„In die Schuhe der Betroffenen schlüpfen“

Wie der Umgang mit Restriktionen gelingen kann

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Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen. Es muss in der ersten Unterrichtsstunde gewesen sein, als wir seitens des Leiters unserer Krankenpflegeschule, Ferdi Sobott, gefragt wurden: „Welchen Grund gibt es denn eigentlich, dass Menschen in der psychiatrischen Klinik untergebracht werden?“ Als Lernende hatten wir eine große Phantasie. Die Betroffenen seien doch so krank, die Menschen müssten doch behandelt werden – unserem Gedanken an die Fürsorge waren keine Grenzen gesetzt. Er antwortete auf seine eigene Weise: „Die Menschen kommen zu uns in die psychiatrische Klinik, weil sie mit den Symptomen in der Gesellschaft aufgefallen sind.“

Als junge Menschen waren wir damals verwundert. Über die vielen Jahre in der Versorgung seelisch erkrankter Menschen ist mir die Aussage immer wieder ins Gedächtnis gekommen. Betroffene kommen ins Krankenhaus, weil sie sich in der Gesellschaft nicht mehr integriert fühlen. Sie werden von An-oder Zugehörigen, von gesetzlichen Betreuern oder Ordnungsbehörden untergebracht, weil sie aufgefallen sind. Eine demente ältere Frau regelt leicht bekleidet den Verkehr auf der Straße. Der psychotisch veränderte Mensch hat in seiner Wohnung die Wände und Türen beschädigt, so dass es den Nachbarn auffiel.

In früheren Jahren sind die Anstalten außerhalb der Kommunen gebaut worden. In der Frische des Ländlichen sollten die Seelen genesen. Die seelisch erkrankten Menschen sind für die meisten anderen Menschen aus dem Blick gewesen. Phänomene des Auffälligen und Skurrilen wurden bei Seite geschafft. Gegenwärtig sind nicht nur psychiatrische Kliniken inmitten der Gesellschaft. Auch Pflege-und Wohnheime finden sich in unmittelbarer Nachbarschaft.

Für die zeitgenössische Gesellschaft sind damit neue Anforderungen verbunden. Die zeitgenössischen Menschen müssen sich mit dem Befremdlichen und Bedürftigen an sich beschäftigen. Noch mehr: Sie müssen klären (jeder für sich), wie sie damit umgehen, wenn es sie selbst mittelbar oder unmittelbar betrifft. Sie müssen sich der Frage stellen, wie eine jede oder ein jeder leben will, wenn sie oder er von Pflegebedürftigkeit oder alltäglicher Auffälligkeit betroffen ist.

Kann ich mir vorstellen, wenn ich hinter einer geschlossenen Türe untergebracht werde? Wie reagiere ich darauf, wenn mir eine Pflegende oder ein Pflegender morgens um halb sechs den Kaffee vorenthält, den ich seit Jahrzehnten beim Wachwerden trinke? Lasse ich mir vorschreiben, wann ich Ausgang auf einer Station habe? Eine jede und ein jeder muss sich aus meiner Sicht erst einmal die Antwort auf solche Fragen geben, bevor Stellung gegenüber Untergebrachten oder Pflegebedürftigen bezogen wird.

In den letzten Jahren sind noch andere Fragen aufgetaucht: Hat der Mensch ein Recht auf Krankheit und Autonomie? Darf dies so weit gehen, dass sie oder er keine Medikamente nehmen muss? Darf der Selbstvernachlässigung so viel Raum gelassen werden, dass sich die Betroffenen gar nicht mehr duschen? Wie viel müssen Pflegende in der psychiatrischen Versorgung und in der Heimversorgung aushalten? Pflegende sind doch vor allem für die Fürsorge da.

Historisch sind Restriktionen die Antwort auf herausforderndes Verhalten gewesen. Dies hat mein Lehrer in der Pflegeschule bereits auf den Punkt gebracht. Wer restriktiv handelt, der oder die muss sich der Tatsache bewusst sein, dass auf Druck immer mit Gegendruck geantwortet wird. Damit ist die Gefahr verbunden, auch den einen oder anderen blauen Flecken abzukriegen. Menschlichkeit kann bedeuten, mit den Betroffenen nach Wegen zu suchen, die gehbar sind. Oder auch einmal anzuerkennen, dass das Gegenüber einen eigenen Willen hat. Zum Glück.

Christoph Mueller
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Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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