„Das Alter enttabuisieren und normalisieren“

Eugen Prehsler über sein Gast-Sein in Alten-Wohnhäusern

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(C) Schedl

Das Leben in einem Pflegeheim wird eigentlich nur in grauen Farben beschrieben. Das Leiden und der Tod, die Einsamkeit und die Tristesse scheinen dort vorzuherrschen. Mit dem Buch „Das Lächeln des Alters“ ist die Zeit gekommen, die eigenen Schubladen zu entrümpeln. Denn der Autor Eugen Prehsler schreibt ganz andere Geschichten vom Leben in der stationären Langzeitpflege. Er hat Christoph Müller Rede und Antwort gestanden.

Christoph Müller Lieber Herr Prehsler, Sie haben sich in die faszinierende Welt der Alten einladen lassen. Für das Buch „Das Lächeln des Alters“ sind Sie unter anderem in die Rolle eines Pflegebedürftigen geschlüpft und haben den Alltag in einem Pflegeheim hautnah miterlebt. Was macht die Faszination aus?

Eugen Prehsler Faszination ist wohl das falsche Wort. Ich war ja nicht im Zoo und hab Exoten angeschaut. Auch bin ich nicht in die Rolle eines Pflegebedürftigen gerutscht, sondern in ein Wohnhaus für Pensionisten für 24 Stunden eingezogen. Und ich habe beobachtet und mit den Menschen geredet. Woher mein Interesse? Hier passt das Wort „Interesse“ wunderbar: Ich war schon längere Zeit zwischen „die alten ekligen verbitterten Leut – möglichst große Distanz“ und „du kannst doch nicht einfach die Alten in die Gammelschublade stecken“. Ich wollte mich selbst überwinden und diese für mich unbekannte Welt entdecken, meine eigenen Vorurteile und Abneigungen, meinen „Altersrassismus“ überwinden. Das Thema „Alter“ für mich selbst enttabuisieren und auch normalisieren. Für mich ist es gelungen.

Christoph Müller Dem dänisch-amerikanischen Humoristen Victor Borge wird der Aphorismus zugeschrieben, nach dem ein Lächeln die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen ist. Was macht das Lächeln alter Menschen aus? Gibt es Unterscheidungen?

Eugen Prehsler Das Lächeln alter Menschen ist fantastisch vielseitig. Vom „Dankbar“-Lächeln, dass grad halt nicht allzu arg zwickt bis zu diesem wunderbar magischen Lächeln, das nur Menschen haben, die das Leben „geschafft“ haben. Wenn so ein Lächeln die Zusammenfassung eines ganzen glücklichen, zufriedenen Lebens ist … wow! Ich habe es oft erleben dürfen. Diese strahlenden Augen, die wirklich forever young bleiben, auch wenn das Gesicht schon der schönste Faltenwurf zeichnet. Die Alten, die dieses Lächeln haben, reden auch wunderbar. Mit einem jugendlichen Timbre in der Stimme. Und jedes Wort ist eine Ode an das Wunder Leben. Ich bin süchtig danach geworden.

Christoph Müller Mit dem Buch „Anderland“ bezeichnet sich Erich Schützendorf als Reiseführer in die Welt der Demenz. Sie haben den Mut, sich als Auszubildenden zum Reiseführer in das Land des Lächelns vorzustellen. Das klingt gar nicht nach dem starken Helfer und dem schwachen Bedürftigen.

Eugen Prehsler Was daran ist mutig? Wer sollte der starke Helfer und wer der schwache Bedürftige sein? Ich habe mit alten Menschen geredet, gelacht und Kaffee getrunken, die unterschiedlichen Grade der Betreuung oder der Pflege bedurften. Schwach … weiß nicht. Bedürftig bin ich auch. Sie auch. Klar gab es Begegnungen, wo der Mensch mir vis-a-vis nicht gerade vor Kraft strotzte. Und Rollatoren sind auch ziemlich viele über meinen Weg gerollt. Aber auf der anderen Seite – ich zitiere hier sinngemäß Frau Gabriele Graumann, die Herausgeberin des Buches: „Nur weil ein alter Mensch schon ein bisschen schlechter hört, hie und da Herzrhythmusstörungen hat und eine Brille braucht und die 100 Meter nicht mehr unter 2 Minuten geht, ist er ja noch nicht krank. Er ist für sein Alter gesund. Den muss man nicht intensiv pflegen und stundenlang in Ärztewartezimmern festhalten. Ein lauteres „Guten Morgen“, das eine oder andere Medikament und beim Stiegensteigen unter die Arme greifen, wenn er das will … das reicht.“ … mir hat das irre imponiert. Und sie hat Recht. Nur, weil ich 24 Stunden in einem dieser Häuser mich aufgehalten habe und ein paar Dutzend, vielleicht 200 Gespräche geführt habe, bin ich noch immer kein Experte für Altsein. Das „Land des Lächelns“ … ich habe mir die Operette vom Lehar genommen, weil es ein schöner, ein leichter Titel ist. Und ja, ich habe es auch bei den Alten gefunden. Zwischen Schmerzen, Trauer und Einsamkeit. Immer wieder.

