Im Interview mit Gerontopsychiater Rolf Hirsch

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Rolf D. Hirsch gehört seit vielen Jahren zu den Galionsfiguren des therapeutischen Humors im deutschsprachigen Raum. Dem Gerontopsychiater aus Bonn geht es seit jeher um den Brückenschlag von der Theorie zur Praxis. Hirsch hat selbst Humorgruppen gemeinsam mit gerontopsychiatrisch veränderten Menschen gestaltet. Die Suche nach Erkenntnissen hat seinen beruflichen Alltag auch immer begleitet. Mit dem „Humor-Buch“ rundet Hirsch seine eigenen ernst-heiteren Diskurse zum therapeutischen Humor ab. Christoph Müller hat bei einem guten Kaffee und schmackhaften Kuchen so manches Lachen mit Hirsch ausgetauscht.

Christoph Müller Lange Jahre haben Sie als Chefarzt in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet. Hatte dort das Spielerische seinen Ort? Wie bedeutend ist das Spielerische im menschlichen Alltag, aber vor allem in einer seelischen Krise?

Rolf Hirsch Im Alltag der Klinik hat das Spielerische bisher leider keinen Platz. Es ist alles ernst und „Professionell“. In Gesprächen über mögliche Alternativen bei der Behandlung von Patienten taucht manchmal schon etwas Spielerisches auf. Doch wird gerne auch gelacht. Es besteht halt die Angst, dass mit dem Spiel der Ernst einer Situation nicht gewürdigt wird. In einer seelischen Krise gilt es sehr behutsam spielerisches Denken zu fördern, auch eine andere Sichtweise zu fördern. Perspektivenwechsel hilft nicht nur eine Krise auszuhalten, sondern auch mögliche Lösungen anzugehen. Allerdings soll durch Spiel ein Problem nicht verdrängt oder abgewiegelt werden, sondern aktiv und kreativ -nach einem Trauerprozess- angegangen werden.

Christoph Müller Sie stellen in dem Buch die Frage nach dem Humor als einem effektiven Pharmakon. Gleichzeitig gehören Sie zu den Menschen, die mit einem Lächeln den Humor auf Rezept verschreiben wollen. Was macht Sie so sicher, dass Heiterkeit Menschen hilft, wenn sie körperlich oder seelisch leiden?

Rolf Hirsch Wie jedes Pharmakon, so ist es auch mit dem Humor: einschleichen, individuell dosieren zur rechten zeit am rechten Ort. Wer seinem Leiden auch etwas Komisches abgewinnen kann, findet leichter einen Weg, dieses zu verringern oder zu ertragen (z.B. bei chronischen Schmerzen oder bei einer infausten Diagnose). Die Menschen lachen zu wenig fröhlich miteinander, gerade wenn sie älter sind. Manche sind auf ihr Leiden so fixiert, dass sie fast davon verzehrt werden. Dieses zu lockern zw. Auch mit Tanz und Musik fördert einen Einstellungswechsel und führt eher zu einer Bewältigung als sich ständig zu grämen oder in der Nacht zu grübeln.

Christoph Müller Warum lassen viele Menschen, die in therapeutischen, medizinischen oder pflegerischen Berufen tätig sind, die Heiterkeit und den Humor links liegen? Wie ist den professionell Tätigen zu helfen?

Rolf Hirsch Humor gilt bei vielen Profis noch als Klamaukmacherei. Die Medizin muss bitter sein und die Pflege streng nach Leitlinie. Auch die Angst, als Profi nicht ernst genommen zu werden, verringert die Möglichkeit, humorvoll und professionell tätig zu sein. In keiner Leitlinie oder in keinem Pflegestandard ist Humor beschrieben. Also: nichts für Profis. Doch manche Profis halten sich nicht daran und versuchen, auch KollegInnen anzustecken. Möglich sind z.B. Humorschulungen, -trainings, Humorfortbildungen. Humortage, Einladung von KlinikClowns oder die Teilnahme an einem Impro-Theater-Kurs und Clown-Seminar. Ich halte auch ein „Humorzimmer“ für wichtig mit DVD-Clips, Anekdoten- und Witzbüchern, lustigen Utensilien etc. für die Mitarbeiter. Auf jeder Station sollte ein Witz- oder Anekdotenbuch sein. Wie wäre es, bei einer Stationskonferenz mit einem heiteren Erlebnis mit einem Patienten zu beginnen?

