Das Buchser Pflegeinventar für häusliche Krisensituationen (BLiCK)

8. Januar 2021 | Rezensionen | 0 Kommentare

Eine besondere Aufgabe ist für Pflegende, ganz egal in welchem Setting sie arbeiten, die Bewältigung von Krisensituationen. Riskante Momente führen viele Pflegende in Unsicherheiten und Überforderungen. Umso wichtiger ist das „Buchser Pflegeinventar für häusliche Krisensituationen“, das der Pflegewissenschaftler André Fringer und engagierte Mitstreiter_innen aus der ambulanten Pflege im Schweizer Kanton Aargau entwickelt haben. Ihnen ging es in dem Forschungs-und Praxisprojekt darum, „einen Werkzeugkasten in Form eines Inventars für ambulante Pflegedienste zu entwickeln“ (S. 20). Kern dieses Vorhabens ist es gewesen, konkrete Interventionen und Handlungsempfehlungen zu beschreiben, die vor allem professionell Pflegenden in der Häuslichkeit der zu versorgenden Menschen zur Verfügung stehen.

Die Krisen, die die pflegerischen Praktiker_innen in der ambulanten Versorgung erlebt haben, sind unterschiedlicher Natur gewesen. Einerseits sind sie mit Notfallsituationen konfrontiert, die als physische oder psychische Krisen bezeichnet werden können. Andererseits sind es Krisen, die Pflegende als maximale Zuspitzung einer Situation über einen längeren Zeitraum erfahren haben. Diese Differenziertheit zieht sich durch die gesamte Studie, die ja auch spezifische Unterstützung für die pflegerischen Praktiker_innen bietet. Viele theoretische Fundierung können pflegerische Praktiker_innen in die Praxis übertragen, an das eigene Versorgungssetting anpassen. Dabei neigt man dazu, das Buchser Pflegeinventar lediglich auf die ambulante Versorgung hin zu denken. Doch zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass viele Erkenntnisse gleichfalls nützlich für die stationäre Arbeit sind.

In akuten Krisensituationen sei es wichtig, ruhig zu bleiben, unterstreichen Fringer und seine Mitstreiter_innen. Pflegende sollten versuchen, „die unterstützte Person nicht zu verunsichern, indem sie die eigenen Gefühle kontrollieren“ (S. 29). Das Buchser Pflegeinventar hat das Potential, den pflegerischen Praktiker_innen alltagsnahe Orientierung zu geben. Schließlich schöpfen die Forschenden wie Pflegenden aus dem Alltag in der Spitex.

Schaut man auf die Krisenmomente, die beschrieben werden, so überrascht sicher die Alltäglichkeit der Phänomene. Dies verdeutlicht, dass sich im Kleinen die eigentlichen Probleme eines Menschen zeigen. Die Terminal-und Finalphase unterstützter Menschen wird thematisiert. Einsamkeit und soziale Isolation sind Krisenmomente, die in Zeiten der Corona-Pandemie wahrscheinlich besonders drastisch auftreten. Und gut ist es, dass die „Grenzen pflegender Angehöriger“ unter die Lupe genommen werden.

Es ist nicht bloß die Ausführlichkeit und Tiefgründigkeit der Beschäftigung mit der einen oder anderen Krise. Der Idee eines Werkzeugkasten kommt das Buchser Pflegeinventar sehr, sehr nahe, weil unter anderem mit übersichtlichen Handlungsempfehlungen gearbeitet wird. Der Aufbau jeden Kapitels zeigt sich identisch, egal ob es um das Auffinden einer Person in einer Krisensituation oder die Beziehungsgestaltung im häuslichen Setting geht. Und zum Abschluss kommt es stets zu den Unterpunkten „Die Krise managen“ und „Die Krise reflektieren“.

Es sind vor allem die pflegerischen Praktiker_innen in der ambulanten Pflege (aber nicht nur die), die von der Beschäftigung mit dem Buchser Pflegeinventar profitieren können. Es eignet sich, um in riskanten Momenten die Souveränität zu behalten und die schwierigen Aufgaben zu meistern.

André Fringer (Hrsg.): Das Buchser Pflegeinventar für häusliche Krisensituationen (BLiCK) – Analysen, Werkzeuge und Empfehlungen zur Krisenintervention, Hogrefe-Verlag, Bern 2019, ISBN 978-3-456-85856-2, 236 Seiten, 34.95 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at