Christoph Müller In der stationären Langzeitpflege von alten Menschen herrscht die Kritik an unzumutbaren Zuständen vor. Sie zeichnen ein ganz anderes Bild, wo sich Lebendigkeit, Zugewandtheit und Herzlichkeit geradezu aufdrängen. Erscheint dies glaubhaft?

Eugen Prehsler Auf ihre geschlossene Frage werde ich jetzt tendenziell nicht mit nein antworten. Für das KWP mit seinen dreißig Häusern verbürge ich mich, dass es so ist. Da ist auch das Feedback der Bewohner äußerst positiv. Dass dies oft anders und möglicherweise in Deutschland noch krasser als in Österreich ist, kann ich mir nicht nur vorstellen, sondern wäre für mich auch nicht verwunderlich. Die Kosten explodieren, Personal ist schwer zu finden, in Privatbetrieben soll dann vielleicht auch noch ein Gewinn übrig bleiben … zu welchen Szenarien das führt, da muss man jetzt nicht unbedingt ein großer Zampano sein, um sich das auszurechnen. Eines aber ganz klar hier gesagt: Wir leben in Gesellschaften, wo jede kleinste Fehlleistung medial zu einem Mega-Skandal gepuscht wird. Dass es oft sehr schön ist, davon hört man ja nie was. Also ja: Glaubhaft im KWP und woanders auch, aber es gibt auch ganz andere Szenarien. Manche davon allerdings medial gehypt. Bleibt immer die Frage: Wer wird die steigende Zahl der Alten und ihre Pflege finanzieren? Mit dieser Frage muss ich mich jedoch zum Glück nicht auseinandersetzen.

Christoph Müller In der fachlichen Auseinandersetzung nimmt die Biographiearbeit einen breiten Raum ein. Ihr Buch lebt von den vielen Geschichten, die erzählt werden. War es die Freude an der Begegnung, die die Menschen bewegt hat, Ihnen Geschichten zu erzählen?

Eugen Prehsler Biographiearbeit. Was immer das sein mag. Grundsätzlich glaube ich, dass Menschen gerne reden. Und gerne etwas über sich erzählen. Sie kommen halt nur so selten dazu, weil niemand zuhört. Ich habe halt zugehört. Da entsteht sehr schnell Vertrauen. Übrigens nicht nur mit alten Menschen. Es funktioniert generell. Aber weil wir uns alle so wichtig nehmen, reden wir ja auch so gerne. Und hören wenig zu. Und das meistens auch noch schlecht. Und ich habe die alten Menschen spüren lassen, dass sie für mich keine faszinierenden Schaustücke sind, sondern ein anderer Teil jener Gesellschaft, von der ich, meine Kinder und meine Enkelkinder auch Teile sind. Begegnung auf Augenhöhe, nicht gönnerhaft herablassend.

Christoph Müller Sie sind in den Häusern des Kuratoriums Wiener Pensionisten-Wohnhäuser zu Gast gewesen. Die Häuser des KWP verstehen sich als Glücksproduzenten, dessen Betriebsziel das Lächeln des Alters ist. Ist dies aus der Sicht des teilnehmenden Beobachters realistisch?

Eugen Prehsler Was denn sonst? Ich glaube übrigens, dass das nicht nur in den Häusern des KWP so sein sollte – dort ist es das auch -, sondern die Hauptaufgabe der Politik generell ist. Nicht effiziente Überproduktion in einer immer kränker werdenden Gesellschaft, sondern eben glückliche Menschen. Und die lachen nun mal. Ich halte es für realistisch. Nicht nur in den Häusern des KWP. Ich mag dieses Betriebsziel. Und ja, im KWP habe ich die Realität gesehen. Und sie ist oft eine lächelnde. Dazwischen grantelns halt ein bissl, die Alten. Oder haben Schmerzen. Oder sind traurig. Oder sind inkontinent oder haben Verstopfung. Aber immer wieder … Glück und Lächeln. Bis zum Tod. Und selbst den empfangen viele noch mit einem Lächeln. Ja, definitiv. Glück wird dort produziert. Wie woanders Autos. Und es gibt dafür auch Produktionsfaktoren.

Christoph Müller Ich danke Ihnen für den etwas anderen Blick auf die stationäre Langzeitpflege alter Menschen.

Eugen Prehsler Ich danke Ihnen für dieses interessante und faszinierende Gespräch. Es hat mir Freude gemacht.

 

Das Buch, um das es geht

Eugen Prehsler: Das Lächeln des Alters, Maudrich-Verlag, Wien 2019, ISBN 978-3-99002-110-1, 184 Seiten, Euro.

 

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 216 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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