Das CC-Konzept

„Störungsbewusstsein statt Krankheitseinsicht“

Irgendwie machen die Psychotherapeutin Ann-Kathrin Scholz und der Gartentherapeut Andreas Niepel mit dem CC-Konzept das Unmögliche möglich. Denn Menschen mit Gedächtnisverlusten und kognitiven Beeinträchtigungen bieten sie mit ihrem CC-Konzept eine positive Basistherapie, „die die Gesundheit fördert, positive Emotionen und Wohlbefinden bereitet, Natur erleben lässt“.

Dabei gelingt es Scholz und Niepel, ein vertieftes Verständnis neurokognitiver Störungen zu formulieren. Während in der Versorgungspraxis oft eher flüchtig von hirnorganischen Störungen gesprochen wird, so bietet das CC-Konzept mehr Möglichkeiten. Die Autor_innen kritisieren, dass oft suggeriert werde, es gebe ein einheitliches psychopathologisches Systemcluster. Dies sei jedoch theoretisch wie empirisch nicht haltbar. Sie bedauern, dass die Rehabilitation zu sehr auf die Faktoren der Selbstversorgung und Mobilität ausgerichtet seien.

Scholz und Niepel schlagen vor, die engen Grenzen mancher Klassifikationen zu erweitern. Das CC-Konzept führe an die Schnittstelle von Psychiatrie und Neuropsychologie. Mit dem CC-Konzept unterscheiden die beiden Praktiker_innen zwischen den Begriffen der Krankheitseinsicht und des Störungsbewusstseins. Der Betroffene verstehe die Erkrankung als „Störung relevanter Funktionen“ (S. 50).

Diesen Perspektivenwechsel als revolutionär zu bezeichnen, dies würde wahrscheinlich zu weit gehen. Doch scheinen Niepel und Scholz den Menschen an sich mit der Entwicklung zunehmend in den Fokus zu rücken. Wenn es im Krankenzimmer darum geht, eine individuelle Lösung für den Genesungsweg zu finden, dann fällt es natürlich schwerer, von „der Demenz“ oder „der Hirnblutung“ zu sprechen.

Einmal mehr irritiert es, dass Nicht-Mediziner das konkrete Vorhaben umsetzen, mit einem neuen Verständnis und möglicherweise einer neuen Haltung den Menschen zu begegnen, die neurokognitive Störungen haben. Mit einem Störungsbild dieser Art liegt es nahe, den Blick nur auf die Defizite der Betroffenen zu richten und mühevoll an deren Überwindung zu arbeiten. Niepel und Scholz gehen grundsätzlich von den Möglichkeiten und den Ressourcen der Menschen mit neurokognitiven Störungen aus.

Was sind denn dann Ziele der CC-Therapie? Niepel und Scholz legen Wert darauf, dass Betroffene Alltag sowie die Förderung der Selbstwahrnehmung erleben. Sie wollen das Gefühl von Kontrolle, Orientierung und Teilhabe vermitteln sowie die Möglichkeit geben, schöpferisch tätig zu sein. Da wundert es nicht, dass sie die Motivation der Betroffenen und die Selbstwirksamkeit im Bick haben.

Contentment und Consistence sind beispielhaft Begriffe, die für das CC stehen. Es geht den Autor_innen auch um Change und Curative. In dieser Grundhaltung verstehen Scholz und Niepel das CC-Konzept auch als Anbahnung weiterer therapeutischer Aktivitäten. Sie sehen sich als Praktiker_innen im Netzwerk der unterschiedlichen Unterstützungsanbieter für Menschen mit neurokognitiven Störungen.

Es ist kaum anders zu erwarten, dass der Gartentherapeut Niepel sein ureigenes Handwerk in die Entwicklung des Konzeptes einbringt. Ein Garten sorge für „emotional bedeutsame Momente“ (S. 136). Gärten seien „keinesfalls ein Substitut für fehlende reale Naturräume, sondern so etwas wie eine auf den Menschen bezogene Natur“ (S. 136). Natur ist in Niepels Denken und Fühlen alles andere als ein „Gegenüber“.

Das CC-Konzept hat unglaublich viele praktische Momente, die es in der Arbeit mit betroffenen Menschen zu erleben gilt. Solche Momente stellen Scholz und Niepel auch vor. Das wirklich Wichtige ist, dass sie eine Einladung aussprechen, an der eigenen Haltung zu arbeiten. Diese Einladung gilt es unbedingt anzunehmen.

 

9783456859002 cop scholz 1Ann-Kathrin Scholz & Andreas Niepel: Das CC-Konzept – Integratives Therapiekonzept für Menschen mit Gedächtnisverlust und neurokognitiven Störungen, Hogrefe-Verlag, Bern 2019, ISBN 978-3-456-85900-2, 325 Seiten, 39.95 Euro.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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