Das Gezeiten-Modell

„Einladung, das Miteinander mit den Betroffenen grundlegend zu verändern“

Es erscheint leicht, den einen oder anderen Impuls in die pflegerische Praxis einzubringen. Die Glaubwürdigkeit der Impulse lässt sich jedoch nur im Alltag überprüfen. Das Gezeiten-Modell, das die wechselseitige Haltung von seelisch erkrankten Menschen und ihren Begleiter_innen zueinander als zentral ansieht, hat sich im deutschsprachigen Raum an vielen Orten bewährt. In der stationären und ambulanten psychiatrischen Versorgung setzen es pflegerische Praktiker_innen als Assessment-Instrument um.

Sieben Jahre nach dem ersten Erscheinen des Buchs „Das Gezeiten-Modell“ kommt nun die zweite Auflage des erfolgreichen Werks auf den Markt. Die deutschsprachigen Herausgeber Christian Burr, Michael Schulz und Gianfranco Zuaboni haben nun drei Praktiker_innen ermuntert, das Gezeiten-Modell nach Erfahrungen in der psychiatrischen Versorgung auf Herz und Nieren zu prüfen. Sabine Brüchmann, Michael Theune und Johannes Kirchhoff ergänzen nun mit ihren Erfahrungsberichten aus der Gerontopsychiatrie, aus der ambulanten psychiatrischen Pflege und aus der Allgemeinpsychiatrie das Buch.

Was die drei vor allem geschafft haben: Sie hauchen dem Buch Leben ein. Während die Lektüre der ersten Auflage in dem Bewusstsein vollzogen wird, dass es sicherlich schön wäre, das Gezeiten-Modell in die Tat umzusetzen, so liefert die zweite Auflage ein anderes Bild ab. Das Gezeiten-Modell ist auf seine Weise ernst zu nehmen, wartet geradezu auf die praktische Umsetzung. Denn, so zeigen die reflektierten Aufsätze, das Gezeiten-Modell ändert die Grundhaltung, mit der psychiatrisch Pflegende hilfebedürftigen Menschen begegnen. Wenn oft von Augenhöhe und Respekt die Rede ist, so wird beim Gezeiten-Modell deutlich, wie dies möglich ist.

Sabine Brüchmann, die als Krankenschwester in einer großen Münchner Klinik arbeitet, unterstreicht unter anderem, dass es ein erklärtes Pflegeziel sein müssen, „das Wohlbefinden, in all seinen Möglichkeiten und Definitionen, zu ermöglichen“ (S. 239). Es sei eine pflegerische Verantwortung, „Patienten unabhängig ihres Alters dahingehend zu unterstützen, ihre Selbstwirksamkeit wahrzunehmen“ (S. 239). Überhaupt sieht Brüchmann die psychiatrisch Pflegenden in der Pflicht: „Pflegefachpersonen müssen das Fachwissen, den Mut und die zeitlichen sowie die personellen Rahmenbedingungen haben, um die Pflegemodelle individuell nach den Bedürfnissen der Patienten einzusetzen und diese gegebenenfalls, je nach Erfordernis der Patienten, miteinander zu verknüpfen“ (S. 243).

Mit Erfahrungen in der ambulanten psychiatrischen Pflege als Fundament ermuntert Michael Theune, Recovery als eine Grundhaltung zu leben, „die einen Selbstverstehens-und Entwicklungsprozess der eigenen Person voraussetzt, bevor er anderen Menschen angetragen wird“ (S. 229). Nicht nur an dieser Stelle macht Theune deutlich, dass sich in der psychiatrischen Versorgung Menschen begegnen – keine Kunden und Dienstleister. So ist auch seine Kritik zu verstehen, dass er die Übersetzungsarbeit am Gezeiten-Modell kritisiert. Theune unterstreicht, dass Barker in seinen Originaltexten niemals den Patienten-Begriff nutzt.

Großen Wert legt Johannes Kirchhoff auf das Assessment-Instrument Gezeiten-Modell. In diesem Zusammenhang betont er, dass der narrative Charakter des Modells die Möglichkeit gebe, die eigene Situation zu reflektieren und sich seiner eigenen Geschichte zu vergegenwärtigen.

Kurzum: Die zweite Auflage des Buchs „Das Gezeiten-Modell“ lohnt sich. Es bestärkt die Gutwilligen in der psychiatrischen Versorgung, die Barkerschen Ideen in die Tat umzusetzen. Somit zeigt es sich als Einladung, das Miteinander mit den Betroffenen grundlegend zu verändern.

Phil Barker / Poppy Buchanan-Barker: Das Gezeiten-Modell – Der Kompass für eine recovery-orientierte psychiatrische Pflege (2. Auflage), Hogrefe Verlag, Bern 2020, ISBN 978-3-456-86034-3, 292 Seiten, 36.95 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 208 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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