Christoph Müller Angehörige körperlich oder seelisch erkrankter Menschen sind bekanntlich die größte pflegende Gruppe im deutschsprachigen Raum. Für Betroffene sind sie die Rettungsanker. Wie können Humor und Heiterkeit Rettungsringe für Angehörige sein?

Rolf Hirsch Zunächst ist es natürlich wichtig, die Bedürfnisse und Sorgen von Angehörigen zu hören, empfinden und anzunehmen. Erst dann ist es mit viel Einfühlungsvermögen möglich, heitere Aspekte in Gesprächen und in Gruppen (Selbsthilfegruppen) einzubeziehen. Doch insbes. in Selbsthilfegruppen von Angehörigen von Demenzerkrankten tritt Lachen und Heiterkeit häufiger auf. In mancehn Spielfilmen wird auch auf humorvolle Weise manche Schwierigkeiten gelöst (z.B. Honig im Kopf, Bis zum Horizont und dann links….). Groteske Situation einfach umdrehen („Kippphänomen“) und sich in den Augenblick einfühlen, dann lösen sich viele Ärgernisse. Natürlich kann Humor nicht erzwungen werden. Zudem: Angehörige sollten sich mit heiteren und humorvollen Utensilien umgeben, mit Musik sich beleben etc.

Christoph Müller Als jemand, der selbst von einer Depression betroffen ist, hat der Kabarettist Willibert Pauels einmal gesagt, dass ihm Humor während seiner akuten Erkrankung nicht geholfen habe. Er habe jedoch gewusst, dass er auf dem Weg der Genesung sei, als er erste Zeichen von Heiterkeit wahrnahm. Wie haben sich aus der Perspektive des helfenden Menschen vergleichbare Phänomene dargestellt?

Rolf Hirsch Sowie bei einem Depressiven sich die Mimik verändert, aus der Starre in die Bewegung, ist oft Lachen angesagt. Dieses ist ein Sonnenstrahl in der Düsternis und Schwere des Depressiven. Etwas hat sich bewegt und das ist entscheidend. Allerdings können manche Schwerdepressive Lachen nicht ertragen. Z.B. auch von Mitarbeitern. Depressive empfinden, dass über sie gelacht wird und sind beschämt. Richtig ist, dass auf dem Weg der Gesundung Heiterkeit zu empfinden ein deutliches Zeichen von Veränderung ist. Erstaunlicherweise profitieren schwerer Depressive besonders von einer Humorgruppe.

Christoph Müller Was unterscheidet das Verständnis des therapeutischen Humors von der gegenwärtigen Event-Orientierung der Stand-up-Comedy?

Rolf Hirsch Der therapeutische Humor bezieht sich auf den dessen Einsatz zur Verbesserung von Ressourcen, Verringerung von „Defiziten“, Stabilisierung von Resilienzen und hat zum Ziel, salutogenetisch zur Gesundung eingesetzt zu werden. Beim Humor geht es nicht darum, dass man viel lacht, heiter ist und ausgelassen ist. Entscheidend ist, das Komische in der Erkrankung ansehen und erleben zu können, eine neue Perspektive einzunehmen und sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Natürlich ist manchmal auch Klamauk und mancher freundliche Spaß hilfreich, doch nicht um des Klamauks willen. Sich selbst in der Gegenwart zu empfinden, nicht sich von den Sorgen der Zukunft und dem Ballast der Vergangenheit erdrücken zu lassen, sondern das Leben auf heitere Weise anzunehmen: das ist Therapie!

Christoph Müller Was macht für Sie die Faszination von Heiterkeit und Humor aus?

Rolf Hirsch Es öffnet Türen und Tore. Menschen, die sich anlächeln, brauchen keine Freundschaftsbezeugungen. Humor hat auch eine Revoluzzer-Komponente. Zudem ändert sich eine schwierige Situation plötzlich, wenn die Heiterkeit hinzukommt. Humor hat auch etwas mit Kunst zu tun! Er hat eine Vielzahl von kreativen Erscheinungsbilder und fordert von mir, mich auf das Gegenüber zu konzentrieren und einzustellen: Eine humorvolle Herausforderung und Aufgabe!

Christoph Müller Herzlichen Dank für das heitere Gespräch.

 

 

Das Buch, um das es geht

Rolf Dieter Hirsch: Das Humor-Buch – Die Kunst des Perspektivenwechsels in Theorie und Praxis, Schattauer Verlag, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-608-43261-9, 512 Seiten, 50 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 100 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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