Christophs Pflege-Café: Mit sich selbst befreunden

Über Nähe und Distanz in pflegenden Berufen

(C) Yakobchuk Olena

Die Situation ist vielen Pflegenden geläufig. „Du musst auf Dich aufpassen, dass Du die Geschichte nicht allzu nahe an Dich heranlässt. Es tut Dir sicher nicht gut, wenn Du von der Geschichte aufgefressen wirst“, warnen mehr oder weniger erfahrene Kolleginnen und Kollegen. Es sind ganz unterschiedliche Momente, in denen Warnungen dieser Art ausgesprochen werden. In der psychiatrischen Pflege geschieht dies vielleicht, wenn eine traumatisierte Patientin dauernd ihre Seelenlast zum Ausdruck bringen will. In der gynäkologischen Pflege begegnet einem dies, wenn einzelne Kolleginnen Mitgefühl bei einer Krebsdiagnose zeigen.

Zahlreiche Erlebnisse und Erfahrungen haben Pflegende mit der Auseinandersetzung mit Nähe und Distanz gemacht. Gerade negative Erfahrungen sorgen dafür, dass die Beschäftigung mit der heiklen Frage nach Professionalität und Menschlichkeit in den Blickpunkt kommt. Mir ist es nicht anders ergangen. Es sind Sympathien gegenüber Menschen, die die Distanz zu den Menschen in der Klinik weniger werden lässt.

Letztendlich ist es so, dass die Bestimmung von Nähe und Distanz stark subjektiv geprägt ist. Problematisch ist, dass gerade Pflegende eigentlich kein Handwerkszeug zur Hand haben, um die Frage nach Nähe und Distanz zu anvertrauten Menschen zu beantworten. Es gibt eine so kleine Zahl fachlicher Schriften, die die Nähe und die Distanz in helfenden Beziehungen thematisieren, dass man glauben mag, es habe niemand Sorgen damit. Kollegiale Beratungen, Supervisionen oder Selbsterfahrungsgruppen sind so selten, dass sie keine Breitenwirkung in den Strukturen von Krankenhäusern, Wohnheimen oder ambulanten Diensten entfalten.

Die Journalistin Elisabeth von Thadden hat vor kurzem mit ihrem Buch „Die berührungslose Gesellschaft“ eine Diskussion in Gang gebracht, die die pflegenden Berufe unbedingt einholen sollte. Von Thadden sieht den zeitgenössischen Menschen in dem Zwiespalt, Nähe zu brauchen und doch in seiner Verletzbarkeit vor unfreiwilliger Nähe geschützt sein zu wollen. Dies trage jede und jeder am eigenen Leibe aus.

Damit spricht von Thadden sicher vielen Pflegenden aus dem Herzen. Ambivalenz gehört zu jeder helfenden Tätigkeit. Pflegende sorgen sich um viele Menschen, deren Körper und Seelen aus der Balance geraten sind. Dabei suchen sie eine Nähe zu den Betroffenen, die im alltäglichen Leben unvorstellbar ist. Grundpflegerische und behandlungspflegerische Interventionen haben einfach zur Folge, dass körperliche Schranken übersprungen werden. Dabei müssen Pflegende wahrscheinlich auch häufig über den eigenen Schatten springen. Sie müssen Menschen pflegen, die Unbehagen auslösen.

Dabei spüren Pflegende ein Phänomen, dem sie sicher häufig zu wenig Beachtung geben. Sie spüren ein Unwohlsein in der Magengrube. Was sie emotional bewegt, dies drückt sich körperlich aus. Der französische Philosoph und Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty sieht im Leib einen „ … für alle anderen Gegenstände empfindlicher Gegenstand, der allen Tönen ihre Resonanz gibt, mit allen Farben mitschwingt und allen Worten durch die Art und Weise, wie er sie aufnimmt, ihre ursprüngliche Bedeutung verleiht“ (Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, S. 276).

Der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs hat es anders ausgedrückt: „Der Leib ist, wie William James (1884) es einmal        ausdrückte „ein höchst sensibler Resonanzkörper, in dem jede Emotion widerklingt“. Dabei haben die unterschiedlichen Leibempfindungen eine unmittelbare Rückwirkung auf die Emotion: Das eigene Herz in der Angst klopfen zu spüren, erhöht die Angst, das Brennen der Scham im eigenen Gesicht verstärkt die peinliche Erfahrung der Ausgesetztheit und Demütigung. Wir sollten daher Leibempfindungen nicht als bloße Nebenprodukte ansehen, die von den Emotionen als solchen verschieden sind, sondern vielmehr als das Medium der affektiven Intentionalität selbst. Sich zu ängstigen ist nicht möglich, ohne das Gefühl einer leiblichen Spannung oder eines Zitterns, ohne das Klopfen des Herzens oder die Beengung der Atmung, ohne eine spürbare Tendenz, sich zurückzuziehen. Durch diese Empfindungen sind wir ängstlich auf eine bedrohliche Situation ausgerichtet“ (Fuchs, 2014, S. 15).

Was sollen diese Überlegungen Pflegenden sagen? Nähe und Distanz sind sicher keine Phänomene, die mit einer räumlichen Bestimmung des Miteinander-Seins zu tun haben. Nähe und Distanz sind Phänomene, die viel über die handelnden Menschen aussagen. Wenn sich Menschen begegnen, so gibt es auf jeden Fall eine Resonanz in der gemeinsamen Begegnung. Gleichzeitig gibt es immer eine Interaktion zwischen den Menschen und den Umgebungen, in denen sie sich bewegen. Diese Resonanz geschieht unmittelbar und unbewusst.

Pflegende sind demnach aufgefordert, sich mit sich selbst zu befreunden. Wilhelm Schmid hat als Lebenskunstphilosoph den Begriff der Selbstfreundschaft geprägt. Denn erst aus der Selbstfreundschaft kann die Aufgeschlossenheit und Zuwendung zum Gegenüber erwachsen. So stellt sich die Frage nach der Nähe und der Distanz auf eine ganz andere Weise. Die Ambivalenz kann sich auflösen lassen, indem Pflegende den eigenen Leib als Richtschnur beim professionellen Handeln anerkennen. Wer auf diesen gut hört, kann das Maß von Nähe und Distanz anders und neu bestimmen.

Literatur

Fuchs, T. (2014). Verkörperte Emotionen – Wie Gefühl und Leib zusammenhängen. In Psychologische Medizin, 25 (1), 13-20.

Merleau-Ponty, M. (1966). Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin: De Gruyter.

Schmid, W. (2004). Mit sich selbst befreundet sein. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Schmid, W. (2018). Selbstfreundschaft – Wie das Leben leichter wird. Berlin: Insel.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 69 Artikel
psychiatrisch Pflegender, Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag), Fachautor

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen