„Sich die eigene Lebensgeschichte zurückholen“

Religiosität und Spiritualität als Moment pflegerischen Alltags

(C) BrunoWeltmann

Christiane arbeitet auf einer gerontopsychiatrischen Station in einer großen Fachklinik. Es ist Sonntag. Die Frage steht wieder im Raum, welche Pflegenden die Untergebrachten in den Gottesdienst der Klinik-Kirche begleiten. „Es ist nicht meine Aufgabe“, hört Christiane von einem Kollegen. Er habe keinen Bezug zur Religion. Dies könne man nicht von ihm verlangen, wiederholt der Kollege. Christiane regt sich inzwischen nicht mehr darüber auf. Wenn es sie allzu sehr nervt, schüttelt sie in einer ruhigen Sekunde den Kopf.

Die Erfahrung von Christiane ist sicher keine Einzelerfahrung. Pflegende bekennen, im Alltag keinen Bezug zur Religiosität und zu den religiösen Gemeinschaften zu haben. Für sie erscheint es dann konsequent, sich im pflegerischen Alltag keine weiteren Gedanken dazu zu machen. Religion erscheint nicht mehr zeitgemäß, der Besuch religiöser Veranstaltungen gilt als altmodisch.

Dabei wird sicher einiges vergessen. Menschen, die in eine Klinik kommen, werden existentiell auf sich zurückgeworfen. Wenn die Gesundheit als bedroht erlebt wird, dann kommen Fragen nach dem Sinn des Alltags, der Endlichkeit des Lebens und dem „Was ist danach?“ auf. Es wundert nicht. Schließlich ist das Zurückgeworfen-Sein auf sich selbst eine passende Gelegenheit, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen, für die sich der zeitgenössische Mensch eigentlich nicht die Zeit nimmt.

Wenn ein Mensch wegen einer schweren Erkrankung im Krankenhaus liegt oder die Genesung in der eigenen Häuslichkeit sucht, dann kann sie oder er dem Schicksal nicht aus dem Weg gehen. Wie wird es mit mir weitergehen? Was ist mit meiner Familie, wenn meine infauste Diagnose zur letzten Konsequenz führt? Wie kann ich weiterleben, wenn meine chronische Erkrankung fortschreitet? Antworten können weder Seelsorger noch andere professionell Tätige in einer Klinik oder einer Kirchengemeinde geben. Sie können jedoch etwas Entscheidendes – sie können als Gesprächspartner und Wegbegleiter zur Verfügung stellen.

Auch Pflegende können eine wichtige Rolle als Sinnsucher und Hoffnungsgeber spielen. Pflegende können es vor allem aus dem Alltag heraus, da sie die Körperhygiene unterstützen, ein warmes Wort an der Zimmertüre sagen oder eben auch einfach einmal mit den Betroffenen den Weg in die Kapelle der Klinik suchen. Damit werden Pflegende dem eigenen Anspruch gerecht, wenn sie immer wieder betonen, dass sie Beziehungsarbeit machen und Vertrauen zu den Menschen aufbauen.

Ich glaube auch, dass es keine exklusive Aufgabe Einzelner ist, diese Wege der Begleitung mitzugehen. Jede Frau und jeder Mann suchen nach dem individuellen Sinn des Lebens. Es geht nicht darum, der einen oder anderen Weltsicht eine Absage zu erklären. Es geht darum, Aufrichtigkeit und Wertschätzung denjenigen entgegenzubringen, die an einem Punkt im Leben angelangt sind, an dem es zu Klärungen kommen muss. Subjektiv.

In der Gesundheitsfürsorge kursiert seit einigen Jahren der Begriff des Recovery. Bei Recovery geht es grundsätzlich um das Wiederfinden des Eigenen und das Aufgreifen und Annehmen der eigenen Geschichte. Wenn Pflegende es wagen, sich mit den Menschen, die ihnen anvertraut sind, auf den Weg zu machen, dann gehen sie einen entscheidenden Weg mit. Sie ermöglichen, dass sich Menschen die eigene Lebensgeschichte zurückholen – auch die Geschichten, denen jede und jeder gerne aus dem Weg geht.

Insofern wünsche ich Ihnen Sensibilität für die Sinnsuche der Menschen, denen sie helfen, und eine Offenheit für die Religiosität und Spiritualität der Zeitgenossinnen und Zeitgenossen.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 89 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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