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch. Wenn man also nicht meiner Meinung ist, kann man wertschätzend darunterschreiben:“ Ich sehe das anders.“ Oder meine Chronik und mich einfach in Ruhe lassen. Es zwingt ja niemanden bei mir mitzulesen. Trotzdem fühlen sich so manche Menschen genötigt, Unsinniges oder Nicht-wertschätzendes zu posten. Über das Verhalten der Menschen auf fremden Chroniken habe ich ja bereits ein eigenes Kommentar verfasst (https://www.facebook.com/photo?fbid=2194928757311155&set=a.248345295302854).
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SCHLUSSWORT
Leider ist die Liste noch ewig lang, nur glaube ich hierzu genug gesagt zu haben. Mir geht die Pandemie auch auf die Nerven. Ich sehe meine Auszubildenden primär nur noch online, muss in meinen Pflegeeinsätzen teilweise wie ein Marsianer herumlaufen und kann nicht shoppen gehen und meinen Kaffee im Kaffeehaus genießen. Als DJ lege ich mittlerweile nur noch in meinem Keller auf und Tanzen kann ich nur im Wohnzimmer. Kein Barkeeper der mir liebevoll meinen Whisky in die Hand drückt, keine laute Musik und tanzende Menschen. Die Situation belastet mich genauso, wie viele andere. Es ist eben eine sch…. Situation, in der stecken wir aber alle. Es gilt Lösungen zu finden, die vor allem wissenschaftlich begleitet werden. Alles andere ist entweder ein ewiges Lockdown ein/Lockdown aus oder irgendwann eine radikale Ausdünnung der Bevölkerung, weil zig Mutationen uns wegradiert haben. Auch wenn es schmerzhaft ist, wir müssen besonnen agieren und uns alle ein wenig zurücknehmen, sonst wird das nichts.
Nochmal: Es gibt genügend Maßnahmen, die ich kritisch sehe. Ich sehe genügend Probleme, die wir durch den Schutz diskutieren müssen (Depressionen, Armut, Bildungsstop, Druck auf den Müttern). Solange aber nur 1 Person herumläuft, der angesteckt und ohne Symptome ohne Maske quer durch die Menge läuft, solange es keine Therapie oder Herdenimmunität gibt (die anhaltend ist), gibt es keine andere Wahl und Verpflichtung, als uns als Gesellschaft zurück zu nehmen.
Und was wäre vor allem die Alternative?
Solidarität um andere zu schützen ist keine Einbahnstraße!

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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