Nicht im Schneckenhaus verstecken

Vom Politisch-Sein derPflegenden

(C) ink drop

Da sage einmal jemand, Pflegende seien nicht politisch. In diesen Tagen wird nicht nur bekannt, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Jahr 2020 zum „Internationalen Jahr der Pflegenden und Hebammen“ ausruft. In der Bundesrepublik Deutschland tauchen die ersten Vorboten einer Bundespflegekammer auf. Am 14. Juni haben sich die Vertreterinnen und Vertreter der bislang existierenden Landespflegekammern zur Konstituierung einer Pflegekammerkonferenz getroffen. Von einem „neuen Kapitel der beruflichen Selbstverwaltung der Pflegefachberufe auf Bundesebene“ wird gesprochen. Vor wenigen Tagen stellten die Ministerin Franziska Giffey (SPD) sowie die Minister Hubertus Heil (SPD) und Jens Spahn (CDU) die Ergebnisse der „Konzertierten Aktion Pflege“ vor.

Eigentlich müssten wir als Pflegende froh sein, dass wir von der politischen wie gesellschaftlichen Öffentlichkeit eine so große Aufmerksamkeit bekommen. Das Traurige scheint nur zu sein, dass wir stereotypen Ansichten über die pflegenden Berufe begegnen. So wurde im Rahmen der „Konzertierten Aktion Pflege“ festgezurrt, dass Altenpflegende künftig besser bezahlt werden sollen. Natürlich haben es die Kolleginnen und Kollegen in den Pflegeheimen und den ambulanten Pflegediensten verdient, mehr Geld in der Tasche zu haben.

Es stellt sich unmittelbar die Frage, wie die Rahmenbedingungen in den Arbeitskontexten verbessert werden können. In Deutschland, Österreich und der Schweiz arbeiten immer noch unzählige Menschen in einer Sechs-Tage-Woche. Kurze Wechsel vom Spätdienst in den Frühdienst gehören zum Alltag. Dabei achten nur wenige Arbeitgeber und Dienstvorgesetzte darauf, dass die Ruhezeiten nach Arbeitszeitgesetzen eingehalten werden. Und es wundert nur wenige, dass die körperlichen und seelischen Ressourcen bei Pflegenden ständig schwinden. Wenn diese kurzen Wechsel dann zum zweiten oder dritten Male in einer Woche passieren, dann muss sich sicher niemand wundern, dass Kolleginnen und Kollegen sich krankmelden müssen.

Natürlich wird vollmundig gefordert, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern sollen. Dabei lohnt es sich, auf die Komplexität der Aufgaben in den pflegenden Berufen zu schauen. Gerade Pflegende in Pflegeheimen sind Multitasking-Talente. Sie sind Meister der Beziehungsarbeit und Experten grund-wie behandlungspflegerischer Aufgaben. Der depressiv veränderten älteren Frau begegnen sie genauso warmherzig wie kompetent. Ihnen ist es gleichzeitig nicht zu mühevoll, das Wundmanagement bei einem Dekubitus zu schaffen. Angehörigen, die einmal mehr über die Versorgungsqualität klagen, treten sie mit Freundlichkeit und Höflichkeit entgegen. Den Haus-und Fachärzten, die die Pflegeheim-Bewohner(innen) versorgen, laufen sie wegen Anordnungen, Verordnungen und Rezepten hinterher.

Als Pflegende sollten wir einmal in unseren Freundeskreisen und Familien fragen, wie komplex die alltäglichen Aufgaben im Beruf sind. In vielen Berufen gehört die Reduktion von Komplexität zum täglichen Geschäft. Wer eine Sozialleistung genehmigt, der zahlt sie nicht aus. Er kann auch darauf bauen, dass seine Genehmigung von einem Dritten überprüft wird. Dies gibt nicht nur Sicherheit. Es macht den beruflichen Alltag einfach leichter.

In den pflegerischen Berufen ist es natürlich so, dass unser Handeln von jahrhundertealten Haltungen geprägt ist. Ordensschwestern und Ordensbrüder waren rund um die Uhr in der Versorgung präsent. Der Arbeitsort war gleichzeitig der Lebensmittelpunkt. Als sie mehr und mehr die Einrichtungen mangels Masse verlassen haben, haben sich die Haltungen der Pflegenden nur schwerlich verändert. Oder hat Wolfgang Schmidbauer mit seiner Beschreibung des „Helfer-Syndroms“ unrecht?

Eine Bundespflegekammer bietet eine Möglichkeit, politisch eine lautere Stimme zu bekommen. Bei vielen Gesetzgebungsverfahren werden Pflegende zwar heute schon hier und dort angehört.  Entscheidungen im Gemeinsamen Bundesausschuss sind dann meist den medizinischen Fachgesellschaften und den Kostenträgern überlassen. Ja, auch wenn es um Fragen pflegerischen Handelns geht. Gerade bei Gesetzgebungsverfahren macht es Sinn, auch die Stimme derjenigen zu hören, die auf den Stationen und in den häuslichen Umgebungen Gebrechliche und Alte versorgen. Und ihnen die Möglichkeit zu geben, Entscheidungen zu tragen und zu fällen.

Wenn das Jahr 2020 das „Internationale Jahr der Pflegenden und Hebammen“ wird, dann sind nahezu alle Pflegenden aufgefordert, ihre Stimme politisch zu erheben. Es hilft nichts und niemanden, sich im Schneckenhaus zu verstecken. Es macht Sinn, sich in den Gewerkschaften, den Berufsverbänden und den Pflegekammern zu engagieren. Es ist notwendig, sich hier oder dort bei Demonstrationen auf die Straße zu gehen. Und es ist unverzichtbar, in den Familien und Freundeskreisen, aber auch in anderen Öffentlichkeiten darzustellen, was Pflegende Tag für Tag leisten – und anzumerken, dass sich daran etwas ändern muss. Massiv.

 

 

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 100 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen